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Braucht Deutschland digitales Antennenradio?

NDR-Hörfunkdirektor Joachim Knuth im Interview Braucht Deutschland digitales Antennenradio?

Die Technik ist günstiger als UKW, es gibt mehr Sender – doch braucht Deutschland das 600 Millionen Euro teure digitale Antennenradio DAB+ wirklich? Fragen an NDR-Hörfunkdirektor Joachim Knuth.

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Braucht Deutschland das 600 Millionen Euro teure digitale Antennenradio DAB+ wirklich?

Quelle: Fotolia

Herr Knuth, im Gegensatz zum digitalen Antennenfernsehen kämpft das digitale Radio per Antenne seit 20 Jahren mit Akzeptanzproblemen. Was ist Ihre Erklärung dafür?

Das liegt vor allem daran, dass es sehr viele Beteiligte gibt, die bisher nicht an einem Strang gezogen haben. Da ist nicht nur die ARD, da ist die Privatradioszene, da sind die Landesmedienanstalten. Bis heute gibt es keinen DAB-Chip in allen neu verkauften Radios. Und die Automobilindustrie verlangt für DAB-Radios in Neuwagen immer noch Aufpreise.

2011 ist der Digitalradiostandard DAB auch wegen mangelnder Nutzung abgeschafft worden. Man hat den Eindruck, der Nachfolger DAB+ soll nun unbedingt durchgesetzt werden. Warum sollte das funktionieren?

Ich glaube, dass wir jetzt in einer entscheidenden Phase sind. Bis zum Ende dieses Jahrzehnts wird sich gezeigt haben, ob Radio auch in digitalen Zeiten einen eigenen, medienspezifischen Ausspielweg behält – oder nicht. Falls nicht, hätte es das Radio schwer, die Bedeutung zu behalten, die es als Medium heute hat.

Für DAB+ soll das klassische UKW abgeschaltet werden. Warum eigentlich?

Unsere Daten zeigen: Die, die schon DAB+ hören, sagen, dass es viel einfacher ist als UKW-Radio. DAB+-Radios haben deutlich bessere Verkaufszahlen als vor einigen Jahren. Bundesweit hat etwa jeder zehnte Haushalt ein DAB+-taugliches Gerät.

Aber braucht Deutschland überhaupt digitales Antennenradio? Internetradio erfüllt im Prinzip doch denselben Zweck. Jürgen Brautmeier, Chef der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen, fordert, das Geld für DAB+ lieber in den Ausbau des mobilen Internets zu stecken. Er nennt DAB+ eine "Übergangstechnologie".

Wir machen ja beides. Und wir brauchen auch beides – unter anderem aus Sicherheitsgründen. Die digitale terrestrische Versorgung ist zum Beispiel in Krisenzeiten sehr robust, wenn viele auf ihr Radio zurückgreifen. Wir wissen alle, dass das Netz bei Überlastung gerne mal zusammenbricht. Es gibt weitere Vorteile: Die Technik ist günstiger als UKW, es gibt mehr Sender.

Beim Fernsehen hat die Digitalisierung für knackscharfe Bilder und astreinen Ton gesorgt – was bringt DAB+ dem Kunden?

Es gibt mehr Sendervielfalt und Zusatzinfos auf dem Display, von Verkehrsnachrichten bis Musikinfos, vom Programmführer bis zu Veranstaltungstipps. Und das in CD-Qualität: Nichts rauscht, nichts knistert.

Glauben Sie wirklich, dass Zusatzinfos die Hörer über den Verlust ihres UKW-Radios hinwegtrösten?

Ich gebe Ihnen recht. Der entscheidende Punkt wird sein: Gibt es da Dinge zu hören, die ich über UKW nicht hören kann? Wir bekommen zum Beispiel sehr gute Reaktionen auf NDR Plus, das neu gestartete Schlagerradio, das es per Antenne nur über DAB+ zu hören gibt.

Das ist doch ein Lockmittel. 150 Millionen UKW-Radios in Deutschland wären plötzlich Elektroschrott.

Ja, Radios haben eine hohe Lebensdauer. Die sind nicht totzukriegen. Es gibt sicher heute noch Haushalte, wo der Bajazzo Sport 201 von Telefunken aus den Sechzigerjahren steht. Für uns ist das eine Überlebensstrategie. Das Radio muss als Gerät erlebbar bleiben. Was würde passieren, wenn das Radio auch rein haptisch verschwände? Wenn wir oder unsere Kinder in zehn oder 15 Jahren gar nicht mehr wüssten, was ein Radiogerät war, weil Radio nur noch eine Unterfunktion oder eine App auf dem Smartphone oder iPad ist?

Kunden spüren sehr genau, wenn sie von etwas überzeugt werden sollen, das sie eigentlich ablehnen. Was ist, wenn sie sich schlicht verweigern?

Das ist relativ einfach: Dann wird es DAB+ nicht geben.

Wann UKW abgeschaltet wird, ist politisch umstritten. Das Deutschlandradio spricht von 2025, die ARD will sich nicht festlegen. Deutschlandradio-Intendant Willi Steul findet, wenn 50 Prozent aller Hörer über neue Geräte verfügten, könne man den Schalter umlegen.

50 Prozent werden nicht reichen. Wir müssten schon bei 80 Prozent liegen. Wenn wir in den nächsten vier Jahren die Weichen insofern gestellt haben, dass DAB+ nicht mehr aufzuhalten ist – dann denke ich, dass der Umstieg etwa zehn Jahre dauern wird. Aber bevor UKW abgeschaltet wird, müssen wir sicher sein, dass genug Geräte im Markt sind und das Netz ausgebaut ist. Ich denke, dass wir in der ersten Hälfte der 2020er-Jahre eine Netz-Vollversorgung erreichen können.

Träumen Sie nachts von einer Abwrackprämie für UKW-Radios?

Ein sehr attraktiver Gedanke. Bei 150 Millionen Geräten aber vielleicht ein bisschen steil. Mir würde es reichen, wenn alle neu verkauften Radios DAB+-tauglich wären.

Die ARD darf bis 2020 knapp 90 Millionen Euro für den Ausbau des DAB+-Netzes ausgeben. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten schätzt die Gesamtkosten für die DAB+-Umstellung auf knapp 600 Millionen Euro. Die privaten Radiosender sind an DAB+ aber gar nicht sonderlich interessiert. Wie wollen Sie Politik und Private überzeugen?

Erstens müssen wir darüber nachdenken, wie viel uns die Eigenständigkeit des Mediums wert ist. Da sitzen ARD-Radios und Privatsender in einem Boot. Zweitens könnte man ja überlegen, ob diejenigen, die privat in DAB+ investieren müssten, später mit dem Verkauf der UKW-Lizenzen eine Refinanzierung erreichen. Das ist eine politische Entscheidung, genau wie der dritte Punkt: ob neue Radios mit dem DAB+-Chip ausgestattet sein müssen – auch in Neuwagen.

Viele Privatsender sehen in DAB+ keinen Sinn. In Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern ist bisher kein einziger Privatsender per DAB+ zu empfangen.

Ich habe in der Tat nicht zwingend den Eindruck, dass die Privaten in Norddeutschland mitmachen, wenn es keine Unterstützung gibt.

600 Millionen Euro sind eine Menge Geld, um dem Radio ein unabhängiges Sendenetz zu erhalten. Die DAB+-Debatte erinnert an die Versuche, Whatsapp zu bekämpfen, indem man das SMS-System modernisiert. Ist der Zug in Wahrheit nicht längst abgefahren in Richtung Internetradio?

Für mich ist die Versorgung nur über das Netz keine Alternative. Sie brauchen eine stabile Verbindung, Sie bezahlen extra für Datenvolumen.

Wer bisher DAB gehört hat, braucht für DAB+ ein neues Gerät. Das ist ärgerlich. Müssen sich Radiohörer, die jahrzehntelang stressfrei UKW gehört haben, künftig alle paar Jahre neue Technik anschaffen?

Diese Ängste kann ich verstehen. Aber Radio ist ein stetig verlaufendes Medium. Es hat weniger Schnappatmung als andere Medien. Wenn DAB+ kommt, dann wird es viele, viele Jahre bleiben.

Interview: Imre Grimm

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