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Der alte Mann und das Mehr

Leo Kirch Der alte Mann und das Mehr

Zocker in Strickjacke: Leo Kirch, jahrzehntelang der Pate des deutschen Privatfernsehens, stirbt mit 84 Jahren. Die Betrachtung eines außergewöhnlichen Lebens.

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„Ich halte mich bedeckt“: Leo Kirch.

Quelle: dpa

Nein, der Glamour war seine Sache nicht. Inmitten der Glitzerwelt der Medien, inmitten der schillernden Seifenblase, mit der Leo Kirch Milliarden umsetzte, trug er gern Strickjacke. Als er einst beim Großkunden ZDF vorsprach, er war damals schon millionenschwerer Filmhändler, da stapfte er mit seiner Strickjacke ins Vorzimmer und erzählte den Sekretärinnen, er sei nur der Fahrer. „Der Herr Dr. Kirch, der kommt noch.“ Man glaubte ihm. Er fand das lustig.

Leo Kirch ist tot. Er starb gestern Vormittag mit 84 Jahren. Er war sehr krank zuletzt, infolge seiner schweren Diabetes war er fast erblindet. 2007 musste ihm ein Fuß amputiert werden. Seit Jahren lebte er zurückgezogen mit seiner Frau Ruth in seiner Villa in München-Bogenhausen, er hinterlässt einen Sohn. Die Mitteilung seiner Familie war kurz: „Unser geliebter Ehemann, Vater, Bruder, Dr. Leo Kirch, ist heute im Kreise seiner Familie friedlich verstorben. Wir sind sehr traurig.“

Leo Kirch war vieles auf einmal: Symbolfigur der alten Bundesrepublik, regiert von einer Generation selbstbewusster Selfmademen mit dicken Brillengläsern und ebensolchen Zigarren, erfolgreichster Medienunternehmer des Landes, Milliardär und dann, 2002, einer der größten Pleitiers der deutschen Nachkriegsgeschichte. Kirch selbst gab sich gern als hemdsärmeliger Pragmatiker, zwar aus Franken stammend, aber doch hanseatisch-nüchtern denkend. „Leo Kirch, Kaufmann“, stand jahrelang schmucklos in den Geschäftsberichten der Axel Springer Verlags AG, deren Mitgesellschafter er war. Es sei ihm nie um publizistische Macht gegangen, sagen Weggefährten. Es ging ihm allein ums Geschäft.

Leo Kirch war das große Phantom der deutschen Medienöffentlichkeit. „Ich halte mich bedeckt“, sagte er 1987, in seinem ersten von gerade einmal zwei bekannten Interviews. Kirch und die Aldi-Brüder – das waren vielleicht die deutschesten Milliardäre, die nur denkbar sind. Kirchs Schweigen schuf Legenden. Kirch, der Strippenzieher der Politik. Kirch, dessen Sender Kanzler machen wollten und Ministerpräsidenten. Kirch, der als diffuses Feindbild für alle diente, denen konservative Medienmonopole unheimlich sind. Kirch, der manipulative Multimillionär, der sich zum Schein betulich gab, in Wahrheit aber ein gerissener Taktiker war. Kirch, der Banken besoffen reden konnte. Kirch, der Pate, der genau wusste, dass Geschäfte im Dunkeln besser gelingen.

Die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Leo Kirch beginnt im Maintal. Am 21. Oktober 1926, vier Jahre vor Helmut Kohl, kommt Kirch im fränkischen Örtchen Fahr zwischen Schweinfurt und Würzburg zur Welt – nicht als Sohn eines Winzers, wie es oft heißt, sondern eines „Spenglers“ (Klempners), der allerdings ein paar Rebstöcke beackerte. Im Zweiten Weltkrieg, den Kirch laut seinem Biograf Michael Radtke beim Reichsarbeitsdienst übersteht, aber auch als Flakhelfer, reift seine Ideologiefeindlichkeit, seine Abscheu vor Dogmen. Er studiert Mathematik und Betriebswirtschaft. Und er handelt. „Frag doch den Leo“, heißt es in den Nachkriegsjahren auf dem Schwarzmarkt, „der kann dir alles besorgen“. Schon zeigt sich ein Muster seines Lebens: Kirch ist gleichzeitig rational kalkulierender Kaufmann und draufgängerischer Spielertyp mit Mut zum Risiko. Die Balance zwischen beiden Extremen wird Kirch ein Leben lang gelingen – bis zum Untergang im April 2002.

Im Januar 1956 schlägt die Stunde seines Lebens: Mit einem Freund fährt er nach Rom und kauft die deutschsprachigen Rechte an Federico Fellinis Film „La Strada“. Die 20 000 Mark Lizenzgebühren kratzt er mühselig zusammen, unter anderem bei der Familie seiner Frau Ruth, die er im gleichen Jahr heiratet. Schon hier zeigt sich: Kirch geht hohe Risiken ein – mit Geld, das er gar nicht besitzt. Am Ende, 48 Jahre später, wird ihm dieses Prinzip wirtschaftlich das Genick brechen. „Das Lied der Straße“ aber wird ein Achtungserfolg. Es ist die Geburtsstunde eines Milliardenkonzerns. Kirch ist jetzt Filmhändler. Seine erste Firma nennt er Sirius-Film.

Er kauft Filme in den USA, lässt sie synchronisieren und verkauft sie an ARD und ZDF weiter. Sein Filmarchiv füllt sich. Seine Geschäftsidee: eine Filmdatenbank für Fernsehsender. Der Trick: Die Blockbuster, die großen Hits, die er in Hollywood erwirbt, gibt’s bei Kirch nur im Paket mit Ramschware. Als das Privatfernsehen an den Start geht, steigt Kirch endgültig zum Medienmogul auf. 1985 kauft sich Leo Kirch in den Axel Springer Verlag ein, steigt dann bei SAT.1 ein. Er ist auf dem Höhepunkt. Zeitweise stammt jeder zweite Film im deutschen Fernsehen aus dem Kirch-Archiv. Er beschäftigt fast 9500 Mitarbeiter. Film, Fernsehen, Formel 1, Fußball – nichts geht mehr ohne Leo Kirch. Er beherrscht die komplette Verwertungskette von Medieninhalten: Herstellung, Vertrieb, Senderechte, Synchronisation, Verleih, Video, Merchandising und Ausstrahlung.

Feinde findet er zuhauf bei der linken Medienkritik, die den schweigsamen Katholiken mit Verve dämonisiert, Freunde dagegen im konservativ-bürgerlichen Lager: Jahrzehntelang ist er mit Helmut Kohl befreundet. Nach der CDU-Spendenaffäre stellt Kirch auf Bitten Kohls eine Million Mark zur Verfügung, um den finanziellen Flurschaden der „Bimbesaffäre“ zu bereinigen. Bei Kohls Hochzeit mit Maike Richter 2008 ist Kirch Trauzeuge.
Als Mensch bleibt er im Hintergrund, ein Rätsel. Keine rauschenden Galas, keine Partys, keine Homestorys. Kirch ist nie Impresario gewesen, kein William Randolph Hearst, der sich die Hautevolee der USA in sein pompöses „Hearst Castle“ am Pazifik einlud. Das Extravaganteste an Kirch ist noch seine Leidenschaft für impressionistische Gemälde.

Das Geschäft blüht, aber es ist ein Geschäft auf Pump. Ende der neunziger Jahre verschmilzt er SAT.1 mit ProSieben zur ProSiebenSAT.1 Media AG. Mit aller Macht will er Bezahlfernsehen in Deutschland durchsetzen. Doch die Deutschen verspüren mit 30 frei empfangbaren Kanälen keinen Mangel an TV-Inhalten. Pay-TV funktioniert nicht. Der zähe Start von Premiere 1991 markiert den Anfang vom Ende.

Leo Kirch kämpft. Trotzig startet er einen Bieterwettkampf um Fußballrechte. Er ist bereit, Mondpreise zu zahlen. Er will sein Publikum mit späten Bundesliga-Sendeterminen auf SAT.1 zwingen, ein Premiere-Abonnement abzuschließen. Doch der Plan geht schief. Kirch, der Kaufmann, hat sich verkalkuliert. Dann platzt die „New Economy“-Blase. Kirchs Imperium ist hoch verschuldet, sein Erzrivale Rupert Murdoch scharrt mit den Hufen, Kirch kämpft wieder, jongliert mit riesigen Summen geliehenen Geldes. Lange hält auch die Politik zu ihm, die bayerische Landesregierung im speziellen.

Private Medien sind in Deutschland Ländersache. Das klingt nach Demokratie und Pluralismus. In der Geburtsphase von SAT.1 & Co. aber ging es Landesfürsten bei der Vergabe von Privatsendelizenzen zu oft um persönliche Profilierung, um das Image ihres Landes als Medienstandort und um den heißen Draht in die Chefredaktionen. So war die halbstaatliche Bayerische Landesbank am Ende Kirchs größter Einzelgläubiger – und finanzierte Kirch noch den Kauf von Formel-1-Rechten, als längst klar war, dass sein Reich vor dem Zusammenbruch stand.

Es folgte ein Wirtschaftskrimi. Mehrfach akzeptierten Kirchs Banken Sicherheiten, die keine waren. Sie setzten vor allem auf Kirchs Filmarchiv mit seinen 16 000 Filmen und Serien (63 000 Stunden Programm) als Sicherheit. Die Filmrollen in Ismaning bei München wurden zeitweise mit 1,7 Milliarden Euro bewertet. In Wahrheit sollen sie nur 300 Millionen Euro wert gewesen sein. Und: Kirchs Ware ist angestaubt. Mit alten Heimatschnulzen lassen sich keine Millionen mehr verdienen.
Die bitterste Nummer im Leben des Leo Kirch lautet 1502IN879/02. Es ist das Aktenzeichen seines Insolvenzverfahrens vor dem Landgericht München. Und es ist die nüchterne Formel seines Scheiterns. Er unterschreibt am 8. April 2002. Gesamtschuldenstand: Rund 6,5 Milliarden Euro. Das Beben, das dem Zusammenbruch seines Unternehmens folgt, ist quer durchs Land zu spüren. Die Medienbranche erlebt den größten Umbruch seit dem Start des Privatfernsehens 1984. Kirchs Insolvenz sei „die gerechte Strafe für die deutsche Medienpolitik“, sagte der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister damals.

Kirch tat, was er immer tat: Er kämpfte. Er machte den früheren Vorstandschef der Deutschen Bank, Rolf Breuer, für die Pleite mitverantwortlich. Breuer hatte 2002 in einem TV-Interview die Kreditwürdigkeit der Kirch-Gruppe öffentlich angezweifelt. Im Februar dieses Jahres wies das Landgericht München eine Schadensersatzklage über 1,3 Milliarden Euro gegen die Deutsche Bank ab.

Sein privates Vermögen, erworben angeblich vor allem durch Immobilienbesitz in München, Berlin und auf Rügen, durfte Kirch behalten. 2007, mit 81 Jahren, drängte es ihn dann noch einmal zurück ins Spiel. Er hatte ein neues TV-Vermarktungsmodell für die Bundesliga ersonnen. Doch das Bundeskartellamt lehnte die Pläne ab. Kirch war endgültig raus. Für diese, seine letzte Firma, wählte er denselben Namen wie für seine erste: Sirius. „Sirius“ stammt aus dem Griechischen. Es kann „der Funkelnde“ heißen. Aber auch „der Verbrennende“.

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