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Facebook erreicht auch Senioren

Soziales Netzwerk Facebook erreicht auch Senioren

Bislang haben vor allem junge Menschen das soziale Netzwerk Facebook genutzt. Jetzt erreicht die neue Kommunikationsform auch die Senioren. Ist das Facebook-Profil von Oma und Opa bald so alltäglich wie ein Telefonbucheintrag?

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Quelle: dpa

Hamburg. Was halten Senioren von Social Networks? „Wir wissen einfach zu wenig davon.“ Auf die Frage, ob Monika Freund bald Facebook-Freund wird, reagiert sie ablehnend. Jeden zweiten Donnerstag kommt die 68-jährige zum „Computertreff“ des Deutschen Senioren Computer Clubs, um in Sachen PC und Internet auf dem Laufenden zu bleiben. Ihr Sitznachbar, Peter Hanisch, ist heute zum ersten Mal dabei. Der 82-Jährige bringt die Skepsis vieler auf den Punkt: „Das Internet will eh schon alles wissen. Wenn ich auch noch bei Facebook selbst alles ausplaudere, dann bin ich doch blöd.“

Im zweiten Stock eines weißen Bürogebäudes in Hamburg-Langenhorn sitzen, umgeben von Flachbildschirmen, neun Computerschüler zwischen 57 und 82 Jahren. Viele der Senioren haben zum ersten Mal Facebook auf dem Schirm. Mehr als 800.000 Menschen ihrer Generation sind Statistiken zufolge bereits bei der Plattform angemeldet. Das Thema ist brisant, der Raum füllt sich schnell mit einem Durcheinander angeregter Unterhaltungen. „Auch wenn ich jetzt mehr wüsste, ich würde mich hinterher nicht registrieren“, sagt Freund bestimmt.

Kees van Dam hat diesen Schritt dennoch getan. Es ist sein Profil, das der Beamer an die Wand projiziert. „Es ist leicht zu sagen: Das ist nichts für mich. Die meisten denken so, aber langsam werden dann alle Leute dahin gezogen.“ Der Niederländer hat viele Jahre in den USA gelebt, und nutzt Facebook vornehmlich für seine internationalen Kontakte. Bislang sind es 44, Tendenz klar steigend. Er klickt durch sein Profil. Mit Michihiro, einem Freund aus Japan, tauscht er gerne Youtube-Videos über die Plattform aus. „Es ist eine bequemere Form als E-Mail“, meint er. „Und wenn man die letzten Neuigkeiten sehen will, muss man auf Facebook gehen.“ Passend dazu ruft van Dam die Facebook-Präsenz von Spiegel Online auf. 73 Kommentare zu einem Artikel. „Wie viel Zeit die Leute haben“, wundert sich leise Jürgen Schröter neben ihm.

„Ein Brief vom Enkel kommt sowieso nicht“

Gerd Cichoki erzählt, dass er analog nur schwer den Kontakt mit seinen Kindern und Enkeln halten kann: „Ein Brief vom Enkel kommt sowieso nicht.“ Deswegen nutzt der 70-Jährige regelmäßig den Internettelefoniedienst Skype. Bei Facebook ist er hingegen noch nicht. „Wenn ich aber schaue: Wo sind meine Kinder und Enkelkinder registriert? Dann komme ich auf Facebook oder Twitter.“ Also ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch er sich anmeldet? Bei Skype war er auch skeptisch - bis er es schließlich ausprobierte: „Dann habe ich gesehen: Och Gott, ist ja gar nicht schlecht.“

Die Senioren glauben, dass sie bei Facebook zum offenen Buch für die Allgemeinheit werden. Der Zukunftswissenschaftler Prof. Horst Opaschowski erklärt: „Die Skepsis der Senioren ist beinahe angeboren. Sie haben im Leben gelernt, Tempo und Hektik zu relativieren, Bewährtem zu vertrauen und gelassen auf Neues zu reagieren. Riskante Schnellschüsse überlassen sie den Jungen. Ansonsten pflegen sie mehrheitlich lieber Face-to-Face-Beziehungen als Facebook-Kontakte.“ Cichoki versichert: „Ich werde doch meine Daten nicht ins Netz stellen.“ Er spielt damit auf den Begriff „Cloud“ an, den er zuvor in die Runde warf. „Wenn man anfängt, Verknüpfungen herzustellen, dann wird es gefährlich.“

Van Dam teilt seine Sorge: „Wenn die viel über mich wissen, ist es leichter, mich abzuzocken.“ Passend dazu klickt er die Einstellungen zur Privatsphäre an. Seine Kontakte und Fotos können „von jedem“ bei Facebook gesehen werden. Schnell ändert er dies, setzt nach und nach neue Häkchen bei „nur Freunde“. Dass diese Häkchen wichtig sind, hat vor einigen Wochen die 16-jährige Thessa aus Hamburg erfahren müssen. Sie lud aus Versehen alle Facebook-Nutzer zu ihrer Geburtstagsparty ein. Mehr als 1500 „geladene“ Gäste erschienen tatsächlich und veranstalteten ein nicht ganz friedliches Straßenfest.

Für manche Senioren ist das Social Network auf den ersten Blick gar nicht so sozial. „Was soll ich denn da? Ich will keine 700 Freunde haben.“ Barbara Nakielski, die Leiterin des Computer-Clubs, kann das Freundesammeln vieler User nicht nachvollziehen. Hanisch stimmt ein: „Wenn ich 500 Freunde habe, dann brauche ich doch einen Monat, um mit allen Kontakt aufzunehmen?“

Die Angst vor Datenmissbrauch ist groß

Was fehlt - da sind sich alle einig - ist ein vernünftiges Lehrangebot. „Als Laie übersieht man sehr vieles“, meint Cichoki. Die Senioren blicken gebannt auf das Profil an der Wand, das umringt von personalisierter Werbung ist. „Erklär doch mal von unten“, fordert Hanisch. Clubvorsitzende Nakielski kann sich daher gut vorstellen, künftig auch Lehrstunden zum Thema anzubieten. Allerdings fehlt dafür noch ein Experte.

So einer ist Horst Sievert aus Kronshagen bei Kiel. Der 71-Jährige ist Moderator der Gruppe „Senioren-lernen-online“ bei Facebook. Mitglieder seines Netzwerks tauschen hier Neuigkeiten und Tipps aus. Eine Facebook-Anleitung hat er online bereitgestellt. Sievert will seine Altersgenossen informieren: „Es bedarf intensiver Gespräche. Wenn man nicht aufpasst, lädt man etwas hoch und weiß hinterher nicht mehr, wo das landet.“

Bevor die Mehrheit der Senioren Sievert und van Dam ins Facebook folgt, müssen berechtigte Ängste abgebaut werden. Experte Opaschowski sieht diese zögerliche Haltung der Anwender, und dämpft daher die Erwartung einer rasanten Zunahme der Zahl älterer Netzwerk-Nutzer: „Es wird aber keine Explosion geben. Zu groß ist die Angst vor Datenmissbrauch, Eingriffen in die Privatsphäre oder Vermarktung von Persönlichkeitsmerkmalen und -rechten.“

dpa/jhf

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