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Kfor-General versetzt Blogger in ungläubiges Staunen

Ungefiltert, authentisch, ehrlich Kfor-General versetzt Blogger in ungläubiges Staunen

Kfor-Kommandeur Erhard Bühler äußert sich in einem Blog zum Kosovo-Einsatz – ein Novum für die Bundeswehr. Denn bisher hat die deutsche Truppe ein äußerst distanziertes Verhältnis zu Facebook & Co.

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Mitternächtlicher Blog-Eintrag: Kfor-Kommandeur Erhard Bühler – hier im Herbst 2010 bei seinem Amtsantritt – antwortet Kritikern persönlich.

Quelle: dpa

Die Bundeswehr will eine Armee des 21. Jahrhunderts sein, doch im Netz agiert sie eher wie ein kalter Krieger. Ihre Internetpräsenz wirkt angestaubt, und in den sozialen Netzwerken kommen die deutschen Streitkräfte ziemlich altbacken daher. Auf der weltgrößten Onlineplattform Facebook ist die Bundeswehr zwar schon seit Langem vertreten – die Seite „Bundeswehr“ wird allerdings von einem „Bundeswehr-Fan“ betreut. Erst vor wenigen Wochen entdeckte die echte Bundeswehr das Netzwerk für sich und wirbt seitdem mit einer Karriere-Seite für die Streitkräfte. Auch auf der Videoplattform YouTube gibt es einen offiziellen Kanal. Filme mit Titeln wie „Eignungstest“, „Chemische Keule“ oder „Panzerfeldwebel“ sollen Einblicke in den Alltag der Armee ermöglichen. Zu viel Nähe zum Publikum will man aber offenbar nicht herstellen: „Wir bitten um Verständnis, dass wir aus grundsätzlichen Erwägungen keine Freundschaftsanfragen annehmen“, schreibt die Bundeswehr den Nutzern. Und die Soldaten-Blogs auf www.bundeswehr.de lassen gleich alles vermissen, was Web-2.0-Angebote auszeichnet: Eine Kommentierung der Onlinetagebücher ist nicht vorgesehen.

In der vergangenen Woche nun hat Generalmajor Erhard Bühler, 55 Jahre alt und Oberbefehlshaber der Kfor-Schutztruppe im Kosovo, einen Anfang gemacht – und gezeigt, dass er als ranghoher Soldat vor den Möglichkeiten des Internets nicht zurückschreckt: Am 2. August meldete sich Bühler um kurz nach Mitternacht im sicherheitspolitischen Blog „Augen geradeaus!“ zu Wort. Dort hatte es in den Tagen zuvor Kritik gehagelt. Viele Kommentatoren konnten nicht verstehen, warum Bühler im gewaltsamen Konflikt zwischen Albanern und Serben um zwei Grenzübergänge im Norden des Kosovos nicht durchgegriffen, sondern zunächst abgewartet hatte. Angehörige der serbischen Minderheit hatten Straßenblockaden errichtet, Bühler verzichtete auf eine gewaltsame Räumung. „Wenn die mediale Darstellung stimmt, hat der Befehlshaber versagt“, lautete ein Blogkommentar.

Bühler löst ein beachtliches Maß an Ungläubigkeit aus

Dann schaltete sich Bühler persönlich ein: „Ich will den Versuch machen, Ihnen für Ihre Diskussion ein paar Fakten zu liefern“, schrieb er, gab einen detaillierten Lagebericht ab und begründete seinen Entschluss zur defensiven Taktik. Ihm sei klar gewesen, dass er dafür Kritik einstecken werde. „Mir war aber Leib und Leben der demonstrierenden Bürger und meiner Soldaten wichtiger als der kurzfristige (...) Erfolg einer gewaltsamen Räumung der Straßensperre.“ Dann formulierte der General „freundliche Grüße aus Pristina“, drückte auf „Senden“ – und löste viele positive Reaktionen, vor allem aber ein beachtliches Maß an Ungläubigkeit aus. „Bemerkenswert“, kommentierte ein Nutzer den Eintrag und gratulierte dem Journalisten Thomas Wiegold, der „Augen geradeaus!“ betreibt: „Glückwunsch. Authentizität vorausgesetzt“. Das Verteidigungsministerium hat inzwischen bestätigt, dass es in der Tat Bühler selbst war, der sich im Blog äußerte. Mehr wollte ein Sprecher aber nicht sagen, und insofern ist fraglich, wie des Generals nächtlicher Kommentar im Berliner Bendlerblock aufgenommen wurde.

Im „Bendler-Blog“ jedenfalls gab es Zustimmung: „Wenn das strategisch gewollt ist und fortgesetzt wird, könnte es den Beginn eines fundamentalen (und lange überfälligen) Richtungswechsels in der sicherheitspolitischen Kommunikation markieren“, schrieb Blogger Sascha Stoltenow. Auch wenn die „Kommunikationsverhinderer im Ministerium jetzt in Schnappatmung“ verfielen – das Ganze sei „richtig und gut“. Stoltenow wünscht sich weitere „ungefilterte Originaltöne“. Ganz oben auf seiner Liste führt er Generalmajor Markus Kneip, Kommandeur der 1. Panzerdivision mit Sitz in Hannover und Isaf-Regionalkommandeur in Afghanistan, an. Das jedoch dürfte vorerst ein frommer Wunsch bleiben.

Angehörige der US-Streitkräfte bloggen mit großer Selbstverständlichkeit

Nato-Bündnispartner sind da schon weiter als die Bundeswehr, allen voran die US-Streitkräfte. Dort bloggen und schreiben Armeeangehörige mit großer Selbstverständlichkeit – nicht als anonyme Privatpersonen, sondern mit vollem Namen und Dienstgrad. Sie erhalten dabei Rückendeckung von der Armeeführung, die ihre Soldaten regelrecht dazu ermuntert, in sozialen Netzwerken aktiv zu werden. Die US-Navy hat eigens einen Leitfaden herausgegeben, der über weite Passagen von einer realitätsnahen Sicht auf Twitter und Facebook geprägt ist: „Wir können über soziale Medien authentischer, transparenter und schneller berichten und Menschen erreichen, die wir sonst nicht erreicht hätten“, heißt es in dem „Social Media Handbook“. Die Armee könne sich den Netzwerken nicht verschließen: „Wenn du nicht kommunizierst, wird es ein anderer tun. Deswegen fange damit an – so schnell wie möglich.“ Von Versuchen, „peinliche Informationen zu verbergen oder unangenehme Themen zu umgehen“, wird ausdrücklich abgeraten, da dies noch mehr Aufmerksamkeit erzeuge. Der wichtigste Satz aus Sicht der US-Armee aber steht fast am Ende des Handbuchs: „Wenn Du falsche Informationen über die Navy findest, versuche, sie zu korrigieren.“

Genau so reagierte General Bühler vergangene Woche, als er bemerkte, dass die Diskussion auf „Augen geradeaus!“ – zumindest aus seiner Sicht – in die falsche Richtung lief. Mittlerweile schaltete sich ein zweiter deutscher General ein. Roland Kather, deutscher militärischer Vertreter im Nato-Militärausschuss, kommentierte Bühlers Eintrag: „Seine Erklärung in diesem modernen Medium war wichtig und sehr hilfreich.“

Vivien-Marie Drews und Frerk Schenker

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