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"Gemeinsam sind wir so viel stärker"

Hans Leyendecker über die Panama Papers "Gemeinsam sind wir so viel stärker"

Hans Leyendecker ist einer der bekanntesten Enthüllungsjournalisten Deutschlands. Und einer der erfahrensten. Im Interview erklärt der 66-Jährige, wieso Journalisten die Panama Papers analysieren konnten und warum er nicht aufhören kann. Nicht jetzt.

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"Es heißt zwar, man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Aber jetzt? Ausgerechnet jetzt?": Der Journalist Hans Leyendecker (Archivbild).

Quelle: Jörg Carstensen/dpa

Von Enthüllungsjournalisten wird gern das Bild des einsamen Wolfs gezeichnet. Der habe nun ausgedient, heißt es seit den „Panama Papers“. Sind Sie der Typ einsamer Wolf?
Das war ich nie, weder beim „Spiegel“ früher noch bei der „Süddeutschen“ jetzt. Aber das ist mit der Recherche zu den „Panama Papers“ nicht zu vergleichen. Dieses weltweite Netzwerk aus 400 Journalisten zeigt: Gemeinsam sind wir so viel stärker als allein.

Hängt das mit der Globalisierung zusammen? Mit der Digitalisierung?
Mit beidem. Für eine derart international bedeutende Geschichte war es Gold wert, mit Journalisten aus 80 Ländern zu arbeiten. Durch die Digitalisierung wiederum gelangt man an unvorstellbare Mengen an Daten. 2,6 Terabyte! Vor 20,30 Jahren war man schon froh, wenn einem jemand fünf, sechs Ordner Material zuspielte.

Was hat sich nicht geändert?
Die journalistische Arbeit. Es gibt Hinweise, denen gehst du nach, gleichst das mit anderem Material ab, sprichst mit Informanten, konfrontierst die Betroffenen.

Sie werden demnächst 67. Bastian Obermayer und Frederik Obermaier sind 38 und 32 Jahre alt. Die beiden werden jetzt überall gefeiert. Die „New York Times“ hat sie porträtiert, bald wird es Preise regnen. Muss man sich um die beiden sorgen?
Die sind sehr charakterstark. Eine ganz wichtige Eigenschaft für Journalisten. Die wollen niemanden fertig machen. Denen geht es um die Sache, und wenn sich die anders entwickelt als gedacht, lassen sie auch wieder ab davon. Von dieser Sorte gibt es leider nicht so viele.

Wolfgang Krach, einer Ihrer Co-Chefredakteure, sagte mir kürzlich, die beiden seien sehr geerdet. Dafür, dass das so bleibt, sorge schon Leyendecker. Was meinte er damit?
Ich bin ja lange im Geschäft und habe vieles erlebt. Auch Niederlagen, ja, Katastrophen. Denken Sie an Bad Kleinen. Ich habe immer versucht, Jüngeren zu vermitteln, was man alles falsch machen kann. Offensichtlich haben die beiden das eine oder andere Mal hingehört. Außerdem haben sie gute Partnerinnen. Wenn du eine Frau hast, die dir abends sagt: Jetzt musst du aber mal… Eigentlich bist du doch… Wann wirst Du endlich… Das ist nicht gut.

Wenige Tage nach den ersten Veröffentlichungen begann die Böhmermann-Debatte. Danach redete kaum noch einer über die „Panama Papers“. Hätten Sie sich das vorstellen können?
Das eine Thema ist für den Moment, das andere handelt von einem strukturellen Missstand und ist von hoher Nachhaltigkeit. Das ist wie Synchronschwimmen und Wasserball: nicht zu vergleichen. In unserem Beruf darfst du dich nicht fragen, ob du bei einem Hype dabei warst, du musst einen langen Atem haben.

Was bedeutet Ihnen, dass der Watergate-Enthüller Bob Woodward sagte, die „Panama Papers“ seien ein Triumph des Journalismus?
Über mich hat mal das „Wall Street Journal“ geschrieben, ich sei der deutsche Bob Woodward. Was für ein Blödsinn. Ich hatte nie seine Klasse. Als er jetzt mit diesem Satz kam, dachte ich: Schau‘ an, der Alte ist am Platz, und in Amerika schreiben sie sogar den Namen unserer Zeitung richtig. Es ist ja so: Flick, die Waffenskandale, das war für mich auf meinem Berufsweg sehr wichtig. Aber diese Recherche ist ein Traum. Ich war viele Jahre gern beim „Spiegel“, hatte aber Glück, dass ich 1997 in diesem Biotop der „Süddeutschen“ gelandet bin.

Der Kinofilm „Spotlight“, die „SZ“ glänzt mit den „Panama Papers“... Ist der Journalismus auf dem Weg der Besserung?
Es gibt heutzutage viele unterschiedliche Dinge gleichzeitig, auch guten und schlechten Journalismus. Andererseits: Es wurde noch nie so viel recherchiert wie heute. Zwischen 1979 und 1997 war ich beim „Spiegel“. Damals waren wir so ziemlich die einzigen, die große Recherchen betrieben. Heute machen das viele, denken Sie nur vorige Woche an die Geschichte des Bayerischen Rundfunks mit der „Welt am Sonntag“ über den Betrug durch russische Pflegedienste. Oder an die guten Regionalzeitungen, die begriffen haben, dass man gemeinsam mehr erreicht als allein. Ein Redakteur, der allerdings aus ökonomischen Gründen vom Verlag gezwungen wird, jeden Tag vier Seiten zu produzieren, kann nicht noch nebenbei für Sternstunden des Journalismus sorgen.

Was macht die Sternstunde mit der „Süddeutschen“?
Der Erfolg beflügelt. Sie müssten sehen, wie hier jeder mit einem Lächeln durchs Haus läuft, weil wir etwas erreicht haben, wovon wir alle immer nur schwätzten und träumten.

Im Sommer hören Sie als Ressortleiter auf. Hören Sie wirklich auf, ganz und gar?
Vor Panama wusste ich nicht, was ich machen wollte. Ich hatte ein paar Angebote, auch außerhalb des Journalismus, und war nicht sicher, was meine Frau wollte. 45 Ehejahre sind mir wichtiger als 45 Jahre Journalismus. Jetzt sagt sie: Mach‘ weiter. In anderer Funktion, klar, aber bei der SZ weitermachen will ich schon. Es heißt zwar, man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Aber jetzt? Ausgerechnet jetzt?

Interview: Ulrike Simon

Hans Leyendecker hat zahlreiche Skandale in Politik und Wirtschaft aufgedeckt. 1993, im Fall Bad Kleinen, hatte er zu sehr seiner Quelle vertraut und ging von einer Hinrichtung des RAF-Mitglieds Wolfgang Grams durch GSG-9-Beamte aus. Der Fehler schmerzt ihn bis heute. 2009 übernahm er die Leitung des neugegründeten Ressorts Investigative Recherche. Im September folgt ihm Nicolas Richter, derzeit noch Korrespondent in Washington.

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