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Claus Kleber: „Vieles haut mich schlicht um“

Dokumentarfilm über das Silicon Valley Claus Kleber: „Vieles haut mich schlicht um“

Mehr als nur Facebook, Google & Co.: Das Silicon Valley gilt als Mekka für geniale Erfindungen und Erfolgsgeschichten. Im Interview mit Jan Freitag erzählt Fernsehmoderator Claus Kleber über die schöne neue Welt des Silicon Valley und seinen neuen Dokumentarfilm.

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Der Zukunft auf der Spur: Claus Kleber und eine Roboterskulptur.

Quelle: Martin Ehleben/dpa

Herr Kleber, obwohl Sie frisch aus dem Silicon Valley kommen, ist Ihre Rasur wie immer perfekt.
Danke, äh …

Es gab Kollegen, die nach einem Aufenthalt dort völlig zugewachsen heimgekehrt sind.
Ah, Sie meinen Kai Diekmann.

Der damalige "Bild"-Chef suchte nach Inspiration und Erkenntnis. Was unterscheidet Ihren Besuch von denen anderer Journalisten?
Viele stellten sich die Frage, wie man bekannte Entwicklungen nutzen, gar kopieren kann. Wir hingegen waren Suchende von etwas, das wir bei Abfahrt noch nicht mal erahnt hatten.

Zum Beispiel?
Dass im Valley jenseits von Google, Facebook, Netflix Dinge entstehen, die man damit überhaupt nicht assoziiert: Gentechnologie, Life-Science-Medizin, Bionik. Wobei jeden interessiert, inwiefern er Entwicklungen anderer für eigene nutzbar machen kann und umgekehrt.

Zur Person

Claus Kleber mag den meisten als Moderator des „heute-journal“ bekannt sein; fast 20 Jahre seiner langen Karriere war der 60-jährige Jurist aus Reutlingen allerdings als Forscher und Korrespondent in den USA. Beste Voraussetzungen für eine Reportage aus dem Silicon Valley, die am Sonntag um 23.30 Uhr im ZDF läuft.

Das Tal entwickelt sich also vom Smartphone zur Naturwissenschaft?
Genau. Ich hielt vor Jahren als einer der Ersten ein iPhone in Händen, mit dem Eric Schmidt, als Google-Chef im Apple-Aufsichtsrat, mir das brandneue Prinzip App erklärte. Aber während viele mit Privatjets zur Präsentation geflogen sind und total aufgeregt waren, hab ich das Potenzial überhaupt nicht erkannt. Heute wird auf Grundlage solcher Geräte alles Existierende infrage gestellt.

Dieser Regieanweisung aus dem Silicon Valley kann sich niemand entziehen.
Wenn man Ihnen zuhört, hat die kalifornische Zukunftseuphorie auch Sie voll erfasst. Aber wird die schöne neue Welt, die Sie im Titel Ihrer Dokumentation beschwören, nicht durch

Datensammelwut, Ressourcenvergeudung und Machtkonzentration getrübt?
Obwohl ich in meinem Alter abgebrühter bin als jüngere Kollegen, haut mich in der Tat vieles schlicht um. Die Faszination besteht darin, dass beides an einem Platz entsteht – die schlimmen Dinge im Sinne Aldous Huxleys und die guten. Als Reporter wollen wir das zunächst dokumentieren, stellen uns aber anders als viele amerikanische Kollegen die Frage, ob der Nutzen jeden Nebeneffekt wert ist. Vor einer Antwort steht immer das Begreifen. Dabei will der Film helfen.

Was entspricht Ihrem Naturell: Fortschrittsgläubigkeit oder -skeptizismus?
Als Sohn eines Diplom-Ingenieurs und Ex-Schüler am naturwissenschaftlichen Gymnasium bin ich aufgeschlossen, sehe als europäischer Journalist mit langjähriger Amerika-Erfahrung aber durchaus, wo die Euphorie zu weit geht. Verachtung jeder Form von Regulierung, Aufsicht und staatlicher Kontrolle ist mir fremd. Manche Innovation ist zu wichtig und heikel, um sie zwei, drei Firmen zu überlassen, und nicht jede Erfindung sinnvoll, nur weil sie gekauft wird.

Zählen Sie selbst als Kunde zu den "early adopters", die Smartphone, Tablet, Handy und PC als Erste haben mussten?
Ich bin eher ein "medium adopter", der abwartet, bis Kinderkrankheiten verschwinden. Mein iPhone4, das auf dem Schulhof jedem Kind peinlich wäre, hab ich grad erst gegen ein neues Modell getauscht. Ich springe nie als Erster, halte mich jedoch auf dem Laufenden. Umso mehr frage ich mich, was wir früher mit all der Zeit angefangen haben, die mit Surfen, Chatten, Katzenvideos draufgeht. Ein Teil der Antwort lautet: lebenswerter gelebt. Da ist es meine Aufgabe als Journalist zu zeigen, wie tief diese kleinen Wunderwerke in unsere Existenz eingreifen.

Was Sie als Journalist doppelt betrifft. Macht es Ihnen Angst, dass die multimedialen Entwicklungen aus dem Silicon Valley Ihren eigenen Berufsstand gefährden?
Da ist was dran. Zugleich hatte ich noch nie solche Möglichkeiten. Wer früher übers Nildelta berichten wollte, musste sich fast alle Informationen ohne Gewähr, sie zu kriegen, dort unten holen; heute kann ich sie in Stunden bequem am Schreibtisch zusammentragen. So gesehen leben wir im großartigsten Zeitalter des Journalismus. Wenn wir nicht in der Lage sind, dafür ein Publikum zu interessieren, liegt es gewiss nicht an den neuen Verbreitungstechnologien.

Läuft die Reportage wegen der EM erst kurz vor Mitternacht?
Nach einem EM-Spiel ist kein schlechter Sendeplatz für ein Fußballpublikum, das keineswegs so tumb ist, wie manche glauben. Sachformate werden da erfahrungsgemäß gut eingeschaltet. Aber selbst wenn nicht – der Film wird lange Beine haben. Nach der Erstausstrahlung läuft die Dokumentation auf 3sat, Phoenix, ZDFinfo, nicht zu vergessen: im Netz. Auch auf Geräten aus dem Valley.

Interview: Jan Freitag

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