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Leser-Reporter als Paparazzi oder Zeitzeugen?

Zeitungen Leser-Reporter als Paparazzi oder Zeitzeugen?

Vor fünf Jahren war es ein großes Aufregerthema in der Medienszene. Die „Bild“-Zeitung druckte erstmals Fotos von Leser-Reportern. Manch einer sorgte sich, dass eine Jagd auf Prominente einsetzt. Haben sich die Befürchtungen bestätigt?

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Rettungskräfte der Feuerwehr verschaffen sich über Drehleitern Zugang zu dem verunglückten Transrapid auf der Teststrecke bei Lathen im Jahr 2006. Dieses von einem Leser-Reporter der "Bild"-Zeitung gemachte Foto war für Stunden das einzige Bild-Dokument von der Unglücksstelle.

Quelle: dpa (Archiv)

Berlin. Das erste Foto eines Leser-Reporters in der „Bild“-Zeitung war von einem Polizisten, der Auto fährt und am Steuer mit dem Handy telefoniert. Das war am 12. Juli 2006 - und Start der Aktion “1414“, bei der Leser digitale Fotos zur Veröffentlichung einsenden können. Nach fünf Jahren hat das Blatt mehr als 15 800 solcher Bilder veröffentlicht und dafür rund 2,5 Millionen Euro Honorar ausgegeben. „Diese riesige Menge an Fotos bildet die Vielfalt, manchmal auch den gesamten Irrsinn des Alltags ab“, sagt „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann. „Und viele Themen hätten wir ohne Leser-Reporter gar nicht aufgreifen können.“

Die Palette reicht von zeitgeschichtlichen Dokumenten wie dem einzigen Bild von Kurt Beck kurz nach seinem Rücktritt als SPD-Chef bis zu Fotos vom schwedischen König im Stau oder einer nackten Frau, die in einen Ferrari steigt. Vom Unfall des Transrapids im Emsland im September 2006 war ein Leser-Reporter-Foto für Stunden das einzige Bild-Dokument. Ein Laien-Fotograf war im September 2009 auch auf dem Stuttgarter Flughafen zur Stelle, als der damalige SPD-Chef Franz Müntefering eine Passagiermaschine nach einer Bruchlandung auf einer Notrutsche verließ.

Wird so ein Volk von Paparazzi herangezüchtet oder geht es um wertvolle Zeugnisse von Zeitzeugen? Anfangs gab es jedenfalls große Befürchtungen, dass Schnappschuss-Jäger Prominente auf Schritt und Tritt verfolgen. Doch der Deutsche Presserat hat bisher noch keine Beschwerden verhandelt und selbst Medienanwalt Christian Schertz sieht das Thema entspannt. „Rechtlich wie faktisch ist das Phänomen „Leserreporter“ für uns eigentlich kein Thema mehr“, berichtet er. „Als „Bild“ am Anfang von drei Mandanten von uns „Leserreporter-Abschüsse“ veröffentlichte, sind wir sofort erfolgreich dagegen vorgegangen. Man muss sagen, dass „Bild“ seitdem bei den „Leserreporter-Fotos“ nach meiner Einschätzung die Persönlichkeitsrechte auch von Prominenten im Wesentlichen beachtet hat.“

Diekmann betont: „Es wird nichts ungeprüft veröffentlicht - entsprechend ist die Kontrolle sehr aufwendig.“ Ein prominenter Fall sei Joschka Fischer gewesen, der in Frankreich beim Verlassen einer Bäckerei fotografiert wurde und erfolgreich dagegen klagte. Für Anwalt Schertz ist das Internet das viel gefährlichere Medium, was heimliche Foto-Handy-Aufnahmen angeht. „Hier lassen sich massive Rechtsverstöße feststellen, wobei es rechtlich schwierig ist, die Leute dingfest zu machen.“

Eine weitere Sorge war, dass professionelle Fotografen in Frage gestellt werden. Dazu meint der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, Michael Konken: „Leserfotos dürfen und können die Arbeit professioneller Bildautoren nicht ersetzen. Das müssen auch die Verlage und Redaktionen wissen. Falls sie beides vermischen, gefährden sie nicht nur die Arbeit der Profis, sondern auch die Qualität ihrer Produkte.“ Diekmann sieht sowieso keinen Verdrängungswettbewerb und betont: „Heutzutage ist jede zweite verkaufte Kamera ein Foto-Handy, dieses riesige Potenzial haben wir uns zu Nutze gemacht. Denn die Leser-Reporter berichten von dort, wo Zeitungen und Agenturen nicht sein können. Viele dieser Themen sind durch professionellen Journalismus nicht vorzubereiten oder abzubilden.“

Laut einer Studie des Dresdner Kommunikationswissenschaftlers Prof. Wolfgang Donsbach ist der typische Leser-Reporter männlich und 39 Jahre alt. Fast die Hälfte der Bilder (44 Prozent) zeige Schäden, Unfälle und Zerstörungen, auf knapp einem Viertel sei Witziges und Alltägliches zu sehen. Die Fotos tragen demnach zum Unterhaltungswert bei und verbessern die aktuelle Berichterstattung bei unvorhergesehenen Ereignissen. Auch Prominente treten als Leser-Reporter auf, wie Nina Ruge, Dieter Bohlen oder Christoph Daum. Inzwischen veröffentlicht „Bild“ auch Laien-Videos und lässt Leser Werbung gestalten.

„Bild“ ist aber bei weitem nicht die einzige Zeitung, die Leser in die Berichterstattung einbindet. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) verweist auf das Engagement regionaler Blätter wie „Rhein-Zeitung“ (Koblenz), „Main-Post“ (Würzburg), „Saarbrücker Zeitung“ oder „Hamburger Abendblatt“. Der flächendeckende Durchbruch blieb bei den gedruckten Zeitungen aber aus. Beim BDZV heißt es dazu: „Der große Erfolg von Bürgerjournalismus in den USA hat auch mit der schlechten lokalen Nachrichtenversorgung dort zu tun. Da ist es in Deutschland um den lokalen Nachrichtenmarkt im Vergleich doch deutlich besser bestellt.“

Der Berliner Medienprofessor Norbert Bolz sieht die größte Bedeutung von Laienreportern in Krisengebieten. „Bürgerjournalismus spielt für die Berichterstattung aus Diktaturen eine wichtige Rolle. Anders sind Informationen wie zum Beispiel aus Birma oder Nordafrika kaum zu bekommen. Aufgabe der Redaktion ist es, dieses Material dann sorgfältig auf Echtheit zu prüfen.“

dpa

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