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Medien Blogger wollen mehr Beachtung durch die Politik
Nachrichten Medien Blogger wollen mehr Beachtung durch die Politik
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15:42 15.04.2011
Besucher und Blogger während eines Vortrags des Web-Kongresses "re:publica" im Friedrichstadtpalast in Berlin. Quelle: dpa
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Artig bedankt sich der Blogger Richard Gutjahr für Spenden, mit denen er einen Besuch bei der Revolution in Ägypten finanzieren konnte. Für seine Online-Berichte vom Tahrir-Platz in Kairo gaben Internet-Nutzer über Dienste wie PayPal und Flattr rund 4000 Euro. Auch der WikiLeaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg hat für die geplante Enthüllungsplattform OpenLeaks mit Hilfe von Flattr bisher rund 600 Euro erhalten, wie er auf der Konferenz re:publica in Berlin mitteilte. Die Facebook-Alternative Diaspora hat mit "Crowd-Funding" sogar 200 000 Dollar von mehr als 6000 Internet-Nutzern gesammelt: Das kostenlose Internet erschließt sich seine eigenen Finanzierungsquellen. Die Netzgemeinde will auf eigenen Beinen stehen, will sich ein offenes und freies Internet erhalten, und diese Forderungen auch gegenüber der Politik deutlicher zur Sprache bringen. So lautet das wesentliche Fazit der Konferenz in Berlin. Drei Tage lang haben rund 3000 Blogger und Betreiber von vielfältigen Internet-Projekten über ihre Sorgen und Hoffnungen diskutiert.

Die re:publica gilt als Klassentreffen der Szene, hier rückt ausnahmsweise mal das analoge Vernetzen in den Vordergrund. Das Internet ist das "Betriebssystem der Gesellschaft" - eine Plattform, auf der alles andere aufbaut. So formulierte es Gunter Dueck, Technikchef von IBM Deutschland. Ob intelligente Stromnetze, Telemedizin oder elektronische Steuererklärung - keine Anwendung ohne Internet. Aber wie soll das Betriebssystem aussehen? Das Programm der re:publica brachte den Katalog mit Forderungen der aktiven Internet-Szene zum Ausdruck: für die Befreiung öffentlicher Daten aus den Rechnern der Behörden, für Netzneutralität und eine Reform des Urheberrechts. Und gegen Vorratsdatenspeicherung, Zensur und Netzsperren. Hört man sich unter den re:publica-Besuchern um, findet man kaum jemanden, der sich gut von der Politik vertreten fühlt. Die Standardbeschimpfung für die politisch Verantwortlichen lautet "Internet-Ausdrucker".

Bei einer Präsentation der neuen Interessenvertretung mit dem Namen Digitale Gesellschaft warf Initiator Markus Beckedahl ein Foto des über die Plagiatsaffäre gestürzten Ministers Karl-Theodor zu Guttenberg an die Wand, mit der Frage: "Warum ist das Urheberrecht eigentlich so kompliziert?" Dueck forderte die Besucher zu mehr Engagement auf: "Sie müssen doch irgendwie sagen, wie Sie das Land haben wollen, verdammt noch mal!" Und: "Sie müssen was wollen, nicht für sich und das Internet, sondern für alle!" Mehr Präsenz forderte auch der Blogger und Autor Sascha Lobo, der mit Irokesenschnitt und Schnauzbart zu den großen Selbstvermarktern in der Szene gehört. Der Berliner ist in den klassischen Medien sehr präsent - das sei aber nicht seine Schuld. In einer gespielten Pöbelei mit ernst gemeinten Hintergrund sagte er: "Ihr seid entweder zu doof oder zu leise, um in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen - zumindest medial." Wer "die digitale Gesellschaft prägen" wollte, dürfe nicht immer mit den "gleichen 1500 Deppen sprechen" und sich gegenseitig über Detailfragen zerfleischen. Immerhin: Die Zuhörer lachten und klatschten. Eine Interessenvertretung mit klarem Profil will auch der Verein Digitale Gesellschaft sein.

Die Netzgemeinde will raus aus der Nische. "Wir versuchen, die Themen herunterzubrechen, dass wir auch unsere Eltern erreichen", sagte Beckedahl. "Wir wollen zu jedem Gesetzesprozess aus Sicht der Internetnutzer Stellungnahmen schreiben." Daneben ist die Unterstützung von Kampagnen geplant, online wie offline. "Wir können uns nicht mit Greenpeace vergleichen, die haben Schlauchboote", sagte der Blogger von netzpolitik.org. Aber es sei jetzt die Zeit, um mehr Aufmerksamkeit für die Themen der Netzgemeinde zu gewinnen. "In zehn Jahren könnte es zu spät sein." Vom Erkennen des richtigen Augenblicks wussten die aus arabischen Ländern eingeladenen Blogger zu berichten. Die Revolution in Ägypten sei von den Menschen gemacht worden, nicht vom Internet, sagte die Bloggerin und Journalistin Noha Atef in einem eindrucksvollen Vortrag. Aber die Nutzung von Sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter habe den Weg zur Revolution geebnet. Kairo-Besucher Gutjahr schreibt in einem Blog-Beitrag zur re:publica, das Überleben der Blogger in Deutschland werde davon abhängen, ob es der Szene gelinge, eine bedeutendere Rolle in der politischen Debatte zu spielen. "Geld- und Schlauchboot-Spenden immer gerne willkommen."

dpa

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