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Dahinter fehlt ein kluger Kopf

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" Dahinter fehlt ein kluger Kopf

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat deutlich an Auflage verloren. Hätte Frank Schirrmacher den Verlust verhindert, wenn er noch leben würde? Nach dessen Tod ist eine publizistische Lücke entstanden.

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Das war einst: Diese Werbekampagne der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit Helmut Schmidt ist 20 Jahre alt.

Quelle: dpa

Frankfurt. Neulich feierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in Berlin das 20-jährige Jubiläum ihrer Werbekampagne "Dahinter steckt immer ein kluger Kopf". Einige der bekanntesten Motive waren ausgestellt, auch das mit Helmut Schmidt. Vor lauter Zigarettendunst ist nur schemenhaft zu erkennen, dass es der Altkanzler ist, der da die Zeitung mit der berühmten Frakturschrift liest. In einem Video, das das Entstehen des Motivs dokumentiert, sagt Schmidt an einer Stelle: "Das Beste an der 'FAZ' ist das Feuilleton". Das war 2012.

Damals hieß der fürs Feuilleton zuständige Herausgeber der "FAZ" noch Frank Schirrmacher. Im Juni 2014 starb er an Herzversagen. Wie oft haben sich Leser der Zeitung seither gefragt, was Schirrmacher jetzt wohl schreiben würde? Über Europa, die Flüchtlinge, den Krieg gegen den IS, über das Auseinanderdriften der Gesellschaft, die Diskursfähigkeit im Land? Aber Schirrmacher ist tot, und mit Helmut Schmidt ist ein weiterer Weltendeuter verstummt.

Neuer Herausgeber wurde Jürgen Kaube

Der neue fürs Feuilleton zuständige Herausgeber der "FAZ" ist seit einem Jahr Jürgen Kaube. Der bärtige Soziologe bewegte sich an bei der Jubiläumsfeier in Berlin unauffällig durch die Menge und verharrte schließlich an einem der Stehtische am Rand des Geschehens. Keine Traube von Menschen umringte ihn, kaum einer beachtete ihn.

Kaube ist nicht der Typ für den strahlenden Auftritt, die öffentliche Provokation, den Willen, die Welt zu deuten. Niemand kennt ihn aus dem Fernsehen, keine Talkshow diskutiert seine Bücher. Bei Schirrmacher dachten viele, er sei der alleinige Chef der "FAZ". Das ärgerte die anderen Herausgeber, allesamt gleichberechtigt, immer wieder. Nicht zuletzt den für die Politik zuständigen Günther Nonnenmacher.

Schirrmachers Fußstapfen sind zu groß

Nachdem Schirrmacher gestorben war, verschob Nonnenmacher seinen Ruhestand, übernahm das Feuilleton und wirkte maßgeblich an Kaubes Berufung mit. Bevor er endgültig in den Ruhestand ging, stellte Nonnenmacher in einem Interview die rhetorische Frage, ob Schirrmacher mit seiner Bekanntheit die Auflage gesteigert habe oder seinetwegen mehr Anzeigen verkauft worden seien? Die Antwort lieferte er gleich mit: "Ich glaube nicht."

Vergleichen mit Schirrmacher hält Kaube nicht stand. Sie wären unfair. Zu groß sind die Fußstapfen. Fragen nach seinem Verständnis von einem modernen Feuilleton, nach seinen Zielen und Vorstellungen weicht Kaube aus. Zwar antwortet er zügig auf Mails, reagiert freundlich, wenn man ihn anspricht. Aber über das Feuilleton der "FAZ" will er nicht reden. Es kann ja jeder lesen, was dort täglich steht. Nur so viel: Alle naselang mit großem Gestus eine neue Epoche auszurufen, ist sein Ding nicht. Geschrieben werden soll nur über das, wovon die Redaktion etwas versteht.

Schirrmachers Feuilleton war politisch, laut, avantgardistisch, leidenschaftlich, groß. Hatte ihn ein Thema gepackt, wollte er jeden dafür interessieren. Es ging schließlich um alles. Die Seiten schrien den Leser förmlich an. Sie wollten gelesen werden.

Die publizistische Lücke bleibt

Kaube verfügt nicht über diesen Impetus, Öffentlichkeit für eine Debatte zu schaffen, gar Deutungshoheit für sich zu beanspruchen. Die Themen werden abgehandelt, die Lautstärke ist gedimmt. Manche Stimme ist gar nicht mehr zu hören. Nils Minkmar und Volker Weidermann sind zum "Spiegel" gewechselt, die Literaturchefin Felicitas von Lovenberg geht ebenfalls, der legendäre Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier ist in Rente. Ihre Aufgaben wurden intern verteilt, große Namen sind nicht nachgerückt. Es fehlt die publizistische Leitfigur, der Gegenpol zur konservativen Berichterstattung im Politik- und Wirtschaftsteil.

Vorerst setzt das "FAZ"-Feuilleton auf Unauffälligkeit statt auf Risiko, der Rest der Zeitung auf Berechenbarkeit, die Sonntagsausgabe hat ihren Nimbus verloren. Der Verlag konzentriert sich auf das lange vernachlässigte digitale Geschäft. Nach der App "Der Tag" mit rund 110.000 Downloads startet Mitte Januar ein weiteres Projekt: eine neue, digitale Zeitung. Wie das bestehende E-Papier, nur mobil lesbarer, mit mehr Bildern und viel Weißraum. Die publizistische Lücke bleibt.

Von Ulrike Simon

Die Auflage der "FAZ" ist binnen Jahresfrist um 13,4 Prozent gefallen. Ein Minus von 3, 4 Prozent wäre marktüblich. Verkauft werden noch knapp 265.000 Exemplare. Der Verlag argumentiert, die Auflage um unrentable Anteile bereinigt zu haben: In der ersten Klasse der Bahn gibt es keine "FAZ" mehr, Fluggesellschaften erhalten nur noch halb so viele Bordexemplare, Hotels müssen die Abos neuerdings bezahlen. Bei der "FAZ" ist Sachlichkeit eingezogen. Fast 7 Millionen Euro Verlust im Jahr 2013 zwangen zu handeln.
Für 2014 sehen die Zahlen noch düsterer aus. Veröffentlicht werden sie erst im Januar. Daher nur so viel: Eine zweistellige Summe für Restrukturierungsmaßnahmen steckt in der Bilanz für 2014. Angeblich werden 2015 operativ wieder schwarze Zahlen geschrieben. Stellen wurden abgebaut. Die veralteten Bauten im Frankfurter Gallusviertel sind zu groß geworden.

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