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Medien „Die Snobs“: Neues aus Poloshirthausen
Nachrichten Medien „Die Snobs“: Neues aus Poloshirthausen
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11:53 11.11.2010
Die drei vom Golfplatz: Frederick Lau, Christian Ulmen und Wilfried Hochholdinger. Quelle: ZDF

Sottise ist ein elitäres Wort. Ein Wort intellektuellen Disputs oder feuilletonistischer Betrachtung, eher Schrift- als Sprechsprache. „Sottise“ heißt eine ebenso grobe wie kluge Beleidigung mit Hintersinn, aus humoristischer Sicht also etwas sehr Anspruchsvolles. Deshalb werden Sottisen eher ausgestoßen als ausgesprochen; man wirft sie sich leicht verächtlich zu. Weil Eliten nun zum Fernsehen nicht grade ein Liebesverhältnis pflegen, ist die Sottise im dortigen Humor eine bedrohte Exotin.

Das ist Grund genug, eine Serie zu feiern, die ab heute Sottisen zum Hauptinhalt erhebt. Sie heißt passenderweise „Die Snobs“. Schließlich steht das Wort Snob, noch so eine aussterbende Art, für bornierte Abschätzigkeit und selbstgerechte Arroganz, die alle Welt verhöhnt und dabei ihrerseits zum Gespött wird. Ein idealer Nährboden also für die ganze Klaviatur der Sottisen. „Die Snobs“ baden förmlich darin.

Namentlich sind es Astor und von Zesen, zwei Geldadlige ohne Vornamen aus Berlin, die sich jeden Sonntag auf dem Golfplatz im brandenburgischen Umland treffen, um ihr Überlegenheitsgefühl zu rechtfertigen. Und weil der Inhalt damit im Grunde umschrieben ist, muss der Witz dieser (zunächst) sechsteiligen Reihe zwangsläufig im Dialog entstehen. Meistens gelingt ihr das sogar, auch wenn das Lachen bisweilen schwerfällt.

Denn von Zesen, ein kultivierter Dandy mit feinen Manieren, aber gelangweiltem Standesdünkel, liest zum Auftakt einen mobilen Wurstverkäufer am Alexanderplatz auf und bietet ihm das Mehrfache seines Wurstverkäufererlöses, wenn er ihm ab sofort den Golfsack trägt. Ein Experiment, so scheint es, wie in John Landis’ Rollentauschkomödie „Die Glücksritter“, ein dekadenter Zeitvertreib wie in Frédéric Beigbeders Werber-Roman „39,90“, ein abgründiger Machtmissbrauch wie in Bret Easton Ellis Broker-Erzählung „American Psycho“.

Nur – warum genau er das tut, bleibt ebenso im Dunkeln wie sein Verhältnis zum Golfpartner Astor, den er kurz darauf am ersten Loch trifft, wo sie den „Wurstjungen“, wie beide ihr unterprivilegiertes Gettospielzeug fortan nennen, zum Caddy ausbilden. Eine Ménage-à-trois zweier golfender Arschlöcher und ihres willigen Opfers – das klingt nach Trash-TV der abseitigen Art. Und genau das ist es auch: absurd, affektiv, unverdaulich, nutzlos. Doch wie Mastermind Christian Ulmen („Herr Lehmann“, „Maria, ihm schmeckt’s nicht“), Wilfried Hochholdinger („Inglorious Basterds“) und Frederick Lau („Die Welle“) dieses Dreigestirn der Sinnlosigkeit in Szene setzen, wie sie zeigen, was man mit Kommunikation aus-, an-, hinrichten kann – das ist Fernsehen um des Fernsehens, nicht um des Publikums oder der Quote willen.

Kein Wunder, dass die verstörende Milieustudie beim einzig relevanten Laboratorium deutscher Unterhaltungskultur – ZDFneo – läuft, also praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Was wiederum einiges aussagt übers Leitmedium. Während US-Kanäle die Mitte der Gesellschaft unablässig mit schwulen Bestattern („Six Feet Under“), freundlichen Mafiabossen („Sopranos“) oder zuletzt biederen Drogenköchen („Breaking Bad“) unterwandern, füllen ihre deutschen Pendants die Hauptsendezeit fast ausnahmslos mit Berechenbarkeit; während die BBC ihr bürgerliches Publikum zur besten Sendezeit mit Abstrusitäten vom Plüschtierzoo „The Mighty Boosh“ bis „Little Britain“ fordert, gilt hierzulande schon ein textlastiges Fernsehspiel ohne Ermittler als primetimefeindlich.

Dabei stecken „Die Snobs“ voller Tiefsinn, wenn Astor mit seinen Kindern telefoniert, deren Namen ihm nie einfallen. Vieles klingt böse, ist aber in Wahrheit Philosophie. Produzent der „Snobs“ ist der 35-jährige Ex-MTV-Moderator Ulmen selbst, der die Serie im Netz auf der Telekomplattform www.3min.de auch häppchenweise vermarktet – ähnlich wie schon sein „ulmen.tv“ mit Figuren wie dem charmelosen Muttersöhnchen Uwe Wöllner. Die Ehefrau von Astor übrigens spielt Viva-Moderatorin Collien Fernandes, zu der Ulmen auch privat zarte Bande geknüpft hat. Man lernte sich während der Dreharbeiten kennen und lieben.

Jan Freitag

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