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Nachrichten Medien Das Ehepaar zu Guttenberg sucht die Balance zwischen Sex und Politik
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13:05 17.10.2010
Von Imre Grimm
Keine Lust aufs Abstellgleis:
 Stephanie zu Guttenberg mit Ehemann auf dem „Wetten dass ...?“-Sofa. Quelle: dpa

Es gehe ihr um die Sache, sagt sie, und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln. Die Sache ist wichtig. Es geht um sexuellen Missbrauch an Kindern, um Manipulation von Kinderseelen, um abscheuliche Verbrechen. Aber dann kommen wieder diese dumpfen Paukenschläge, die schnellen Schnitte wie in amerikanischen Krimiserien, die Schock­effekte und die Gruselmusik – und Stephanie zu Guttenberg steht da vor ihrem Plexiglastischchen in der RTL-II-Sendung „Tatort Internet“ und wirkt, als sei sie im falschen Film.

Stephanie zu Guttenberg als Aufklärerin bei RTL II – zur Premierensendung konnte man sich noch die Frage stellen, ob es der geborenen Gräfin von Bismarck-Schönhausen, Ururenkelin von Reichskanzler Otto von Bismarck und Gattin von Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, nicht vielleicht sogar gelingen könnte, hier im Fernsehfinsterland zwischen „Frauentausch“ und Bordellreportage eine Insel der Information zu schaffen, eine Oase im Trash. Da trat zu Guttenberg als seriöse und souveräne Mitmoderatorin auf.

Inzwischen aber sind weitere Ausgaben der Sendung gelaufen – ohne sie –, in der eine professionelle „Porno-Jägerin“ („Emma“) als vermeintlich 13-Jährige in Internetchats pädophile Männer anlockt, die dann vor laufender Kamera überführt werden. Und es zeigt sich: Mögen die Absichten hehr gewesen sein – der Sender war stärker. Chance vertan.

„Hetzjagd“, „Medienpranger“, „Effekthascherei“ – die meisten Kritiken fielen vernichtend aus. Stephanie zu Guttenberg blieb eisern. Sie wolle als Aushängeschild der Sendung „nicht nur Menschen erreichen, die sonst Dokumentationen auf arte schauen“, sagt die 33-Jährige. Sie meint es gut. Und Menschen, die eher keine Dokumentationen auf arte schauen, glauben ihr. Aber sie hat ein Problem. Es lässt sich auf einen kurzen Nenner bringen: richtiges Anliegen – falsche Partner.

Bislang sah es gut aus für Stephanie zu Guttenberg, „Mutter, Gattin, Aufklärerin“, wie die „Welt“ einmal schrieb. Die Sendereihe aber, für die jetzt ihr Name steht, hat Kopfschütteln ausgelöst. Hilfestellung für Eltern: keine. Konkrete Tipps: keine. Stattdessen wird – unverfremdet – ein 13-jähriges Chat-Opfer interviewt, auch zu intimen Details. Seit dieser Woche ermittelt die hessische Medienaufsicht. Mindestens ein mutmaßlicher Kinderverführer wurde trotz Verfremdung enttarnt, seine Familie massiv bedroht.

„Das halte ich für klar rechtswidrig“, sagt der Presserechtler Carsten Bren­necke. Anwalt Thomas Stadler sagte: „RTL II spielt ein bisschen Hilfssheriff.“ Der britische TV-Kritiker Charlie Brooker schrieb: „Wenn eine Show dazu führt, dass man fast Mitleid hat mit potenziellen Kinderschändern, dann macht sie etwas falsch.“ In den USA nahm sich ein enttarnter Verdächtiger nach einer ähnlichen Show das Leben. Kindesmissbrauch und Trash-TV, dazwischen zu Guttenberg – passt das zusammen?

Stephanie zu Guttenberg hat fast alles richtig gemacht bisher. Sie hat als Präsidentin des Kinderschutzvereins „Innocence in Danger“ ihre Nische gefunden, den Kampf gegen die vermeintliche Übersexualisierung des Alltags, den Schutz „unserer Kinder“ vor der plakativen Nacktheit von Lady Gaga, Rhianna, Shakira & Co. Sie gibt die liebende Gattin, lässt sich aber auch mal keck mit roten Teufelshörnchen bei einem AC/DC-Konzert fotografieren, inszeniert sich als sexy Galionsfigur eines cool-gemäßigten Konservativismus. Schon ihr etwas naiv-pauschaler Feldzug gegen den Sexkult im Pop freilich hat ihr nicht nur Respekt, sondern auch viel Spott eingebracht („Lady Gaga Guttenberg“). Der Musikjournalist Tim Renner, Professor an der Pop-Akademie in Baden-Württemberg, schrieb, es sei inakzeptabel, „sich einerseits des Rock ’n’ Rolls zu bedienen, wenn es darum geht, sich und den Gatten als lustige CSU-Rebellen zu positionieren, und ihn dann zu missbrauchen, um einen populistischen Beleg für Thesen rings um ein so schreckliches Phänomen wie Kindesmissbrauch zu haben“.

Es zeigt sich: Die Medienstrategie des Ehepaars zu Guttenberg, das bisher dem Motto „Hauptsache Öffentlichkeit“ folgte, birgt Risiken. Werden auf der Suche nach maximaler Aufmerksamkeit womöglich minimale Maßstäbe bei der Wahl der Partner angelegt?

Die Sendung ist eine erste Unwucht in der sauber surrenden Medienmaschinerie, mit der das Ehepaar das staunende Publikum an seine Gegenwart gewöhnt hat und sich – ganz nebenbei – für höhere Aufgaben empfahl. Sie werde, hat Stephanie zu Guttenberg mal gesagt, „ihr Leben nicht auf dem Abstellgleis verbringen“. Aber die junge Mutter von zwei Töchtern – Anna (9) und Mathilda (7) – sieht es gar nicht gern, wenn der Boulevard sie und Bettina Wulff zu den neuen Glamour-Twins der Berliner Republik erklärt. Für 44 Prozent der Deutschen wäre Stephanie zu Guttenberg eine gute Familienministerin, ergab eine „stern“-Umfrage.

Natürlich ist das Paar populär, weil es die postideologische deutsche Sehnsucht nach einem Königshaus erfüllt, nach einer uneitlen Elite, die ihre aristokratische Herkunft nicht als Schutzschirm vor der Realität versteht. Die Medien bestaunen das Phänomen in heller Verzückung, sprechen von der „Märchenprinzessin mit Wahnsinns-Ausstrahlung“ („Bild“), von dem „Superstar“ („Focus“) an ihrer Seite, von einem „Lebensgefühl namens Guttenberg“ („Süddeutsche Zeitung“), von den „Sehrguttenbergs“ („Bild am Sonntag“), dem „Duracell-Paar der deutschen Politik“ („Spiegel Online“). Medien lieben solche Bilder: Er mit ausgebreiteten Armen in Was-kostet-die-Welt-Pose in der Glitzerwelt am New Yorker Times Square, sie mit tief ausgeschnittenem rotem Kleid beim „Bambi“ 2009. Stets präsentiert sie sich wie aus dem Ei gepellt, perfekt geschminkt, patent und frisch wie eben einem „Toffifee“-Werbespot entstiegen.

Das alles ist kein Zufall. Hinter der medialen Allgegenwart steckt eine ausgeklügelte Strategie. Stephanie zu Guttenberg ist adelig, wohlhabend, attraktiv und intelligent – und bestens vernetzt. Sie weiß, dass man eine Marke sein muss, um in den Massenmedien Gehör zu finden. Sie kennt die Mechanismen genau, saß bereits vergnügt auf dem „Wetten, dass ...?“-Sofa ihres Freundes Thomas Gottschalk, ist aber auch eng befreundet mit US-Glamour­profis wie Katie Holmes und Tom Cruise („auch nur Menschen“), die sie in Los Angeles durch Oscar-Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck kennenlernte, einen Cousin von Karl-Theodor zu Guttenberg.

Zu den engsten Freundinnen von ­Stephanie zu Guttenberg gehören Tamara Gräfin von Nayhauß (38), Mitarbeiterin des ZDF-Klatschmagazins „Hallo Deutschland“, und seit Teenagertagen auch Anna von Bayern (32), Redakteurin bei „Bild am Sonntag“, die ihre Freundin jüngst in einer servilen Geschichte („Wie schaffen das die Guttenbergs?“) zu einer Art Jeanne d’Arc der guten Sitten verklärte. Zuvor hatte sie eine schmeichelhafte Biografie des Jungministers verfasst, attestierte ihm darin „Manieren“, „Standesethos“, „Demut“. Die adeligen Journalistinnen tun ihr Bestes, der Freundin Aufmerksamkeit zu verschaffen. Sie ist für das Menschelnde ­zuständig („Eine Ehefrau kann etwas mehr Gefühl zeigen“), er für die Fakten. Und ­bislang perlte aller Tadel ab an diesem Paar.

Contenance, Haltung, Charme, Manieren – Inszenierung gehört von jeher zum Alltag in der aristokratischen Welt der zu Guttenbergs. Der Fotograf Oliviero Toscanini (68) aber, der mit provokativen Fotos von ölverschmierten Pelikanen und „abgestempelten“ Aidskranken für die Modefirma Benetton bekannt wurde, warnt davor, die Inszenierungen für authentisch zu halten. „Alles ist inszeniert“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“, „durch die Politik, die Geschichte, die Technologie, die Medien.“ Auch Guttenberg, der Dirigentensohn, schätze die Inszenierung, „seine Politik wird zum Theater“.

Und seine Frau? Nicht wenige Politikergattinnen haben ihre Prominenz, die sie keiner Wahl und keinem Amt verdanken, in den Dienst einer guten Sache gestellt. Loki Schmidt, Gattin von Exkanzler Helmut Schmidt, sorgte sich um gefährdete Blumen und Hannelore Kohl um Verletzungen des Nervensystems. Doris Schröder-Köpf beantwortete Kinderfragen zum Politikbetrieb, Präsidentengattin Christiane Herzog verriet in einem Kochbuch Rezepte für Kohlrabisalat. Stephanie zu Guttenberg dagegen kämpft gegen den Porno-Chic und die Sexualisierung der Gesellschaft. Dabei wird sie künftig mit dem Makel leben müssen, ihr gutes Werk der Aufklärung in einem Umfeld zu tun, das sich durch Oben-ohne-Models auf der Titelseite („Bild“) und Bikini-Teenager im Vorabendprogramm (RTL II) auszeichnet. Für „Tatort Internet“ ist bei RTL II kurzfristig die Sendung „Grenzenlos geil! Deutschlands Sexsüchtige packen aus“ ausgefallen.

Die Frage kann man stellen: Muss man sich als Politikergattin auf der Suche nach Massenwirkung in der modernen Mediengesellschaft wirklich in diese Kumpanei begeben, um seine Ziele zu erreichen? Passt das zu einem Paar, das nicht wenige inzwischen für kanzlertauglich halten, mit Schmuddel-TV und Boulevard-Hysterie assoziiert zu werden? Und: Macht es wirklich einen Unterschied, ob junge Mädchen „exzessive sexualisierte Körperlichkeit“ und „schwarzes Leder-Mieder, Strapse, freie Pobacken“ (zu Guttenberg in ihrem Buch „Schaut nicht weg!“) in einem Lady-Gaga-Video oder in der „Bild“-Zeitung sehen?

Kindesmissbrauch, sagt sie, sei ein „Tabu“. Das Wort „Tabu“ macht ein Thema für Medien reizvoller, es hilft auch, ein Buch zu verkaufen. Aber stimmt es? Über kaum ein Thema herrscht ein breiterer gesellschaftlicher Konsens als über Kindesmissbrauch. Eine Unzahl von Büchern liegt vor, viele prominente Missbrauchs­opfer haben sich geoutet, von Xavier Naidoo bis Oprah Winfrey. Was not tut, sagen Experten ohne klangvolle Namen, wären nicht weitere Schockeffekte, keine neue Boulevard-Schwarzweißmalerei in diesem Land, dessen Debatten ohnehin immer hysterischer geraten, sondern echte Sachinformation ohne plakative Zuspitzung, ohne dramatisierte Fallzahlen, ohne kurzatmigen Aktionismus.

Stephanie zu Guttenberg ist medienerfahren. Sie spricht fünf Sprachen fließend (Deutsch, Schwedisch, Englisch, Französisch, Italienisch). Sie hätte wissen können, was in den Händen eines solchen Senders aus einem solchen Thema wird. Das Problem ist nicht das Thema selbst. Das Problem ist die Wahl der Mittel. Kürzlich hat sie eine Kommunikationsberaterin eingestellt.

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