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Medien Jauch muss sich am Sonntag erstmals in der ARD-Talkrunde behaupten
Nachrichten Medien Jauch muss sich am Sonntag erstmals in der ARD-Talkrunde behaupten
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19:29 09.09.2011
Von Dirk Schmaler
„Ich werde Fehler machen“: Günther Jauch startet am Sonntag seine neue Talkshow. Quelle: dpa

Günther Jauch hat eine große Stärke. Er kann sich ganz klein machen. Er steht dann in irgendeinem Fernsehstudio, faltet die Hände vor dem Bauch und kaut auf seinen Lippen, als tüftele er gerade versonnen an einer schweren Matheaufgabe. Und dann, wenn man als Zuschauer gerade beginnt, Mitleid zu bekommen mit diesem Mann, der da so penetrant gefilmt wird, dann beginnt er zu sprechen. Er moderiert meist unaufgeregt drauflos, fragt intelligent, aber nicht aufgesetzt, macht Witze, die nicht einstudiert sind. Und spätestens mit dem kindlichen Lächeln und diesen unfernsehmäßig unebenen Zähnen hat Jauch plötzlich eine Fernseh­atmosphäre hergestellt, die sich echter anfühlt, als man es sich in einer wahrhaftigen Begegnung mit Markus Lanz und Johannes B. Kerner nach drei Bier in einer Dortmunder Eckkneipe vorstellen kann. Das ist die Kunst von Günther Jauch.

Sie hat den 55-Jährigen weit gebracht. Die Deutschen lieben ihn als Moderator der Rateshow „Wer wird Millionär?“, 20 Jahre war er das Gesicht von „stern TV“, als Sportkommentator moderierte er sich mit Marcel Reif 1998 in die Geschichtsbücher mit einem Champions-League-Spiel, bei dem 76 Minuten kein Ball rollte, weil das Tor umgefallen war („Ein schnelles Tor würde dem Spiel guttun“). Die Deutschen wählten ihn zum „intelligentesten Deutschen“ (2002), zum „beliebtesten Deutschen“, zur „Persönlichkeitsmarke des Jahres“ (2004). Sogar die Wahlen zum Bundeskanzler würde er laut Umfragen seit Jahren gewinnen.

Am Sonntagabend wird man sich anschauen können, wie die Politiker mit diesem Fernsehphänomen umgehen, das sie bei jeder Wahl schlagen würde. Um 21.45 Uhr wird Jauch zum ersten Mal auf dem Sessel seiner Vorgängerinnen Sabine Christiansen und Anne Will Platz nehmen. Vor allem aber kann man sich anschauen, wie sich Deutschlands liebstes­ Fernsehkind in einem Format schlägt, das eigentlich keine gute Figur zulässt. Zu eingeübt die Rituale der Talkshow-Gäste aus der Politik, zu groß vielleicht auch die Erwartungen an den Moderator, den Gästen die sperrigen Wortungeheuer und eingeübten Phrasen auszutreiben.

Jauch, mit dem Königssendeplatz nach dem „Tatort“ nun gewissermaßen der Anführer der neuerdings großen ARD-Talkshow-Crew, hat bereits zugegeben, dass er die übergroßen Erwartungen wohl nicht wird erfüllen können. Als er in dieser Woche in seinem neuen Studio im Berliner „Gasometer“, einem ehemaligen Gasspeicher, sein Konzept der Sendung vorstellt, macht sich der Wahl­potsdamer wieder einmal klein. Bloß kein Druck. Bloß keine Heilserwartungen. Er werde Fehler machen, sagt er. Und „nah an den Menschen“ wolle die Sendung ja laut Presseheft sein. Jauch erklärt, was das bedeutet. „Man will verhindern, dass die Zuschauer einschlafen.“ Jauch wird gern unterschätzt.

Dabei hat er gerade gegenüber der ARD schon gezeigt, dass er auch anders sein kann. Es ist Jauchs zweiter Anlauf, den ARD-Sonntagabend zu übernehmen. Als er 2007 die Nachfolge von Sabine Christiansen antreten sollte, ließ er die Verhandlungen mit den kompliziert organisierten ARD-Anstalten kurz vor Abschluss entnervt platzen. Er habe sich umzingelt gefühlt von „Gremien voller Gremlins“, „Irrlichtern“, und „Wichtigtuern“, schimpfte Jauch damals. „Jeder drittklassige Bedenkenträger schlug ein anderes Pflöckchen in den Boden.“ SWR-Intendant Peter Voß gab damals trotzig die Losung aus: „Ohne Jauch geht’s auch.“

Nun, vier Jahre später, ist der Frieden zwischen Jauch und den ARD-Gremlins wiederhergestellt. Programmdirektor Volker Herres verglich das Erste in dieser Woche dank des prominenten Neuzugangs großspurig mit dem FC Bayern – ohne freilich zu erwähnen, dass nicht Titel, sondern Gebührengeld den teuren Jauch-Transfer möglich machten.

Inhaltlich lässt sich Jauch bisher kaum in die Karten gucken. Nur so viel: Er will das Fernsehen nicht neu erfinden. Der Vorspann der Sendung wird 17 Sekunden dauern, es wird eine Anfangsmelodie geben, und die Gäste sitzen in einem Stuhlkreis. Jauch will in einer Rubrik politische Begriffe erklären, damit „die Zuschauer hinterher mehr wissen als vorher“. Und er wird Gäste einladen, mal Funktionsträger aus dem politischen Betrieb, mal Menschen mit bewegenden Schicksalen. „Diese Freiheit will ich mir erhalten“, sagt er.

Am Sonntag hat er sich in aller Freiheit gegen das tagespolitische Klein-Klein entschieden. Es geht um den Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001, seine Gästeliste klingt eher nach „stern TV“ als nach hartem Polittalk: Exverteidigungsminister Peter Struck hat zugesagt, Springer-Chef Mathias Döpfner, Schriftstellerin Elke Heidenreich, Afghanistan-Experte Jürgen Todenhöfer. Und US-Fußball-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann.

Womöglich sagt die Gästeliste mehr über den neuen ARD-Sonntagabend, als man es sich wünscht. Sie zeigt: Jauchs größte Aufgabe wird sein, seine neue Rolle zu finden. Er war schon Sportkommentator, Radiomann, Quizonkel, Showmaster. Nun muss er den Journalisten geben. Einen, der nicht nur beliebter ist als die Politiker, sondern auch inhaltlich auf der Höhe. Vielleicht auch schärfer im Ton. Der Jürgen Trittin, Hans-Ulrich Jörges und Arnulf Baring etwas Neues entlockt. Oder sie gar nicht erst einlädt. Jauch, der von seiner Beliebtheit lebt, ahnt, dass der neue Job ein Risiko ist. „Ich kann mir gut vorstellen, dass es Zuschauer gibt, die sagen werden: In anderen Sendungen sind Sie aber netter“, sagt er. Das immerhin wäre für die Show ein gutes Zeichen.

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