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Abmahnung per Twitter

Islamkritischer Kommentar Abmahnung per Twitter

Ein Zeitungskommentar löst im Hause Springer Aufregung aus: Der Vizechef der „Bild am Sonntag“ hat sich kritisch zum Islam geäußert. Seine Chefs gehen auf Distanz - und ein Politiker stellt Strafanzeige wegen Volksverhetzung.

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Der Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, Kai Diekmann, hat sich von einem islamkritischen Kommentar in der „Bild am Sonntag“ („BamS“) distanziert.

Quelle: dpa (Archiv)

Berlin. Am Ende sollte es dann Winston Churchill richten. Der Mann, der immerhin den Zweiten Weltkrieg mitbeendete. Um 22.18 Uhr twitterte „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann am Sonntag ein als Laudanum gedachtes Churchill-Zitat in die Welt hinaus („Finally dann noch mein Sinnspruch des Abends“), das eine vielstündige, erhitzte Debatte beruhigen sollte: „Ein kluger Mann“, dozierte dieser, „macht nicht alle Fehler selbst, er gibt auch anderen eine Chance.“ Punkt. Kein Zweifel, wen Diekmann für den „klugen Mann“ in diesem Spiel hielt – sich selbst – und wen für den „anderen“: „Bild am Sonntag“-Vizechef Nicolaus Fest.

Es war das Finale eines bizarren öffentlichen Richtungsstreits im Hause Springer. Auslöser war ein „Bild am Sonntag“-Kommentar von Nicolaus Fest – Sohn von Joachim Fest, dem 2006 gestorbenen Historiker, „FAZ“-Mitherausgeber und Biografen von Albert Speer und Adolf Hitler. In dem nur 106 Worte langen Text geißelte Fest als „religionsfreundlicher Atheist“ den Islam an sich und bezeichnete ihn pauschal als „Integrationshindernis“, das man „bei Asyl und Zuwanderung ausdrücklich berücksichtigen“ solle. „Ich brauche keinen importierten Rassismus“, zeterte er, „und wofür der Islam sonst noch steht, brauche ich auch nicht“. Christentum, Judentum oder Buddhismus störten ihn im Übrigen nicht, nur der Islam, „der stört mich“.

Ansinnen des Kommentars bleibt unklar

Der stört ihn? Ein Kommentar soll polarisieren, Widerspruch herausfordern, auch provozieren. Aber er sollte auch – und da hakt es in Fests seltsamem Pamphlet – logisch, schlüssig und konsistent argumentieren. Ohne jede Trennschärfe zwischen Islam und Islamismus prügelt Fest stattdessen mit der Verbalkeule pauschal auf 1,57 Milliarden Menschen ein – zwei Tage übrigens nach einer „Bild“-Titelkampagne gegen antisemitische Hetze in Deutschland und „für Toleranz“. Was Fest will – unklar. Einreiseverbot für alle Muslime? Religionsverbot? Zwangsausreise für muslimische Jurastudenten und Informatiker? Sollen Moslems sich alle vier Wochen bei der Polizei melden? Und ab wie viel Jahren? Ab elf? Zwölf?

Grünen-Politiker Volker Beck forderte eine Entschuldigung, Ruprecht Polenz  (CDU) nannte den Kommentar „rassistisch und hetzerisch“. Fest selbst empfand den Gegenwind, den er mit seinen unreflektierten Parolen auslöste, als Nachweis der Tatsache, in ein Wespennest gestochen zu haben. Motto: viel Feind, viel Ehr’. „Herrlicher Shitstorm! Offensichtlich finden viele Homophobie, Antisemitismus & Ehrenmorde völlig ok“, feierte er sich unter Umgehung von Sinn und Verstand.

Öffentliche Redaktionskonferenz

Doch dann geriet der explosive Twitter-Diskurs zur öffentlichen Redaktionskonferenz – und zum überraschenden Beispiel für journalistische Transparenz im Social-Media-Zeitalter: Auch „Bild“-Chef Diekmann und – nach halbherzigen Verteidigungsversuchen – „Bild am Sonntag“-Chefredakteurin Marion Horn twitterten öffentlich ihren Unmut über Fest. „Seinen Kommentar heute halte ich für falsch!“, schrieb Diekmann. Und Horn ergänzte: „@BILDamSonntag hat Gefühle verletzt. Ganz deutlich: Wir sind nicht ­islamfeindlich! Ich entschuldige mich für den entstandenen Eindruck.“

Es muss einige Diskussionen im Verlag gegeben haben, denn wenig später meldete sich Diekmann mit einem Kommentar zu Wort, der Fest zwar nicht explizit erwähnte, stellenweise aber klang wie die Zehn Gebote von Axel Springer im Umgang mit Muslimen: „Für BILD und Axel Springer gab und gibt es eine klare, unverrückbare Trennlinie zwischen der Weltreligion des Islam und der menschenverachtenden Ideologie des Islamismus“, schrieb Diekmann. „Wer eine Religion pauschal ablehnt, der stellt sich gegen Millionen und Milliarden Menschen, die in überwältigender Mehrheit friedlich leben.“ Und er zitierte gleich noch den Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner („Es ist nicht antimuslimisch, gegen den Islamismus zu sein. Im Gegenteil.“) Nicht nur Fest dürfte den Text – der gestern auch in der „Bild“ erschien – als öffentliche Abmahnung verstanden haben.

Akademische Bildung schützt nicht vor Gedankenkurzschlüssen

Nun stellen sich mehrere Fragen. Erstens: Warum durfte Fests Text überhaupt erscheinen? Es war nicht die erste Kostprobe seines grenzwertigen Gesinnungsfurors. Seit Jahren versucht er, sich als ­reaktionärer Hardliner zu positionieren. Jüngst pries er die Vorteile „homogener Gesellschaften“ und warb für die Beseitigung kultureller Vielheit – wie auch immer. Nicht erst der Aufstieg der Alternative für Deutschland (AfD) zeigt, dass es auch in Besserverdienerkreisen eine wachsende Tendenz zur Bildungsferne in Religionsfragen gibt, wo das forsche Vorurteil jedes Wissen oder kluge Argument über innerislamische Vielfalt überdröhnt. Auch akademische Weihen schützen eben nicht vor Gedankenkurzschlüssen.

Zweite Frage: Ließ Springer Fest an der langen Leine, um einerseits die „Politically Incorrect“-Klientel zu bedienen und sich gleichzeitig je nach Anlass als Hüter moralischer Integrität feiern zu lassen? Und drittens: Wie kann ein Mann, der sich intern und extern derart ins Abseits schreibt, „BamS“-Vizechef sein? Noch nach Diekmanns Replik twitterte Fest uneinsichtig: „Gibt es Grenze zw. ­Islam/Islamismus?“ Seine eigene Chefredakteurin Horn wies ihn – ebenfalls per Tweet – zurecht: „Natürlich gibt es diese Grenze!!!“ Mit drei Ausrufezeichen.

Der Taktiker Diekmann wehrt sich zunehmend gegen den Dauerverdacht, dass die „Bild“-Familie zur Aufmerksamkeitserzeugung auch mal mit dem Feuer spiele und klickfördernden Applaus von rechts billigend in Kauf nehme. Er will sein Blatt als „Volks-BILD“ positionieren. Und zu diesem Volk gehören – so viel Einigkeit besteht dann doch noch zwischen den ­zerstrittenen Ex-Partnern Diekmann und Christian Wulff – inzwischen eben auch Muslime.

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