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Nachrichten Medien Die Ära der Musikkassette geht zu Ende
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20:43 08.07.2010
Einst war die Musikkassette eine Revolution: Sie bewahrte ganze Radiosendungen, Schallplatten oder eine Auswahl von Lieblingsliedern vor dem Vergessen. Demnächst gibt es sie vielleicht nur noch im Museum. Quelle: dpa

Bandsalat. Schönes Wort. Eines, das in seiner naiven Harmlosigkeit nicht im entferntesten die Katastrophe andeutet, die es beschreibt. Bandsalat. Klingt nach italienischem Essen. Ist oder vielmehr war aber meist das unwiderbringliche Ende einer Musikkassette oder Audiokassette oder MC oder einfach Kassette. Ein kurzes, hässliches, mechanisches Würgegeräusch – und aus.

Wir spulen zurück: Die Kassette war eigentlich nur ein Stück Plastik, mit einer aufgewickelten Rolle drin, ein Kleintonband. Aber in Wahrheit war sie eine Revolution. Denn endlich waren wir frei von Plattenindustrie und Radiodiktat. Mit der Kassette konnten wir aufnehmen. Was wir wollten. Zwei Finger, zwei Knöpfe, „Rec“ und „Play“ – und das Lied war im Kasten. Und blieb da auch. Wer ganz sicher gehen wollte, brach die Lasche oben aus der Kassette. Überspielschutz. Half aber gegen Bandsalat auch nicht.

Gerade hat das letzte niedersächsische Kopierwerk für Musikkassetten die Produktion eingestellt. Das Unternehmen Pallas in Diepholz fertigt künftig nur noch CDs, DVDs und Vinylplatten. Letztere haben sich zumindestens in die Liebhabernische gerettet. Musikkassetten werden irgendwann im Museum stehen, im Technikmuseum oder im Designmuseum. Vergangenheit sind sie heute schon, obwohl die drei ??? immer noch am besten sind, wenn sie auf Musikkassetten von „Europa“ ermitteln, und Benjamin Blümchen in Kinderzimmern häufig vom Band töörööötet. Denn die Kassette ist robust – und außerdem einigermaßen hitzebeständig, weshalb sie beispielsweise in afrikanischen Ländern nach wie vor eine Alternative zu digitalen Medien ist.

In Deutschland ist der Absatz in den vergangenen 20 Jahren von knapp 80 Millionen verkaufter Exemplare jährlich auf drei Millionen gesunken. Das Aufnehmen wurde durch das Brennen abgelöst, und mittlerweile werden die Datei gewordenen Lieder nur noch gedragt und gedroppt und finden sich zu Hunderten in Plastikabspielgeräten wieder, die nicht mal halb so groß sind wie eine Kassette. Oder der Plattenladen wohnt gleich im Handy und hat rund um die Uhr geöffnet. Kein Bandsalat. Höchstens Akku alle.

Mag ja alles sein. Wir Kassettensozialisierten bilden uns allerdings felsenfest ein, dass dieser digitale Exundhopp-Firlefanz weder Zukunft hat noch Seele und schon gar nicht das Zeug, irgendwann erinnerungswürdige Vergangenheit zu sein. Auf den alten Musikkassetten ist mit jedem Stück Musik ein Stück der eigenen Jugend aufgenommen. Auf Ferrit, Chrom, Ferrochrom oder Metall (was die Bandbeschichtung bezeichnete) der Typen I, II, III oder IV, 60, 90 und 120 Minuten lang, von BASF, TDK oder Maxell, mit weißem, schwarzem oder durchsichtigem Gehäuse und Plastikhüllen, auf deren Pappeinlegern man informativ bis dekorativ vermerkte, was auf den Seiten A und B zu hören war.

Das waren zum Beispiel mitgeschnittene Radiosendungen wie die „Internationale Hitparade“ auf NDR 2 mit ihrem langjährigen Moderator Wolf-Dieter Stubel, bei dessen Ansagen halb Norddeutschland drückbereit vor der „Rec“- und „Play“-Taste saß. Das waren LPs vom Kumpel, die man „sich aufnahm“. Aufnehmen war verboten. Verboten war aber egal.

Geradezu Herzblut und Hingabe steckte in gemischten Kassetten, die zittrige Schülerhände für dritte Personen meist anderen Geschlechts anfertigten, in denen weit mehr Botschaft steckte als nur die Musik oder deren Texte. Gemischte Kassetten (der Ausdruck Mixtapes kam Gott sei Dank erst später) waren Angebot und Nachfrage zugleich verbunden mit der stillen Hoffnung auf baldige, positive Antwort. Aus heutiger Sicht verdanken Schnulzenbands wie Barclay James Harvest oder Barden wie Chris de Burgh solchen gemischten Kassetten einen Großteil ihres Erfolgs. Und viele Schülerlieben verdanken wiederum Barclay James Harvest einen Großteil ihres Erfolgs. So einfach war das.

Hauptsache, die Technik spielte mit. Die wurde bei den Abspielgeräten immer besser. Erst Bandzählwerk mit Rückstelltaste (000), dann Rauschunterdrückung mit Dolby, aber noch ohne Surround, später automatische Umdrehfunktion (Autoreverse). Herrlich. Aber die Kassette blieb einfach. Und konnte eine echte Zicke sein. War so ein Minitonband mal schief gewickelt, drohte eben Bandsalat. Im besten Fall konnte man das lamettaartig aus der Kassettenunterseite gequollene Band wieder gerade auf die Spulen wickeln (Profis steckten dazu einen Kugelschreiber durchs Spulenloch). Im etwas schlechteren Fall blieben Knicke auf dem Band, und Joan Baez klang plötzlich wie Joe Cocker. Gerissene Bänder flicken war was für Profis und Bastler. Und trotzdem galt: Weggeschmeißen nur im absoluten Notfall.

Das gilt jetzt erst recht.

Stop.

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