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Nachrichten Medien Das Finale von „Germany’s Next Topmodel“ als Reclam-Heft
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19:35 03.09.2012
Ein Drama in sechs Aufzügen: Grischa Stanjek (rechts) und Gregor Weichbrodt haben Heidi Klums Show in Versform transkribiert. Quelle: Stanjek/Weichbrodt

(Jubel. Applaus. Models werden in kugelähnlichen Gerüsten auf die Bühne getragen; schweben in der Luke. Rock-Musik. Frau aus dem Publikum ruft: „Rebecca!“)
(Pop-Musik. Rebecca, Amelie und Jana laufen tanzend den Laufsteg entlang.)
Heidi: Wow! Ich kann nur sagen, es macht so viel Spaß, euch dreien zuzugucken. Erst mal kamt ihr da rein – wie aus’m All. Und so richtig so aus’m All.
Thomas R.: Wow! Toll!
Heidi: So richtig so „Wusch“, wie du immer sagst, „Wusch“!
Thomas R.: Wusch! Einfach Wusch wart ihr da.
Heidi: Wow!
Thomas R.: Toll!
Thomas H.: Is’ super. Wer? Fast wie … fast wie drei Engels für Thomas, ne?
Heidi: Wie drei Engel für Thomas? Wie drei Engel für Heidi!
Thomas H.: Einigen wir uns: Germany’s Angels.

Da sind sie nun, die drei Engel, die Topmodel-Anwärterinnen, von denen nur eine den Titel gewinnen kann hier beim Livefinale der PRO7-Castingshow „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM). Sie schweben auf die Bühne, laufen, präsentieren sich. In der Dramentheorie wäre das nun der sogenannte „erregende Moment“, in dem die Handlungsfäden verknüpft werden, die Interessen aufeinanderstoßen, sich das Geschehen beschleunigt zum unausweichlichen Höhepunkt: der Inthronisierung von Heidis Topmodel, dem VI.

Mag sein: Der Vergleich einer Castingshow mit schillerschen oder goetheschen Dramen wirkt anmaßend. Doch zwei Berliner Studenten haben ihn gewagt – und damit einen Mediencoup gelandet: Gregor Weichbrodt (23) und Grischa Stanjek (22) haben die banale Fernsehshow zu einem Medium der Hochkultur umgewertet. Wort für Wort, Phrase für Phrase haben die Kommunikationsdesignstudenten die TV-Show transkribiert, in Dramenform samt Regieanweisungen auf 120 Seiten aufgeschrieben und in Typografie und Layout den berühmten kleinen, gelben Reclam-Heftchen nachempfunden. Ihr Werk heißt nun „Das ist der Tag, von dem ihr noch euren Enkelkindern erzählen werdet“ – und was als Hausarbeit für die Uni gedacht war, hat sich inzwischen zum Lieblingsobjekt der Internetgemeinde gemausert, als junger Klassiker der Medienkritik.

Dabei war es eigentlich nur ein Projekt für die Universität: Die beiden sollten als Studienleistung im zweiten Semester ein Buch entwickeln. „Dabei ging es nur um die Form der Darstellung, um Typografie und Layout“, sagt Weichbrodt. „Das Dramaturgische gibt dem eine enorme Relevanz. Es ist natürlich überspitzt, das im Design mit Goethe gleichzusetzen.“ Der 23-Jährige und sein Kommilitone wollten eigentlich keine Medienschelte betreiben, sie wollten nur die Form verändern. „Wir wollten nur ein Medium – das Fernsehen – in ein anderes Medium – das Buch – übertragen“, sagt Weichbrodt.

Knapp 20 Stunden lang haben sich die Studenten immer wieder die Sendung angeguckt, um den exakten Wortlaut zu notieren. Immer und immer wieder die gleichen hohlen Phrasen gehört, notiert, zurückgespult. „Manche Textpassagen haben sich richtig eingebrannt: Heidi sagt zum Beispiel ständig ,Super‘“, sagt Weichbrodt. Im Transkript taucht jede Einzelheit auf: Regieanweisungen erklären, was gerade auf der Bühne passiert, jede Werbeunterbrechung wird mit verwischten Schwarz-Weiß-Bildern symbolisiert.

14 Darsteller hat dieses Drama. Neben Heidi Klum, der Jury und den Kandidatinnen tritt auch Lady Gaga auf, wenn auch nur als musikalische Attraktion. Die ganze Show basiert auf dem (künstlich hochgehaltenen) Spannungsbogen, den auch das klassische Drama verlangt: Die Protagonisten – hier die Kandidatinnen – entwickeln sich, ganz wie es im Lexikon unter „Dramentheorie“ notiert ist. Und auch die aristotelische Katharsis ist vorhanden: Mit dem Durchleben von Rührung, Schrecken und Schauder erfährt der Zuschauer der Definition nach eine Läuterung seiner Seele von diesen Erregungszuständen. Rührung, Schrecken und Schauder? All das ist auch bei der Topmodel-Show vorhanden.

Gregor Weichbrodt und Grischa Stanjek wollen der Show neutral gegenüber stehen. Ihre Arbeit bietet keine Angriffsfläche. Und doch: All die niedergeschriebenen „Wow“und „Super“zeigen in ihrer Verschriftlichung all die Hohlheit und Banalität einer solchen Sendung, in der es vor allem darum geht, die Auflösung des Ganzen zugunsten der Werbekunden künstlich in die Länge zu ziehen. Obwohl es natürlich auch etwas fies ist, gesprochenes Wort eins zu eins in Schriftsprache umzusetzen – nicht jeder kann druckreif sprechen. Doch die Botschaft ist klar: Außer Selbstbeweihräucherung und vielen Lobesworten für die „super Kandidatinnen“, für Super-Heidi und das super Publikum passiert inhaltlich nicht viel.

Das Interesse an ihrem Uni-Projekt hat die Studenten überrollt: Nachdem ein großer Designblog über das Topmodel-­„Reclam“ berichtete, verbreitete sich ihr Projekt im Internet über Modeblogs und Facebook rasant. Weichbrodt und Stanjeks E-Mail-Postfach und Handy-Mailbox quellen seither mit Anfragen über, wo man das Buch denn kaufen könne. „Bisher gibt es nur zwei Exemplare“, sagt Weißbrodt. Eines besitzt die Uni, eines die Studenten. Nun setzen sich die Kommunikationsdesigner mit Urheberrechten und möglichen Vermarktungswegen auseinander. Eine Veröffentlichung schließen die beiden nicht aus – wenn sie denn einen Verlag finden. Für die Studenten haben sich die drei Monate Arbeit gelohnt: Ihr Dozent hat ihre Arbeit mit einer 1,0 bewertet.

Das „GNTM“-Reclam-Heft ist bisher nur online lesbar.

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