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Medien „Ich bin nicht gern ironisch“
Nachrichten Medien „Ich bin nicht gern ironisch“
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18:27 23.02.2018
„Das Ernste war mir immer wichtig“: Anke Engelke. Quelle: dpa

Wissen Sie, was mein schönstes Anke-Engelke-Erlebnis war? Das waren die Proben zum Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf. Sie wirkten als Moderatorin wie ein Fisch im Wasser: herzlich, lustig, geduldig, großzügig. Sind Sie bei der Arbeit immer so?

Ich krieg ganz viel Geld! Nein, im Ernst: Ich liebe das, was ich tue. Ich fühle mich privilegiert, in meinem Beruf das tun zu dürfen, was mir Spaß macht. Wer kann das von sich behaupten?

Ganz anders im Film „Südstadt“. Da spielen Sie Anne, eine tief bedrückte, vom Leben gebrochene Ehefrau. Ist es für Sie schwerer, in einer Rolle traurig zu sein als lustig?

Es heißt ja, das sei die Königsdisziplin. Mir fällt das zwar schon irgendwie leicht, aber…

(Regisseur Matti Geschonnek betritt den Raum.)

Engelke: Matti Geschonnek! Mein Lieblingsregisseur! Du, die wollen alle ‘ne Fortsetzung von „Südstadt“!

Geschonnek: Ja, hab ich auch gehört. Von mir aus…

Engelke: Ja, ne? Wir telefonieren. Ich hab‘ ab Mai Zeit!

(Geschonnek verabschiedet sich.)

„Das Reinfühlen ist immer die größere Aufgabe“

… also, wir waren bei lustig oder traurig: Die Vorbereitung, das Reinfühlen in eine Rolle, ist immer die größere Aufgabe als das Textlernen und Spielen selbst. Wie Matti Geschonneck das macht, was neu für mich: Wir haben mehrfach getroffen, einander kennengelernt, unsere Arbeitsweisen. Und am Set habe ich selten so wenige verbale Anweisungen bekommen. Matti Geschonnek arbeitet als Regisseur wie ein Dirigent: mit Handzeichen. Ein Beispiel: Anne steht in einer Szene im Lehrerzimmer, checkt Kontoauszüge, ihr Liebhaber steht rauchend am Fenster, er sucht ihre Nähe, sie glaubt weiter scheinbar unbeirrbar an ihre Ehe. Und dann entdeckt sie, dass bei den Finanzen was nicht stimmt, dass das Vertrauen unter Partnern erschüttert wurde. Dann ist der Take fertig, und Matti Geschonnek macht nur eine kleine, fordernde Handbewegung. Das ist die ganze Regieanweisung. Damit signalisiert er mir: „Nee, die Anne begreift’s noch nicht.“ Ich musste Matti erstmal lesen lernen.

Für ein melancholisches, leises Kammerspiel ist „Südstadt“ originell besetzt mit lauter vermeintlichen Komikern: Matthias Matschke (Halbbruder Hagen aus „Pastewka“), Dietrich Hollinderbäumer (Ulrich von Heesen aus der „heute-show“), Bettina Lamprecht (Nachbarin Svenja Bruck aus „Pastewka“) – und dann noch Sie.

Fun Fact: Matti Geschonnek wusste gar nicht, dass wir vier ständig miteinander spielen!

Im Ernst?

Er hatte keine Ahnung. Und wir fragten dann: Du weißt aber schon, dass die Leute dann eventuell fragen könnten: „Matschke und Engelke als Ehepaar? Wie in ,Ladykracher‘?“ Und er sagt: „Wusste ich nicht. Und weißt du, wer die Saskia spielt? Bettina Lamprecht, kennst du die?“ – und ich sagte: „Das ist jetzt nicht dein Ernst!“ Und dann als dann noch Didi kam, habe ich gedacht: Was ist denn jetzt los?

„Leute, es ist nur ein Leben, und das ist maximal 100 Jahre lang“

Das war also Zufall?

Zufall? Ich weigere mich immer mehr, an Zufälle zu glauben. Ohne Witz. Diese emotionale Nähe, die man bei uns spürt – die ist zwar erzeugt, aber sie hat auch was mit der Nähe zwischen uns zu tun.

Oder auch mit der Tatsache, dass bei guten Komikern ja nicht selten Menschlichkeit und Melancholie mitschwingen. Man sagt: „Der Witz wohnt als Parasit auf dem Leid.“ Können Sie damit etwas anfangen?

Ja! Und umgekehrt ist es ganz genauso: Ich kann auch nur ernst sein, wenn ich genau weiß: Leute, es ist nur ein Leben, und das ist maximal 100 Jahre lang, wir werden uns doch hier jetzt nicht die Laune verderben lassen. Dann gibt’s wie hier in „Südstadt“ halt mal eine Trennung. Oder eine Schwangerschaft. Oder dann ist der Job halt weg. Dann bist du halt blöd hingefallen. Dann hast du dich halt jetzt mal verplappert, obwohl der Kollege genau hinter dir stand. All diese freiwillige und unfreiwillige Komik wartet doch am Wegesrand, und nur das kann die Basis sein für die großen Fragen des Lebens.

Sie haben in der „Wochenshow“, in „Ladykracher“, in der Sitcom „Anke“ dutzende komische Figuren dargestellt: vom naiven Teeniestar „Ricky“ bis zur überdrehten Volksmusikantin Anneliese. In letzter Zeit spielen Sie zunehmend ernste Rolle. Gab es einen Moment in Ihrem Leben, als Ihnen das Ernste wichtiger wurde als die Komik?

Ein klares Nein. Es war immer wichtig. Zur „Wochenshow“, zum öffentlichen Komischsein also, bin ich ja erst spät gekommen, da war ich schon 30. Heute stehen Komikerinnen mit 20 mit ihrem Stand-up-Programm auf der Bühne. Ich habe mit 30 noch nicht gerafft, dass ich engagiert wurde, weil ich lustig bin. Denn das, was ich vorher zwölf Jahre beim Südwestfunk gemacht hatte, war ja Journalismus.

„Schauspielschüler spielen inzwischen ,Wochenshow’-Szenen nach“

Nervt dieser Stempel manchmal: die lustige Tante von der „Wochenshow“?

Nein. Das ist ein ganz großes Kompliment. An Schauspielschulen werden inzwischen Szenen aus der „Wochenshow“ nachgespielt. Ich erinnere mich an den Dreh von „LiebesLuder“ von Detlev Buck im Jahr 2000, auch ein relativ ernster Film, bei dem ich Matthias Matschke kennengelernt habe: Da erzählte mir Mavie Hörbiger, sie habe als Schauspielschülerin neulich eine „Ricky“-Szene von mir analysiert und nachgearbeitet. Das konnte ich gar nicht glauben.

Es ist ja kein Makel, auch lustig zu sein.

Genau. Und auch wenn damals irgendwann der kritische Begriff von der „Spaßgesellschaft“ aufkam und die Comedy vom Feuilleton ein bisschen belächelt wurde: Von Schauspielern bekamen wir von Anfang an Respekt. Die sagten: Was ihr da macht, das könnte ich nicht.

Wenn man Ironie als Schutzschild versteht – muss man dann als Mensch mutiger geworden sein, um sie auch mal wegzulassen?

Gute Frage. Aber für mich ist Ironie kein Schutz. Ich bin auch nicht gern ironisch. Ich kann mich aus diesem Füllhorn namens Menschheit nur bedienen, wenn ich selber mit offenem Visier unterwegs bin. Ich erlebe das immer wieder hier in Köln: Viele wundern sich, dass ich hier ganz normal mit meiner Jahreskarte Bahn fahre. Aber dem Kölner ist es egal, wer hier an Prominenz rumläuft. Wenn ich zum Beispiel für den WDR Reportagen drehe, gibt es mit der Redaktion die Vereinbarung, dass ich in Köln keine Menschen befrage, das geht sofort schief. Ich habe einmal in der Schildergasse mit einem Mikrofon gestanden. Die Leute waren total irritiert: „Hä Anke, was machst denn du hier?“ Weil wir einen Deal haben: Ich lasse die Stadt in Ruhe, und die Stadt lässt mich in Ruhe. Wir werden einander nicht schröpfen.

Das Unverstellte ist Ihnen wichtig?

Ja. Ich möchte den Menschen offen begegnen. Was nicht heißt, dass ich mich überall ausziehe und jedem erzähle, was ich privat zum Frühstück esse. Aber ich versuche immer genau so offen zu sein, wie ich mir das von meinem Gegenüber wünsche. Sonst gerät es aus dem Gleichgewicht und fühlt sich an wie Machtmissbrauch.

Sie haben in einer WDR-Reihe die Themen Selbstoptimierung, Glück und Angst beleuchtet. Woher kommt dieser unselige Druck, permanent dem Ideal zu entsprechen?

Ich kann da keine Schuld verteilen. Aber mich hat überrascht, wie tief diese Verstellung geht. Wenn mir zum Beispiel ein Model mit Übergröße sagte: „Ich fühle mich total wohl! Ich fühle mich so wohl in meiner Haut! Es gibt ja viele Schmetterlinge auf der…!“ – und dann habe ich sie gebremst und gesagt: „Warte mal! Das ist ein Kalenderspruch. Verkauf mir den nicht als deine Idee. Ich bin doch jetzt auch ehrlich: Wir haben beide Cellulitis, wir haben beide Besenreiser oder wie die Scheißdinger heißen – aber lass uns doch ehrlich sein: Wir finden’s doch beide nicht so schön, oder? Keiner sagt: Guck mal, toll.“

„Ich schwimme nicht den gemütlichen Weg“

Das hat Sie erschreckt.

Das hat mich erschreckt: dass die Menschen nicht mehr original sind. So wie der Kollege, der mit diesem Armband rumläuft und Tag und Nacht alles kontrolliert: was er isst, wann er schläft. Aber das ist doch kein natürliches Bedürfnis, das so ein Gerät erfüllt. Es schreit doch kein Mensch von sich aus nach einem Gerät, um sich ständig zu kontrollieren und sich geiler zu finden. Ich merke immer wieder: Entweder mache ich hier grade ganz viel verkehrt und raffe nicht, dass ich wirklich langsam mal mitschwimmen muss. Oder ich entscheide mich dafür, kein guter Schwimmer zu sein und eben nicht den gemütlichen Weg zu schwimmen, den alle schwimmen. Ganz offensichtlich bin ich nicht so. Ich möchte keinen Scheinbedürfnissen nachgeben. Ich brauche das nicht.

Männern fällt es leichter, sich selbst super zu finden – auch wenn alle Fakten dagegen sprechen. Empfinden Sie das als Makel oder als Stärke?

Ich finde das wahnsinnig schön, dass Männer sagen können: Wieso, siehst doch super aus! Das ist beneidenswert, dass Männer sich wegen ihres Äußeren nicht so verrückt machen wie Frauen.

Attraktivität ist ja auch immer noch eine wichtige Währung in Ihrem Beruf. In den USA gibt es einen kleinen Boom von weiblichen Role Models, die nicht den gängigen Schönheitsnormen entsprechen: Amy Shumer, Chrissy Metz aus „This Is Us“, Lena Dunham natürlich. Jennifer Lawrence sagt, wenn ihr einer mit Diät käme, würde sie sagen: „Fuck you!“

Wobei Amy dann ja doch wieder abgenommen hat. Und ich dachte: Warum machst du denn das jetzt?

Wie groß ist dieser Druck auf Frauen bei uns?

Da habe ich mal sehr schlechte Erfahrungen gemacht, vor langer Zeit. Das war beim Ferienprogramm des ZDF, da hatte gerade ein neuer Chef für das Kinder- und Jugendprogramm angefangen, und es gab eine wirklich magere Redakteurin, die es sehr wichtig fand, dass Frauen im Fernsehen mager sind. Ich war 18 Jahre alt, und man gab mir zu verstehen, dass ich abnehmen sollte. Das hat mich damals schwer traumatisiert, und es hat ganz lange sehr, sehr wehgetan. Aber irgendwann habe ich begriffen, dass mir das nicht wehtun darf. Dass mir eher die Leute leidtun sollten, die einem so etwas antun. Das ist aber geklärt. Der damalige Chef und spätere Intendant hat sich mehrfach entschuldigt. Inzwischen bin ich seit vielen Jahren in der Situation, dass Macht an mir nicht missbraucht wird. Mir gibt niemand zu verstehen, dass es aus diesen oder jenen äußerlichen Gründen mit mir so nicht weitergehen kann – ob wegen des Alters oder des Gewichts.

„Die Metoo-Debatte ist sinnvoll, um den Blick zu schärfen"

Stichwort Macht: Hat die #Metoo-Debatte Sie überrascht?

Tja, was hat mich daran überrascht? Das Ausmaß? Oder dass jetzt Geschichten hochkommen, die schon Jahre alt sind? Die Antwort ist: Nein. Weil alles so ist, wie es ist. Die Frauen brauchten dann einfach lange, um den Mut zu finden, darüber zu sprechen. Hat mich überrascht, dass jetzt Menschen die Opfer kritisieren, die die Debatte selbst eigentlich gar nicht betrifft, weil sie keine eigenen Schicksalserfahrungen haben? Auch nicht. Es ist alles, wie es ist. Das Einzige, was nicht sein darf, ist, dass Macht missbraucht wird. Ich begrüße, dass das jetzt offen angesprochen wird. Und ich mag nicht darüber urteilen, ob das zu früh oder zu spät geschieht.

Catherine Deneuve und andere französische Kolleginnen fürchten um die Flirtkultur.

Diese Reaktion wundert mich sehr. Dass die sagen: „Nun lass doch mal – so einen Klaps auf den Hintern wollen wir doch eigentlich.“ Da habe ich mich gefragt, ob da etwas mit der Übersetzung schiefgegangen ist. Dann habe ich das Original gelesen und gestaunt: Das hat sie tatsächlich so gesagt. Ich glaube, dass die Debatte sinnvoll ist, um den Blick zu schärfen. Schön wäre nur, wenn es zivilisiert und mit Respekt abliefe und niemand sich in seiner Freiheit eingeengt fühlt.

Sie sind in Montréal in Kanada geboren – wann waren Sie zuletzt dort?

Lange nicht mehr. Zuletzt in Toronto. Montréal und das Frankophone habe recht schnell abgehakt, ich war viel in Vancouver und Toronto.

Lorne Michaels ist in Toronto aufgewachsen, der Erfinder der Comedyshow „Saturday Night Live“. Er hat mal gesagt: „Kanadier haben einen irren Respekt vor Autoritäten, und ich glaube, eine heilsame Methode, damit umzugehen, ist die höfliche Feindseligkeit der Comedy.“

Und deshalb gibt’s Jim Carrey?

Er ist ja nicht der einzige kanadische Komiker. Mike Myers, Dan Aykroyd, Seth Rogen, Rick Moranis, Leslie Nielsen, John Candy, Matthew Perry…

Aber ich habe ja deutsche Eltern. Und ich habe nur die ersten fünf Jahre dort gelebt. Das kann nicht sein.

Ganz sicher?

Ich habe diese These, dass Kanada eine gute Basis für Komik ist, immer von mir geschoben – aber dann habe ich vor vielen Jahren bei der Premiere von „Bruce Allmighty“ im Mathäser Filmpalast in München Jim Carrey getroffen, und wir waren sofort so (macht die „Da-geht-kein-Blatt-dazwischen-Geste“). Ich sollte das seriös präsentieren, und alle waren sehr nervös, die Produzenten, die Verleiher: „Anke, sei bloß vorsichtig, erst die Fragen auf Deutsch, dann auch Englisch – ganz wichtig!“ Roter Teppich! Große Bühne! Und ich kündige ihn mit großer Fanmoderation an und zeige zu der Bühnenseite, von der er kommen sollte. Und dann höre ich irgendwo Gebrüll und Gelächter, und Jim Carrey klettert von ganz hinten im Saal über die Sitzreihen und Menschen nach vorne zu mir auf die Bühne. Gefühlt zehn Minuten lang. Dann habe ich versucht, meine Fragen zu stellen, und er hat natürlich keine einzige beantwortet. Und dann habe ich das umgedreht: Dann habe ich ihm falsch übersetzt, was ich auf Deutsch angeblich gefragt habe. Und das hat er gemerkt, dass ich dachte: Ich krieg hier zwar Geld fürs Ernstsein, aber dann haben wir jetzt eben Spaß. Dann kam es zu einer Art Handgemenge und wir rollten über die Bühne. Das war irgendetwas zwischen Schlägerei und etwas wahnsinnig Erotischem.

„Hier isser, mein Ex!"“

Ihre große Stunde schlägt, wenn etwas Ungeplantes passiert.

So geht es mir mit vielen kanadischen und amerikanischen Künstlern. Da entsteht etwas Spontanes. Wie mit Jake Gyllenhaal bei der Berlinale-Eröffnung 2011. Bei der Probe hat er mich gebeten, ihm eine komplizierte Rechenaufgabe zu stellen, auf die die Antwort „fünf“ lauten sollte. Und das hab ich getan. Und bei der Preisverleihung habe ich ihn dann angekündigt mit den Worten „Hier isser: mein Ex!“. Und dann kam er auf die Bühne, und wir haben gespielt. Und es war nichts abgesprochen. Ich kenne den Mann gar nicht!

Wer gehört denn für Sie zu den größten Komikerinnen: Amy Shumer, Sarah Silverman, Kristen Wiig, Tina Fey, Amy Poehler…

Kristen Wiig ist die Größte. Sie ist mein Liebling. Tina Fey ist super. Die haben Timing, die haben Funny Bones. Das ist die alte „Saturday Night Live“-Schule. Da dürfen die sich ausprobieren. Diese nordamerikanische Stand-up-Kultur, die Improv-Tradition – das gibt’s hier nicht. Hier gibt’s Karneval.

Warum bloß? In Deutschland gilt Improvisationskunst als niederste Form des Humors, knapp unterhalb des Kalauers.

Die Folge ist ganz klar: Hier nicht machen. Einfach nicht machen. Fertig.

Aber Sie machen’s ja. Mit „Blind Date“, dem hochgelobte Improvisationsformat mit Olli Dittrich…

Das ist was Anderes. Aber ich stehe nicht auf der Bühne und behaupte: „Wisst ihr, was ich gerade in der Zeitung gelesen habe…?“ Das kann ich nicht. Das habe ich bei „Anke Late Night“ bewiesen. Ich kann nicht behaupten, dass mir das gerade passiert ist. Das geht nur, wenn ich eine Rolle spiele. Aber wenn ich da als Anke vor den Menschen stehen soll, dann verkaufe ich denen, dass das alles neulich der Anke passiert ist. Und schon ist es für mich nicht mehr Schauspiel, sondern Lüge.

Und das war das Problem Ihrer kurzlebigen Sat.1-Show „Anke Late Night“ – dass man das spürte?

Natürlich. Alle haben gesagt: Oh Gott, Mädchen, hört auf! Aber das war völlig in Ordnung, im Gegensatz zu meinem ZDF-Ferienprogramm-Trauma. Was mich beim Aus für „Anke Late Night“ viel mehr belastet hat: dass ich ganz vielen Menschen einen Job für zwei Jahre versprochen hatte. Die hatten Kinder gezeugt und Häuser gebaut. Und dieses Versprechen konnte ich nicht halten. Das mache ich mir zum Vorwurf. Ich war auch wahnsinnig schlecht beraten.

Inwiefern?

Viele Leute sagten: Du kannst das, du machst das! Aber die hat gar nicht interessiert, was ich wirklich gut kann und worin ich mich wohlfühle. Die hatten mit mir vielleicht schon die Erfahrung gemacht, dass man mich manchmal ein bisschen schubsen muss. Und dann haben Sie mir einen sehr großen Schubs gegeben.

„Die Ricky war gar nicht meine Idee“

Man muss Sie schubsen?

Die „Ricky“ zum Beispiel war gar nicht meine Idee. Da hat man mir zehn Videokassetten hingelegt, auch die von der legendären Pressekonferenz von Tic Tac Toe, und gesagt: Guck dir das mal an, vielleicht ist das eine Figur für dich.

Das heißt, Sie sind dankbar für Menschen, die auch mal sagen: Du kannst das.

Na klar, absolut! Sowohl bei der „Wochenshow“ als auch bei „Ladykracher“. Aber da ist der Umgang mit mir speziell. Manchmal muss ich geschubst werden, aber bitte nicht zu viel. Dann traue ich mich nicht mehr zu sagen, dass etwas nicht geht. Ich kann gut sagen: Das kann ich nicht. Da kokettiere ich auch nicht. Aber manchmal muss man mir das auch glauben.

Sie haben mal gesagt, Sie kommen aus der „Fernsehsteinzeit“. Was bedeutet das?

Ich verstehe Unterhaltung nicht so sehr als Mischform wenn es um die Protagonisten geht. Ich finde, dass man als Schlagersänger zum Beispiel nicht auch noch den Rocker zeigen muss. Und wenn man Moderator ist, muss man nicht auch noch Sänger sein. Es gibt nicht sehr viele Multitalente, die mehrere Dinge sehr gut können. Ich bin für eine klare Verortung auch in der Unterhaltung. In unserer Branche sollen zu viele alles können und machen. Und wenn jemand nur eine Sache wirklich gut kann, wird uns das schnell langweilig. Auch da herrscht dieser leidige Optimierungsdruck. Warum muss unter journalistischen Nachrichten im Radio auch noch Musik laufen? Warum darf ein Interview nur noch einsdreißig lang sein? Was soll das? Wenn da mal einer ist, der eine Sache richtig gut kann – dann lasst den doch machen. Dieses Gefühl: das meine ich mit Steinzeit.

Aber Sie selbst beweisen doch das Gegenteil? Sie spielen, moderieren, singen…

Ich weiß gar nicht, ob ich so viel kann. Ich bluffe mich so durch.

„Ich kann ganz super so tun als ob"

Was sind Sie denn von Beruf?

Ich bin Schauspielerin. Ich kann ganz super so tun als ob. Ich glaube, dass zum Beispiel die Moderation zum Schauspiel dazugehört. Und so viel moderiere ich ja auch nicht mehr. Einmal im Jahr die Berlinale, viel mehr nicht.

Bastian Pastewka ist mit der Fortsetzung seiner Sitcom „Pastewka“ inzwischen bei Amazon untergekommen, Letterman ist bei Netflix – wenn jetzt morgen einer kommt und fragt: Anke, eine kleine Show, Gäste, Musik, alle Freiheiten, wie in der WDR-Reihe „Anke hat Zeit“. Wären Sie dabei?

„Anke hat Zeit“ hat mir wahnsinnig gut gefallen. Das war schon das Tollste.

Das hätte man ja auch fortsetzen können.

Leider hat es nicht mehr gepasst.

Das wäre Netflix egal.

Ich kann nicht für Netflix sprechen.

Das klingt, als bräuchten Sie genau jetzt so einen mutigen Schubs.

Ich fand’s schon ideal. Ich höre gern französisches Radio. Da gibt’s keine Berührungsängste zwischen Klassik und Jazz und gutem Pop. Das ist eine Form der Kulturvermittlung, die mir gefällt.

Diese Tür ist also noch nicht zu.

Bei mir ist keine einzige Tür zu. Ich bin ein ganz offenes Haus.

Sie sprechen seit dem Tod von Elisabeth Volkmann die Marge Simpson in den „Simpsons“ – seit jetzt zehn Jahren. Was haben Sie gemeinsam?

Marge und ich mögen unsere Familien. Sie besteht aus einem Haufen Beknackter, aber die Liebe hält alles zusammen, wenn sie groß genug ist. Marge hat ein großes Mutterherz und viel Verständnis für Freakigkeit, Unzulänglichkeit und Sperrigkeit, für Macken. Sie ist ein großes Vorbild. Die stoische Ruhe, mit der sie die Dinge durchzieht. Die Dickköpfigkeit. Und die Tatsache, dass sie ihre Kinder manchmal selbst zum Vorbild nimmt – und dadurch selber Vorbild wird.

Von Imre Grimm

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