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Interesse an Internetwelt Second Life ist abgeflaut

Ausgestorbene Landschaften Interesse an Internetwelt Second Life ist abgeflaut

Die Einsamkeit des Avatars: Nach dem Hype sind die Landschaften der Internetwelt Second Life inzwischen ausgestorben. Eine Rückkehr in die Scheinrealität wirkt deprimierend.

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In der virtuellen Welt von Second Life lassen Avatare die Köpfe hängen.

Quelle: Montage: Accountleichenbewegung

Einst musste man Mitglied in der Internetgemeinde namens Second Life sein, um mitreden zu können, Institutionen und Firmen investierten viel Geld, um mit Auftritten in der virtuellen Welt für sich zu werben. Inzwischen sind von den knapp 22 Millionen angemeldeten Nutzern jedoch nur noch rund 40.000 regelmäßig online. Wer zurzeit ins Second Life reist, kann derart verzweifeln, dass er eine leblose Statue zum Chat auffordert ...

Der Avatar Ronja Woodget wacht nach einem mehrjährigen Dornröschenschlaf unter Wasser auf. Bei ihrem letzten Besuch im Second Life war sie hier nach unbeholfenen Navigationsversuchen gelandet und hatte die virtuelle Parallelwelt entnervt verlassen. Jetzt kehrt sie das letzte Mal zurück, für eine Abschiedsreise durch dieses totgesagte Universum. Als Erstes wundert sie sich, weshalb sie ihren Avatar damals so hässlich gestaltet hat (grünkarierter Schottenrock samt Mütze). Nach der ersten Freude über die geglückte Flucht aus dem Wasser (über die „Flieg“-Funktion) fühlt sie sich wie im Polarkreis-18-Lied: „Allein, allein“.

Denn auch wenn sie die Karte, die ihre Position innerhalb der Pixelwelt Second Life (SL) anzeigt, fünfmal hinauszoomt, lässt sich kein grüner Punkt erspähen, der die Existenz eines weiteren Avatars anzeigt. Nach einem neugierigen Blick ins zweite Leben haben die meisten Nutzer die Rückkehr in die Realität angetreten.

Ein Teleport (so nennt sich hier die Bewegung von einem Ort zum anderen) zum Goethe-Institut, das 2008 als Spätzünder ins SL expandierte. Gähnende Leere. Niemand will auf dieser virtuellen Insel mit futuristischem Gebäude an einem deutschen Sprachkurs teilnehmen. Bevor sie noch beginnt, ihre eigene Grammatik zu verbessern, reist Ronja Woodget weiter in die Galerie Alte Meister.

Die Dresdner Staatlichen Kunstsammlungen hatten 2007 für 500.000 Euro als erstes Museum ihre gesamte Gemäldegalerie samt 750 Werken maßstabsgerecht im SL nachgebaut. Das Interesse der Medien war groß an dem Projekt, das Kunst rund um die Uhr und überall auf der Welt versprach. Zwei Jahre später, als bereits kaum jemand mehr übers Second Life sprach, traten die Kunstsammlungen die Flucht nach vorn an und bauten ihren Auftritt aus. Mit einem Social Network, bei dem sich Ronja Woodget allerdings bislang nicht anmelden konnte, weil die Administratoren noch ihre Identität überprüfen.

Seit der Eröffnung der Galerie seien rund 60.000 Besucher (täglich etwa 100) verzeichnet worden, das hätte auch positive Auswirkungen auf die Besucherzahlen in der echten Galerie, sagte Generaldirektor Martin Roth 2009. Der letzte Eintrag im virtuellen Gästebuch war da allerdings schon mehrere Monate alt. Mittlerweile wird das Datum nicht mehr angegeben.

Doch Ronja Woodget will sich so schnell nicht geschlagen geben. Außerdem ist es ja auch mal ganz nett, ganz exklusiv über einen roten Teppich zu schreiten. Und dann die Sensation: Ein Blick auf die Karte offenbart gleich zwei grüne Punkte. Sie ist nicht allein! Gespannt nähert sie sich ihren vermeintlichen Mitbesuchern. Die entpuppen sich allerdings als reglose Willkommens-Statuen. „Hallo“, gibt Ronja mit sterbender Hoffnung ins Chat-Protokoll ein. Keine Antwort.

Nach einer Studie der Universität Leipzig verlieren die Menschen schnell das Interesse am Second Life, weil es die Realität lediglich zu imitieren versuche, statt wie erfolgreiche Internet-Rollenspiele à la „World of Warcraft“ eine Phantasiewelt zu kreieren. Da sei das wahre Leben auf Dauer spannender. „Ein Ort zum Treffen, ein Ort zum Einkaufen, ein Ort zum Arbeiten, ein Ort zum sich Verlieben“, wirbt secondlife.com. Und ein Ort zum Sterben: Die Suche nach „Friedhof“ ergibt 144 Treffer. Darunter die Gruppe „Second Death“. Keins der Mitglieder ist online.

„Sind wir tot?“, fragt Ronja Woodget eine Frau namens Toy Raynier im Memorial Park (Gedächtnispark).
„Noch nicht.“
„Weshalb sind wir dann hier?“
„Ist ein guter Ort zum Nachdenken.“
„Worüber?“, fragt Ronja, elektrisiert, endlich ein richtiges Gespräch zu führen.
„Über meinen Job bei Second Life.“
„Die meisten denken, die Plattform wäre selbst ganz gut in einem Gedächtnispark aufgehoben.“
Toy schweigt.
„Kommen hier oft Leute vorbei?“
„Manchmal“, sagt Toy. Eine einsame Museumswärterin.

Auf der mythischen Insel Midgard begrüßen Ronja Woodget düstere Musik und ein Hund mit den geflüsterten Worten „Willkommen.“ Auf weitere Gesprächsangebote reagiert er allerdings nicht. Auf einem Grabstein steht „Demokratie“, auf einem anderen „Luvi Tuchi ist offline“. Hier kann man sich selbst ein Denkmal setzen, wenn man vor Langeweile gestorben ist. Oder wenn man vom Second-Life-Betreiber Linden Lab entlassen wurde. Gruselig diese Vorstellung, dass hier überall unsichtbare abgeschaltete Avatare herumstehen.

Das Kunstprojekt „Accountleichenbewegung“ setzte sich mit einer ironischen (und folgenlosen) Petition an Linden Lab dafür ein, die virtuellen Zombies sichtbar zu machen. Ihr Vorschlag: Avatare mit hängendem Kopf sollten „aus Pietätsgründen“ anzeigen, dass der Nutzer offline sei. Das Motiv des Avatar-Zombies kann man sich auch aufs T-Shirt drucken lassen, kürzlich wurde in Stuttgart die Ausstellung „Die letzten Tage von Second Life“ eröffnet. Die Künstler der „Accountleichenbewegung“ treffen damit einen wunden Punkt von Linden Lab, das noch immer mit der Anzahl der registrierten Nutzer wirbt.

Die Spurenlosigkeit des Massenexodus ist unheimlich: Weder Staub noch Verfallserscheinungen kennzeichnen verlassene Gebiete. In ihrem virtuellen Büro haben die Künstler fiktive Relikte der Weggegangenen gesammelt: Teile von Pixel-Gebäuden oder „prähistorische Sand-Bälle“, die SL-Erfinder Philip Rosedale angeblich am 30. April 2002 als erstes Element seiner Welt geschaffen haben soll. So wird ein Mythos konstruiert.

Ronja Woodget wandelt über den verlassenen Marktplatz von Leipzig. Am Alten Rathaus wirbt ein Forum für das zweite Leben: „Es kann so einfach sein, neue Freunde zu finden“. Als in diesem Moment ausgerechnet „Stairway to Heaven“ erklingt, nimmt Ronja das als Omen – und tritt der Gruppe „Second Death“ bei. Dann loggt sie sich aus.

Nina May

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