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"Rudolf Augstein hat mich immer bestärkt"

Buch über den "Spiegel"-Gründer "Rudolf Augstein hat mich immer bestärkt"

Irma Nelles hat ein Buch über ihre Zeit mit "Spiegel"-Chef Rudolf Augstein geschrieben. Bis zu seinem Tod war sie seine Büroleiterin. Ein Gespräch über Kränkungen, Annäherungsversuche und Charakter.

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Die Launen hat sie ihm nicht verübelt: Irma Nelles an der Seite ihres Chefs, des "Spiegel"-Herausgebers Rudolf Augstein.

Quelle: privat

Berlin. Mitten im Gespräch legt sich ein Tränenschleier über Irma Nelles’ Augen. Gerade hat sie erzählt, dass sie zeitlebens den Umgang mit Sprache liebt, dass sie immer die Nähe gesucht hat zu Menschen, die mit Wörtern arbeiten, und dass sie sich deshalb all die Jahre so wohlgefühlt hat beim "Spiegel": anfangs, in den Siebzigern, als Sekretärin im Bonner Büro, später, weil sie keine Anstellung als Grundschullehrerin gefunden hat, in Hamburg.

Büroleiterin bis zu seinem Tod

Sie war Rudolf Augsteins Büroleiterin. Sie blieb es bis zu seinem Tod 2002. Im September wird Nelles 70. So lange hat es gedauert, für das anerkannt zu werden, was sie ausmacht. Und jetzt ist es ein ganzes Buch geworden. Nach dem Gespräch ist sie vom Aufbau-Verlag zu einer Veranstaltung eingeladen. Als Autorin. Das rührt sie so sehr, dass ihr die Tränen kommen.

"Der Herausgeber" heißt das Buch, in dem sie ihre Erinnerungen an den "Spiegel"-Gründer aufgeschrieben hat. Irma Nelles sagt über ihn: "Rudolf hat mich immer bestärkt, mir Dinge zuzutrauen." Er habe ihr bei der Arbeit Freiheit zugestanden und dadurch ermöglicht "zu werden, was ich bin, und zu tun, was ich will". Das in etwa drückt das Zitat aus, das sie dem Buch vorangestellt hat. Es stammt von der amerikanischen Regisseurin Sofia Coppola: "Es gibt etwas jenseits von Liebe und Freundschaft."

Irma Nelles: "Der Herausgeber". Aufbau-Verlag, 320 Seiten, 22,95 Euro.

Irma Nelles gehört zu jener Generation von Frauen, bei denen nach der Schulzeit eine baldige Ehe folgte. Schon als Kind wurden sie daran gewöhnt zu warten, bis der Vater sein Essen hat, und sie lernten, mit jenen rücksichtsvoll umzugehen, die als Kriegsversehrte heimgekehrt waren. In Augsteins Arm waren Granatsplitter zurückgeblieben.

Augsteins Frauengeschichten waren ihr egal

Im Buch kommt die Szene vor, wie Irma Nelles an ihrem allerersten Morgen in Hamburg mit Rudolf Augstein beim Frühstück sitzt und er ihr wortlos den Eierbecher zuschiebt. "Automatisch begann ich sein Frühstücksei abzupellen. 'Oben abheben', sagte der Chef." Mit dem Eierlöffel hob sie die Spitze ab. Nachdem Augstein zwei Löffel Eigelb gegessen hatte, schob er das Ei wieder beiseite.

Nein, sie hatte nie etwas mit ihm, was nicht heißt, dass es Augstein nicht versucht hat. Natürlich hat er, unmissverständlich. Seine Frauengeschichten waren Nelles egal. Da war sie "außen vor", sagt sie, wie sie auch in der Redaktion "eher außen vor" gewesen sei. Sie war ja keine Journalistin, außerdem hatte sie noch ein anderes Leben: mit ihrem Freund, zu dem sie an den Wochenenden fuhr, ihren beiden Söhnen, der Familie, den Urlauben in Griechenland, wo sie heute auf einer Insel gut die Hälfte des Jahres lebt.

Wenn er wieder jemanden rausschmiss

Dieses "Außen-vor-Sein" muss es gewesen sein, dass Irma Nelles, die sich auch privat um Augstein gekümmert hat, diesen für sie so interessanten Menschen so lange aus so großer Nähe erforschen konnte. Sie hat gern für ihn gearbeitet. Jeden Morgen wusste sie: Auch dieser Tag wird spannend.

"Es war ja immer etwas los, es war nie langweilig", sagt sie, und sei es, dass sie am Abend sauer auf ihn war: nicht nur, wenn er sie mal wieder rausgeschmissen hatte, was auch Chefredakteuren und Geschäftsführern passierte, die er danach sofort wieder einstellte. Nelles schreibt: "Jeder, der versuchte, sich seiner Kontrolle auf irgendeine Weise zu entziehen, wurde früher oder später von ihm schonungslos, wie er sich ausdrückte, 'auf den Pott gesetzt'."

Nelles: Augstein litt an Einsamkeit

Irma Nelles hat von Rudolf Augstein Sätze gesagt bekommen, die jeden anderen gekränkt hätten, allen voran ihn selbst. "Kein Mensch hat dich vermisst", begrüßte er sie nach ihrem Urlaub. "Letschert" nannte er sie, und dass sie sich für nichts interessiere, weshalb es mit ihr, immerhin, nichts zu streiten gebe. "Du bist nicht mehr die Jüngste", bekam sie von dem 23 Jahre Älteren zu hören. Da war er 74 und gesundheitlich bereits angeschlagen. Nelles sagt, das habe sie nicht gekränkt. Sie wusste: "Mit mir hatte das meistens wenig zu tun. Aber viel mit ihm selbst."

Sie sagt, sie kenne das von anderen, zu Beziehungen unfähigen Menschen. Die merkten auch nie, dass sie sich selbst meinen, wenn sie von anderen reden. Augstein litt gerade wegen seines Hofstaats, fünf Ehen und mehrerer Häuser unter Einsamkeit, misstraute aber den Menschen, schreibt Nelles. Die Ursache für seinen Hang zur Selbstzerstörung, der sich im Konsum von Bier und Schlafmitteln äußerte, mutmaßt sie in der Scham, als junger Wehrmachtssoldat nicht die Taten hinterfragt zu haben, deren Zeitzeuge er war. Aufklären, hinterfragen: Das trieb ihn beim "Spiegel" an. Es ist die DNA des Magazins.

Am Ende des Gesprächs kramt Irma Nelles Fotos aus ihrer Tasche. Sie bemüht sich, eines zu finden, auf dem Augstein ohne Bierglas zu sehen ist. Einmal, als sie jemandem vorab von ihrem Buchprojekt erzählt hat, bekam sie zu hören, sie begehe Vertrauensbruch. Sie hat daraufhin lange pausiert. Nun ist das Buch erschienen. Es bringt den Menschen Rudolf Augstein nahe, mit seinen Stärken und Schwächen. "Es geht doch sonst verloren", sagt Irma Nelles und schaut einen an mit diesen Augen, die all das gesehen und erlebt haben.

Von Ulrike Simon

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