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Die Botschaft von Kiew

Eurovision Song Contest Die Botschaft von Kiew

Überschattet von politischen Spannungen wird am Samstag das Finale des Eurovision Song Contest gefeiert. Die Russen sind bei dem Gesangswettbewerb in Kiew nicht vertreten, dafür Vitali Klitschko und seine Frau Natalia.

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Eine „Happy Family“ der Nationen: Die Sieger des Halbfinales treten am Samstag beim Finale hin.
 

Quelle: dpa

Kiew.  Für einen Mann, dessen Ehefrau gerade vor Publikum ein Lied singt, wirkt Vitali Klitschko etwas abgelenkt. Er sieht auf sein Handy. „Wieso bist du nicht gekommen? ich habe auch dich gewartet“, singt Natalia Klitschko gerade, es ist ein ukrainisches Volkslied. Der deutsche Botschafter in Kiew hat zum Empfang geladen. Der Bürgermeister ist da, die deutsche Hoffnung Levina ist da, es gibt Luftballons und Fingerfood. Frau Klitschko singe gerne, heißt es. Herrn Klitschko belustige das gelegentlich. „Happy wife, happy life!“ antwortet er gern auf die Frage, ob er ihr größter Fan sei. Und dann schlägt seine Stunde.

„Laaaadies and Gentlemeeeeen...!“, dröhnt er. Das klingt nach Boxring, und das soll es auch. Er weiß, wie das geht. „Herzlich willkommen in Kiew! Manche mögen Boxen, manche mögen Fußball – aber Musik mögen alle.“ Für Klitschko, den Bürgermeister, ist der Eurovision Song Contest, der Sonnabendabend vor 200 Millionen Zuschauern in seiner Heimatstadt über die Bühne geht, vor allem eines: eine große Gelegenheit.

Er wirbt, er scherzt. Er erinnert an die Errungenschaften der Ukraine. Der Hubschrauber wurde hier erfunden. Das größte Flugzeug der Welt wurde hier gebaut. „Wir sind grün, wir sind sauber, wir sind gastfreundlich – jeder, der hier war, wird automatisch Botschafter von Kiew.“ Levina nickt, sie hat ihm eine CD signiert. „Ich drücke Dir meine Daumen“, will Klitschko sagen. Stattdessen sagt er „Fäuste“. Lachen im Saal. Am Ende geht’s bei Klitschko noch immer um die Fäuste.

Levina (26) kann Glück brauchen. Ihre Konkurrenz ist stark. Sie wird Sonnabend barfuß singen. Die Buchmacher sehen sie mit ihrer eleganten, edlen Inszenierung allerdings höchstens im unteren Mittelfeld. Ihr Vorteil: Deutschland nimmt nach zwei letzten ESC-Plätzen in Folge, was es kriegen kann. Großer Favorit ist aber Franceso Gabbani, Italiener mit tunesischen Wurzeln und Doppelsieger des San-Remo-Festivals, mit „Occidentali’s Karma“, einem Partysong mit Meditationsteil, in dem es um östliche Religionen geht, die der Westen vereinnahmt.

Sein rotzcooles Popkunstwerk ist voller kultureller Anspielungen von Shakespeare bis zur Evolution (deshalb der Affe auf der Bühne). Ihm gefährlich werden könnte Salvador Sobral aus Portugal: Dem 27-jährigen hat seine zwei Jahre ältere Schwester ein zärtliches Liebeslied auf den zuckenden Leib geschneidert („Amar Pelos Dos“), das er mit großen Augen und unter sichtbaren emotionalen Verwirbelungen vorträgt. Ein irritierender Auftritt, der in Kiew Begeisterung auslöste, weil Sobral verletzlich und authentisch wirkt zwischen all den grellen Tüllburgen, in denen sich vor Ehrgeiz zitternde Kampfsängerinnen aus Krisenländern verschanzt haben.

Geheimfavoriten: der 17-jährige Bulgare Kristian Kostov („Beautiful Mess“), der wirkt wie der Sohn von Bill Kaulitz, die coole Belgierin Blanche („City Lights“) mit der Lana-Del-Rey-Stimme, der fröhliche Teddybär-Burschi Jowst aus Norwegen („Grab the Moment“) und – wie immer – der Schwede, der diesmal Robin Bengtsson heißt („I Can’t Go On“).

Schon ab 20.15 Uhr meldet sich Barbara Schöneberger in der ARD von der Reeperbahn in Hamburg. Zu Gast ist unter anderem Helene Fischer. Start des ESC-Finales ist dann um 21 Uhr in Kiew vor knapp 10.000 Zuschauern im International Exhibition Center – direkt nach dem unverwüstlichen und stets tapferen „Wort zum Sonntag“.

Natalia Klitschko hat ihr Lied beendet. Es gibt Blumen. Levina tritt auf die kleine Bühne, 1,81 Meter groß. So groß, dass Klitschko neben ihr immerhin nicht mehr riesig wirkt. „Gerade jetzt, in einer Zeit politischer Konflikte, ist es wichtig zu zeigen, dass Musik verbindet“, sagt sie ins Mikrofon. Frau Klitschko nickt. Herr Klitschko macht irgendwas mit seinem Handy.

Von Imre Grimm/RND

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