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Diekmann gibt Chefredaktion der "Bild" ab

Tanit Koch wird Nachfolgerin Diekmann gibt Chefredaktion der "Bild" ab

Der Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, Kai Diekmann, tritt ab. Unterhaltungschefin Tanit Koch wird seine Nachfolgerin. Intern war mit einem anderen Namen gerechnet worden. Diekmanns Position ist jetzt gestärkt.

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Kai Diekmann gibt Chefredakion der "Bild" ab.

Quelle: dpa

Berlin. Vor einigen Wochen schrieb "Bild"-Vize Bela Anda in seinem morgendlichen Newsletter vom Besuch des "Bild"-Chefredakteurs Kai Diekmann in der Politikredaktion. Er schrieb tatsächlich "besuchen". Einen treffenderen Begriff hätte er kaum wählen können.

Erstmals eine Frau an der Spitze

Ist Diekmann nicht auf Reisen, wie er zuverlässig auf Twitter auch fotografisch dokumentiert, twittert er unermüdlich, nutzt jede Gelegenheit, gegen Konkurrenten zu sticheln und Kritiker zu provozieren und findet selbst am Nachmittag, wenn es in jeder Redaktion vor Hektik brennt, Zeit, um via Periscope seine Späße zu treiben. Seit seiner Auszeit, 2012 im Silicon Valley, wurde dieses Verhalten immer auffälliger.

Am Donnerstag teilte der Springer-Verlag nun mit, die "Bild"-Chefredaktion neu zu besetzen. Kai Diekmann gibt das Amt nach 15 Jahren ab. Erstmals in der Geschichte der Zeitung tritt eine Frau an die Spitze von "Bild": Tanit Koch, 38, derzeit stellvertretende Chefredakteurin und Unterhaltungschefin, rückt auf und wird mit Wirkung zum 1. Januar 2016 verantwortlich, wenngleich nur für die gedruckte Ausgabe.

Diekmann holte Koch zurück

Die Personalie belegt den Einfluss, den Diekmann auf die Regelung seiner eigenen Nachfolge hatte. Koch, die Jura und Politikwissenschaften studiert hat, leitete nach dem Ende ihrer journalistischen Ausbildung bei der Springer-eigenen Journalistenakademie Diekmanns Büro. Zeitweilig war sie bei der Schwesterzeitung "Die Welt", doch Diekmann holte sie zurück.

Tanit Koch (38) hat eine steile Karriere gemacht – und wird die erste weibliche Chefredakteurin der "Bild"-Zeitung sein.

Quelle:

Er machte sie zur Textchefin, gab ihr die Verantwortung für "Bild Hamburg" und holte sie danach als Unterhaltungschefin zurück nach Berlin. Koch sei Diekmann ergeben, formuliert es einer, der die Machtverhältnisse bei "Bild" gut kennt.

Reichelt galt als Diekmann-Nachfolger

Redaktionsintern wird die Berufung jedoch als Affront gegen Julian Reichelt gesehen. Der Chefredakteur des Online-Auftritts von "Bild", der in der jüngsten Vergangenheit verstärkt öffentlich aufgetreten ist und Diekmann in Sachen Aggressivität locker überragt, galt vielen als gesetzt – sollte sich irgendwann die Frage nach einem Nachfolger stellen.

Reichelt bleibt jedoch Chef von "Bild Digital", so wie Peter Huth Chefredakteur von "Bild Berlin" und "B.Z." bleibt und Marion Horn Chefredakteurin von "Bild am Sonntag" ist. Berichteten Chefredakteure früher jedoch ausschließlich an den Vorstandsvorsitzenden, sitzt ihnen allen nun Kai Diekmann im Nacken. Auch Marion Horn, die in diesen Tagen eine kritische Frage nach "Bild" öffentlich mit dem Satz konterte: "Ich habe mir abgewöhnt, mich für 'Bild' schlagen zu lassen. Ich bin Chefredakteurin von 'Bild am Sonntag'."

Diekmanns Position ist gestärkt

Springer teilt nun mit, Diekmann übernehme als Herausgeber der gesamten "Bild"-Gruppe künftig nicht nur die gesamte Markensteuerung mitsamt publizistischer Ausrichtung, sondern auch "die Führung der Chefredakteure, die künftig direkt an ihn berichten". Damit ist die Position des 51-Jährigen gestärkt.

Nach so langer Zeit bei "Bild" und nur wenigen Jahren zwischendurch als Chefredakteur von "Welt am Sonntag" ist Diekmann anderweitig schwer vermittelbar, und der Aufstieg in den Vorstand wurde ihm schon vor Jahren verwehrt. Vorstandschef Mathias Döpfner sagt: "Das Konzept von 'Bild' hat sowohl digital als auch international spannende Entwicklungsperspektiven. Diese Potenziale wird Kai Diekmann, der langjährigste und wohl auch erfolgreichste Chefredakteur von 'Bild', in seiner neuen, übergeordneten Aufgabe konkretisieren."

Bild leidet unter Auflagenschwund

Das "wohl" in Döpfners Lob deutet es an. Über die Frage nach dem Erfolg lässt sich streiten. Gemessen an der Auflage war Diekmann nicht erfolgreich. Die Zeiten, in denen das Blatt vier, in Rekordzeiten gar fünf Millionen Exemplare täglich verkauft hat, sind Geschichte. Mit Mühe auf zwei Millionen kommt "Bild" aktuell und hat allein binnen eines Jahres 10,2 Prozent an Auflage verloren.

Wobei Diekmann an dieser Stelle sofort protestieren würde. Dank der digitalen Ausgaben ist die Reichweite der Marke "Bild" weiterhin hoch. Und immerhin knapp 300.000 Abonnenten zahlen für "Bild" digital. Dennoch: Die gedruckte Ausgabe leidet weit mehr unter Auflagenschwund als andere Zeitungen. Dass das mit dem Chefredakteur zusammenhängen könnte, ist zumindest erwägenswert.

Koch muss neue Akzente setzen

Über die Ära Diekmann lässt sich jedenfalls sagen, dass er seine polarisierende Wirkung geradezu zum Selbstzweck erhoben hat und dass er mit Lust die gesamte Klaviatur gespielt hat, die ihm mit "Bild" als Macht- und Marketinginstrument zur Verfügung stand, auch in eigener Sache.

Der Verlag wiederum ist zur Einsicht gekommen, sich wirtschaftlich von "Bild" abkoppeln zu müssen, um weiter zu wachsen. An Tanit Koch, über die Döpfner sagt, sie habe sich "über viele Jahre hinweg überzeugend für die Aufgabe qualifiziert, Europas größte Tageszeitung journalistisch zu führen", liegt es nun, die von Döpfner erwarteten "neuen Akzente" zu setzen.

Von Ulrike Simon

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