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Das lange Warten auf den GAU

Fernsehen Das lange Warten auf den GAU

Das lange Warten auf den GAU: Im Fernsehen bekommen die Deutschen die Krise frei Haus – und verfolgen die Katastrohpe in Japan in Echtzeit an den Bildschirmen.

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Die „Tagesschau“ berichtet mit Schwerpunkt auf Japan.

Quelle: ARD

Die Laufbänder in den Nachrichtensendern sehen in diesen Tagen aus, wie aus einem Katastrophenfilm entnommen: „Behörden: Kernschmelze droht in drei Reaktoren“, hieß es da am Montag um 15.15 Uhr. Kurze Zeit später vermeldete n-tv: „Partielle Kernschmelze möglich.“ Zwölf Stunden zuvor informierten die gleichen Laufbänder: „Explosion in Reaktor 3 der Atomanlage Fukuschima“. Vor dem Fernsehgerät bekommen die Deutschen die Krise – und zwar frei Haus. Rund 13,5 Millionen Zuschauer informierten sich am Sonntagabend in der Tagesschau über den „drohenden Super-GAU“, der „Brennpunkt“ hatte mehr Zuschauer als der nachfolgende „Polizeiruf“. Das ZDF konnte immerhin noch knapp sechs Millionen Zuschauer zur Nachrichtenzeit verbuchen. Die Zahlen sind rekordverdächtig.

Doch die immer neuen Echtzeit-Schlagzeilen aus Japan im Fernsehen, im Radio und im Internet bewirken in ihrer Fülle und Widersprüchlichkeit inzwischen eher Verwirrung als Aufklärung. Nachrichtenportale im Internet haben längst vor der Informationsflut in Sachen Atomgefahr kapituliert und ihre Berichterstattung durch sogenannte Live-Ticker ersetzt, die sich gar nicht mehr die Mühe machen, den flüchtigen Nachrichtenstrom zu bewerten, sondern dies den Lesern überlassen. Daran ändern auch die unzähligen Experteninterviews, Grafiken und Youtube-Wackelbilder wenig, mit denen das Fernsehen seit Tagen die langen Minuten bis zur nächsten Horrormeldung überbrückt. Der Ritt von einer Schlagzeile zur nächsten täuscht darüber hinweg, dass die Öffentlichkeit bislang sehr wenig über einen Vorgang weiß, der sich vielleicht noch zur größten Atomkatastrophe der Geschichte ausweitet.

Nach dem Beben in Japan sind zahlreiche Menschen vermisst. Einwohner suchen in den Notunterkünften auf Namenslisten nach Angehörigen.

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Der Effekt der kurzlebigen Meldungen mit ungewissem Wahrheitsgehalt ist nicht etwa das Schüren von Angst. Zynischerweise stellt sich beim Zuschauer nach tagelangem Super-GAU-Getrommel auf allen Kanälen das Gegenteil ein: Langeweile. Nach der x-ten Nachricht über Teilkernschmelze und Explosionen von Reaktorhüllen, nach immer neuen Kühlungsausfällen und reißerischen Fragen in den Überschriften der Onlineportale („Wie nah ist der Super-GAU?“) wächst beim von Fast-Horrormeldungen ermüdeten Fernsehzuschauer ein Gefühl, das eher der Logik von Fernsehserien denn von Katastrophen folgt: Deutschland wartet gebannt vor Laufbändern und Rauchsäulen über Atommeilern auf die große, dem Grad der Erregung der vergangenen Tage zufolge geradezu überfälligen Atomkatastrophe. Das Motto im Stundentakt: Fortsetzung folgt. Dabei sollten genau diese Ermüdungseffekte schon vor der eigentlichen Katastrophe durch ausgefuchste Krisenkommunikation verhindert werden.

Es scheint so, als sei das in Japan, anders als in Deutschland, bislang auch gelungen: Die Art der Verlautbarungen ist in solchen Fällen, abhängig von der Größe und Art des Störfalls von der Internationalen Atomenergiebehörde, genau festgelegt. Der nicht eben von Transparenz getragene Grundsatz: klein anfangen, nicht zu viel erklären. „Man beginnt im Falle der Katastrophe immer mit der niedrigsten Stufe, der Themenkommunikation“, erklärt Frank Roselieb, Leiter des Instituts für Krisenforschung in Kiel. In dieser Phase werde vor allem der Sachverhalt erklärt, würden Begriffe eingeführt, werde Verständnis geschaffen. In einer zweiten und dritten Stufe, der Ereignis- und der Störfallkommunikation, werde die Bevölkerung nach und nach auf die Katastrophe vorbereitet. „Ohne zu lügen nähern sich die Japaner in homöopathischen Dosen dem wahren Ausmaß an, das machen sie genau richtig“, erklärt Roselieb.

Die schleppende Informationspolitik habe mehrere Gründe. Zum einen bräuchten Behörden einen Informationsvorsprung, um Maßnahmen vorbereiten zu können, bevor sie publik werden. Zum anderen dürfe man nicht zu viel Informationen auf einmal geben, sonst stumpften die Menschen eben zu früh ab. „Die Dosis der öffentlichen Krisenkommunikation ist entscheidend“, sagt Roselieb. Mittlerweile habe jedoch auch die japanische Regierung die höchste Stufe der Katastrophenkommunikation erreicht.

Das Industrieland Japan bittet die Welt dringend um Hilfe. Das Erdbeben, der Tsunami und die Atomunfälle haben verheerende Folgen. Viele Regierungen schicken Spezialisten. Hilfsgruppen rufen zu Spenden auf.

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In Deutschland funktionierte die (Medien-)Kommunikation der Krise bisher erstaunlicherweise genau andersherum. Zunächst schafften die monströsen Begrifflichkeiten von Kernschmelzen und Reaktorexplosionen eine enorme Aufmerksamkeit und eine große Angst. Der Super-GAU duldet weder Relativierungen noch überhaupt andere Themen neben sich. Doch die ganz große Katastrophe im Atomkraftwerk blieb bisher – nach allem, was bekannt ist – aus. Erst nach und nach müssen nun die deutschen Fernsehzuschauer lernen, dass eine Kernschmelze, ein äußerst komplexer und eben auch gedanklich kaum beherrschbarer Vorgang, noch nicht automatisch den GAU bedeutet und dass selbst Reaktoren ohne Kühlung nicht zwangsläufig explodieren müssen.

So stellt sich beim Zuschauer langsam ein eigenartiger Effekt ein, der mit der realen Gefahrenlage immer weniger übereinstimmt: Jede weitere Schlagzeile über eine neue Kernschmelze an Japans Küste macht die gefühlte Lage beim Zuschauer nicht etwa schlimmer, sondern scheint eher wie ein Beweis dafür, dass Kernschmelzen wohl einfach nicht so zwangsläufig in die Katastrophe führen, wie man das gemeinhin erwartet. Diese Schlussfolgerung, die am Sonntagabend in den Talkshows und Sondersendungen sogar noch durch Experten befördert wurde, könnte genauso voreilig sein, wie in den Tagen zuvor die verfrühte Ankündigung des unmittelbar bevorstehenden GAUs.

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