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Medien „Ich stand auf Schindlers Liste“ läuft am Sonnabend auf EinsExtra
Nachrichten Medien „Ich stand auf Schindlers Liste“ läuft am Sonnabend auf EinsExtra
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10:11 07.08.2010
Von Imre Grimm
Die zwölfjährige hochbegabte Geigerin Judith erinnert den 80-jährigen Michael Emge an die Möglichkeit des Glücks. Quelle: WDR

Zwischen ihnen liegen 68 Lebensjahre, ein Weltkrieg und der Holocaust. Zwischen ihren Lebenswelten liegt ein Abgrund aus Erfahrungen von Leid, Terror und unendlicher Not. Die eine ist gutbürgerliche Tochter im Jahr 2010, wohlbehütet, klug, neugierig, der andere ist polnischer KZ-Überlebender, so fremd in dieser Welt, dass er seinen wahren Namen nicht verraten mag. Und doch haben sie zueinander gefunden: die zwölfjährige Judith Stapf, hochbegabte Musikerin, die im vierten Semester Geige an der Musikhochschule Köln studiert, und Michael Emge, selbst einst ein vielversprechender Geiger im polnischen Krakau. Bis die Nazis kamen und sein Leben zerstörten.

Er hat geschwiegen. Bis heute. Nie hat er auch nur ein Wort verloren über die Zeit als elfjähriger Junge im Konzentrationslager Plaszow. Nie hat Emge die unfassbare Geschichte seines Lebens erzählt. Wie seine Mutter als Emaille-­Arbeiterin nebenan in der Fabrik von Oskar Schindler schuftete. Wie er sich in den Schlaf weinte und nach der Mutter rief. Wie er den sadistischen KZ-Kommandanten Amon Göth auf dem Balkon stehen sah, mit nacktem Oberkörper, ein Gewehr über der Schulter, der ab und zu einen Juden abknallte, ganz wie es ihm passte, einfach so. Und wie er dann als 14-Jähriger gerettet wurde, weil er – als einziges Kind – auf Schindlers berühmter Liste landete. Ein mitfühlender SS-Offizier hatte ihn im letzten Moment in ein Versteck geschickt, kurz bevor alle Kinder aus dem KZ Plaszow nach Auschwitz deportiert wurden.

Wie viele aus seiner Familie haben den Holocaust überlebt? Emge blickt lange in die Kamera, fast fragend, sagt kein Wort, dann hebt er ganz langsam den rechten Daumen. Nur den rechten Daumen. Es ist einer der ergreifendsten Momente in Martin Buchholz’ großartiger Dokumentation „Ich stand auf Schindlers Liste“.

Emge wollte weiter schweigen. „Ich wollte das alles verdrängen und vergessen“, sagt er. Aber dann traf er Judith. „Und als ich Judith spielen hörte, habe ich geweint.“ Judith selbst weiß wenig über den Holocaust. Dann aber sucht sie, als Zehnjährige, bei YouTube ihren Lieblingsgeiger Itzhak Perlman und hört die von ihm gespielte Titelmelodie aus Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“, diese wunderbare, abgrundtief traurige, leise Melodie. „Es geht etwas Tröstendes von dieser Musik aus“, sagt sie. Und sie beschließt: Ich will dieses Stück spielen. Ich will über den Holocaust lesen. Ich will wissen, was passiert ist.

Und so beginnt diese sonderbare Freundschaft. Judiths Interesse, ihre Fragen, rühren den alten, schwer nierenkranken Mann, der doch eigentlich nicht mehr viel erwartet hatte vom Leben. Gemeinsam mit Judiths Mutter fahren sie nach Plaszow. Zum ersten Mal seit 60 Jahren sieht Emge den Ort seines Traumas wieder. Und erzählt. Und weint. Und Judiths Mutter weint auch, nur Judith nicht. „Ich kann nicht weinen“, sagt sie. „Ich bin nur leer.“

Er sei nie wieder im Leben glücklich gewesen, sagt Emge. Judith erscheint das unglaublich. Sie will, dass Emge einen Moment des Glücks erleben kann. Und am Ende gelingt es ihr, in einer Kirche, an Emges Geburtstag, auf der Empore stehend und Geige spielend.

Es ist unendlich viel gesagt, geschrieben, gesendet worden zum Holocaust. Aber dann kommt dieser kleine Film daher, zeigt die schüchterne Annäherung zweier entfernter Generationen, zeigt, wie Emge ins Leben zurückfindet dank eines Mädchens, das sich nicht vorstellen kann, niemals glücklich sein zu können. Und erinnert uns daran, dass jede Generation das Grauen immer neu begreifen muss. Und daran, dass man den letzten Zeitzeugen Brücken bauen muss, bevor sie sterben.

„Ich stand auf Schindlers Liste“ | EinsExtra

Dokumentation von Martin Buchholz

Sonnabend, 14 Uhr

EinsExtra ist über Satellit und das digitale Kabelnetz zu empfangen. Alternative: www.mediathek.ard.de.

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