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"Herr Schreiber, vermissen Sie Stefan Raab?"

Interview mit dem ESC-Beauftragten der ARD "Herr Schreiber, vermissen Sie Stefan Raab?"

Wieder ist Deutschland beim Eurovision Song Contest nur auf dem letzten Platz gelandet. Im Interview spricht der ARD-Unterhaltungschef 
Thomas Schreiber über seine Verantwortung an der Pleite – 
und seine Pläne für den Vorentscheid 2017.

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"Ein Sieg lässt sich
 nicht am Reißbrett
 konstruieren": ARD-Unterhaltungschef 
Thomas Schreiber (Archivbild) über Deutschlands Abschneiden beim ESC.

Quelle: Joerg Carstensen/dpa

Herr Schreiber – gibt es Momente, in denen Sie Stefan Raab vermissen?
Ja, zum Beispiel am späten Abend, wenn ich vergeblich „TV total“ suche, und am Sonnabend, wenn ich den von mir hoch geschätzten Elton bei „Schlag den Star“ sehe, also weiß, dass „Schlag den Raab“ nicht wiederkommt. Sorry Kai und Jörg, Entschuldigung Florian und Guido.

Die letzten deutschen ESC-Ergebnisse mit Raabs Beteiligung: die Plätze 7, 5, 8, 1, 10 und 8. Die letzten Platzierungen ohne Raab: 23, 20, 21, 18, 27, 26. Wie kommt es zu diesem Unterschied?
Zumindest ab 2013 hat es damit zu tun, dass wir – anders als etwa 2010 bis 2012 – nicht die Lieder aus einem internationalen Pool von mehreren Hundert Songs ausgesucht haben, sondern Künstler mit Liedern gesucht haben. Das Zuschauerinteresse bei „Unser Star für Baku“ war – auch wenn wir mit Roman Lob einen großartigen Kandidaten hatten – sehr enttäuschend. Über das Clubkonzert haben wir dann versucht, Newcomer zu finden. Im Falle von Elaiza gegen Unheilig hat das zum Ausscheiden der Favoriten geführt, was die Suche nach neuen Teilnehmern nicht erleichtert hat.

Wie lautet Ihre Erklärung für den letzten Platz von Jamie-Lee in Stockholm?
Zuerst einmal weiß ich, wer mir nach dem deutschen Vorentscheid zu Jamie-Lee gratuliert hat und welche anerkannten Fachleute uns einen Platz auf der linken Seite der Tabelle, also unter den ersten 13, vorhergesagt haben. Überraschenderweise können sich manche jetzt nicht mehr daran erinnern, auch wenn mehr als 720.000 Zuschauerstimmen allein für Jamie-Lee beim Vorentscheid abgegeben wurden. Aber im Ernst: Das Lied ist weder die große gefühlsbeladene Ballade noch die mitreißende Uptempo-Nummer, Jamie-Lee konnte nicht zeigen, wie gut sie tanzen kann, und aus meiner Sicht wurde international nicht verstanden, warum Deutschland mit einem Manga-Mädchen antritt. In Deutschland war das anders: Während der Staffel „The Voice of Germany“ wurde deutlich, dass Jamie-Lees Manga-Stil total authentisch ist. Aber das konnten wir international nicht transportieren.

Die ESC-Bilanz der letzten fünf Jahre ist mies. Allein das vergangene Jahr war düster: die Kümmert-Absage, der letzte Platz für Ann Sophie, die Blamage um Xavier Naidoo, jetzt der letzte Platz für Jamie-Lee. Haben Sie Fehler gemacht – und wenn ja: welche?
Zuerst einmal ist der ESC eine musikalische Unterhaltungssendung und die erfolgreichste Show des Jahres im Ersten – dieses Jahr über drei Stunden und 50 Minuten mit 9,38 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 36,7 Prozent bei den Zuschauern ab drei Jahren. Vor fünf Jahren hatte Roman Lob den achten Platz in Baku – das ist gut. Zu Andreas Kümmert: Es war ja seine Idee mitzumachen. Inzwischen hat er ja selber über seine Krankheit gesprochen. Bei Xavier Naidoo – ja, im Nachhinein ein Fehler aus einer Vielzahl von Gründen. Und Jamie-Lee bekam beim Vorentscheid 720.000 Zuschauerstimmen, hat in zwei großen Fernsehshows das Finale gewonnen: bei „The Voice of Germany“ und „Unser Lied für Stockholm“.

Zur Person: Thomas Schreiber

Thomas Schreiber wurde am 24. Juli 1959 in Köln geboren und studierte in Bielefeld Anglistik und Geschichte. Seine journalistische Karriere begann beim ARD-Hörfunk, später war er Redakteur bei „Tagesschau“ und „Tagesthemen“, medienpolitischer Berichterstatter bei NDR 4 (heute: NDR  Info) und Hörfunkkorrespondent in London. Seit 2007 ist er Programmleiter Fiktion & Unterhaltung beim NDR Fernsehen sowie ARD-Unterhaltungskoordinator – und damit zuständig für den Eurovision Song Contest. 2010 organisierte er die Kooperation der ARD mit Pro7, die im Sieg von Lena Meyer-Landrut gipfelte. Für den ESC 2011 in Düsseldorf erhielt er mit dem Organisationsteam den Deutschen Fernsehpreis.

Ann Sophie, die Nachrückerkandidatin für den abgesprungenen Andreas Kümmert 2015, hat Ihnen zuletzt heftige Vorwürfe gemacht. Der NDR habe sie fallen gelassen. Was antworten Sie ihr?
Frau Dürmeyers Erinnerung und die meiner Kollegen von Universal und Brainpool, auch meine eigene, unterscheiden sich doch sehr. Eine zweite Single mit Video sollte es geben, aber die Vorstellungen, was das Video kosten sollte, gingen weit auseinander. Mutig war, als sie uns vorwarf, wir hätten für das Album nicht genug Aufmerksamkeit hergestellt: Im ersten Halbjahr 2015 hatte in Deutschland kein Künstler auch nur annähernd vergleichbar viele Auftrittsmöglichkeiten im Fernsehen und im Radio – daran lag das geringe Interesse nicht. Und abschließend: Ein Kollege hatte mit Stage Entertainment gesprochen, ich war bei Aida Cruises – beides mit dem Ziel, Ann Sophie Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen. Beides wollte sie aber nicht wahrnehmen. Und wenn die Erfahrungen mit uns wirklich so entsetzlich waren, wie sie gerne gegen Honorar in der einen oder anderen Talkshow erzählt – warum bewirbt sie sich dann beim NDR wenige Minuten, nachdem wir bekannt gegeben hatten, dass Xavier Naidoo nicht zum ESC fährt? War es doch nicht so schlimm?

Hat es denn auch politische Gründe, dass Deutschland beim ESC so schlecht abschneidet? Vor drei Jahren haben Sie Angela Merkel eine Mitschuld am 21. Platz für Cascada gegeben.
Mit der Aussage habe ich versucht, mich schützend vor eine Künstlerin zu stellen, die von deutschen Journalisten in sexistischer und herabwürdigender Weise als „Presswurst“ oder Ähnliches bezeichnet wurde. Mein Vergleich war sicher nicht glücklich, ich wollte aber vermeiden, dass alle auf unsere Interpretin einprügeln.

Was tun Sie dagegen, dass der deutsche Vorentscheid nur noch als Werbeplattform für Plattenfirmen dient?
Unser Hauptziel wird künftig die Suche nach ESC-Songs sein. Dazu suchen wir Interpreten, dann kümmern wir uns um die Inszenierung.

Ich vermisse in Deutschland gelegentlich ein klares Bekenntnis zu den Mechanismen des ESC. Im Vorentscheid sind wenig wirklich mitreißende, überraschende, zeitgeistige und moderne Songs zu hören. Aber mit Mittelmäßigkeit wird man nicht weit kommen. Sehen Sie das anders?
Ich sehe es ein bisschen anders – wir hatten schon eine große Bandbreite an Stücken. Aber der ESC ist – ehrlich gesagt – nicht für jeden Künstler spannend. Manche scheuen die Abstimmung über ihren Auftritt, andere sind einfach zu hip, um vor einem Millionenpublikum aufzutreten und sich dem ESC zu stellen.

Was halten Sie von dem Vorschlag, dass sich Deutschland eine Zeitlang vom ESC zurückzieht?
Warum sollten wir uns von der erfolgreichsten und größten Show des Jahres zurückziehen? Beim ESC in Düsseldorf hatten 14 Millionen Zuschauer in Deutschland Spaß – zu einem solchen Ereignis wollen wir wieder hin.

Wie wollen Sie verhindern, dass sich eine solche Pleite wiederholt?
Noch einmal: Als Fernsehshow ist der ESC keine Pleite, und Jamie-Lee hat einen perfekten Auftritt hingelegt, mit dem wir allerdings nur sehr wenige in Europa überzeugen konnten. Deshalb betone ich: Am Anfang steht die Suche nach einem Lied, national und international.

Mit welchem Blick sehen Sie nach den vergangenen Jahren den Erfolg von Lena Meyer-Landrut 2010? War das ausschließlich dem Glück und Lena selbst geschuldet?
Lena ist schon ein besonderer Glücksfall – mit ihrem Strahlen, ihrer Kamerapräsenz, ihrer Kraft auf der Bühne. Auch „Satellite“ war ja nicht von Anfang an der Favorit und hat sich erst im Zuschauervoting durchgesetzt – kurz: Ein Sieg lässt sich nicht am Reißbrett konstruieren. Es kamen sehr viele Faktoren zusammen und auch ein kleines Quäntchen Glück!

Man kann ja nach einer Negativserie nicht einfach weitermachen wie bisher. Wie sehen denn die ersten konkreten Pläne für den Auswahlmodus 2017 aus?
Aus meiner Sicht müssen wir das machen, was ich oben bereits beschrieben habe: national und international nach Songs suchen – und dann die richtigen Interpreten finden. Das Publikum wird final entscheiden. Auch das Thema Inszenierung gehört dazu – aber da gibt es keine Regeln. Der schwedische Beitrag in diesem Jahr war extrem reduziert und konzentrierte sich auf den Sänger, auch bei Lenas Siegesauftritt in Oslo war das so. Der russische Beitrag zog dagegen alle technischen Register und war in der Durchführung beeindruckend, aber seelenlos.

Was antworten Sie jenen, die jetzt Ihren Rücktritt fordern?
Das deutsche Publikum hatte Jamie-Lee gewählt, und wir hatten einen sehr erfolgreichen Fernsehabend. Ein Rücktritt wegen 9,38 Millionen Zuschauern? Gegenvorschlag: Ich nominiere wie ein Bundestrainer! Der ORF zum Beispiel hatte selbst Conchita mit ihrem Song zum ESC geschickt. Nein, im Ernst: Das machen wir nicht, denn bei uns soll das Publikum das letzte Wort haben.

Interview: Imre Grimm

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