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Leserfinanziertes Magazin "Übermedien" startet

Redaktionsbesuch in Berlin Leserfinanziertes Magazin "Übermedien" startet

In Zeiten der Krise muss sich der Journalismus immer wieder neu erfinden. Mit "Übermedien" startet heute der nächste Versuch eines journalistischen Indie-Projekts. Die Gründer Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz sprachen mit Imre Grimm über das leserfinanzierte Magazin.

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"Wir wollen die Stimme der Vernunft sein": Stefan Niggemeier (l.), Kollege Boris Rosenkranz und Hund Wum (r.) in ihrem Büro im Berliner Norden.

Quelle: Imre Grimm

Berlin. Die Sache mit dem Apfelweinfest im Hessischen Rundfunk ist aber auch zu bekloppt. Das soll öffentlich-rechtliches Fernsehen der Jetztzeit sein? Eine Äbbelwoi-Schänke in Rödesheim, 25-Watt-Discokugeln, Franz Lambert an der Orgel, notdürftig verschönert mit drei traurigen Glasfaserlampen, Herrenwitz und Höllenplayback. Dazu – untertänigst begrüßt – hessische Landesfürsten, glühend vor Selbstgefälligkeit. Eine Sendung wie gemacht für den medialen Seziertisch von Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz. Aus dem Entertainment-Elend im Dritten haben die Medienjournalisten ein feines "Worst of"-Filmchen gemacht, tödlich kommentiert von Niggemeier vor einer Betonwand-Fototapete in ihrem Büroschrägstrichstudio im Berliner Norden. Eine Fingerübung für ihr neues Medienmagazin, das heute startet: " Übermedien".

Natürlich ist plüschiges Provinzgrauen in Hessen ein dankbares Ziel für den Spott großstädtischer Medienfuzzis. Aber der Äppelwoi-Clip zeigt ganz gut, was die Idee hinter www.übermedien.de ist: Es soll nicht bloß eine Plattform für die medienpolitische Analyse werden, sondern all das an Filmen, Texten, Listen, Ideen bündeln, was aus der Auseinandersetzung mit dem deutschen Mediengeschehen entsteht. Mal schnell, mal langsam. Finanziert durch die Leser. Geld für gute Worte. Es ist der nächste Versuch eines journalistischen Indie-Projektes.

"Übermedien" will kein Branchenmagazin sein

"Wir sind ausdrücklich kein Branchenmagazin", sagt Niggemeier im "Übermedien"-Büro im Berliner Norden. "Wir wollen schon die breite Masse erreichen." An der Wand hängt die alte "Bild"-Schlagzeile "Es ist noch Glück da". Auf einer grünen Schultafel steht mit Kreide: "To Do: To-Do-Liste schreiben". Dazu: ein "Simpsons"-Poster, ein Minions-Bild, Loriots Hund Wum als Gummifigur, und hinten haut Bildblogger Mats Schönauer in die Tasten. In Zeiten von "Lügenpresse"-Schreierei und schwindendem Vertrauen in journalistische Marken hofft Niggemeier darauf, aus Unabhängigkeit Kapital schlagen zu können. "Übermedien" ist die Fortsetzung seines Blogs mit den Mitteln der Betriebswirtschaft. "Ich habe schon lange darüber nachgedacht, wie ich mit dem Blog Geld verdienen kann", sagt er.

Das Ergebnis ist ebenso naheliegend wie riskant: ein Abo, ähnlich wie bei den Krautreportern, von denen sich Niggemeier zurückgezogen hat. Der wichtigste Unterschied: Die Leser kaufen nicht die Katze im Sack. Sie gehen nicht mit 60 Euro für ein Jahr in Vorleistung. Das "Übermedien"-Abo kostet 3,99 Euro im Monat ("4 Euro wären einfach zu viel", scherzt Rosenkranz). Alle Inhalte sind nach sieben Tagen für alle lesbar. Die Abrechnung erfolgt über den Artikelvertriebsdienst Blendle – das Geld für das jederzeit kündbare Abo wird über das Blendle-Konto eingezogen. Beide haben als Gesellschafter je 12 500 Euro in die Übermedien GmbH eingebracht.

"Nicht alles wird hinter Paywall verschwinden"

Es ist die große Unbekannte in diesem Spiel: Wie viele Leser sind jenseits aller Grundsolidarität und Sympathie wirklich bereit, Geld für etwas zu bezahlen, das sie bisher gern kostenlos lasen? "Nicht alles wird hinter der Paywall verschwinden", sagt Rosenkranz. Es ist der alte Konflikt zwischen der ökonomischen Vernunft des Gesellschafters und der Hoffnung auf maximale Reichweite des Journalisten. Zum "Übermedien"-Start gibt's ein Interview mit Anne Will, die am Sonntag auf den ARD-Talksendeplatz nach dem " Tatort" zurückkehrt.

Außerdem hat sich Niggemeier ausführlich von "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo beschimpfen lassen, der an seinem Schaffen wenig Segensreiches erkennen kann und Medienkritik immer mal als selbstquälerisches Genörgel geißelt. Um die latente Kritik am Negativismus abzuschwächen, verweist "Übermedien" in der Rubrik "Gutes live" auf Positivbeispiele aus dem deutschen Medienschaffen. Rosenkranz: "Es soll nicht nur um Elend gehen." Übermedien also. Nicht Übelmedien. Die große Debatte, die kleine Panne, der lustige Irrsinn. "Wenn die Branchendienste "Focus Online" für die Video-Klickzahlen feiern, dann wollen wir zeigen, was das für schreckliche Videos waren ..."

Fundierte, unverbissene Medienkritik

Es mangelt dem Land nicht an Blogs voller Meinung – die Erfahrung freilich, die der akribische Alphablogger und der "Zapp"- und "extra 3"-Autor Rosenkranz mitbringen, berechtigt zu gewissen Hoffnungen. Tatsächlich wächst der Bedarf an fundierter, unverbissener Medienkritik im konsumablen Gewand. Aufklärerisches Entertainment ist ein Zukunftsformat. "Es gibt beim Thema Medien sehr viele Autoren mit Schaum vorm Mund", sagt Niggemeier. "Wir werden nicht versuchen, am lautesten zu krakeelen. Wir sehen uns zwischen allen Stühlen." Der Traum sei, eines Tages davon leben zu können. 5000 bis 8000 Abonnenten wären dafür notwendig. Niggemeiers bisheriger Blog wird künftig medienkritikfrei sein. Nur noch Flauschbilder, putzige Hunde und Schafe? "Weiß noch nicht."

Das Duo gibt sich bescheiden. Zu frisch ist das Geguffel der Kollegen über jenen unheilvollen Satz, der den Krautreportern um die Ohren flog: "Der Onlinejournalismus ist kaputt. Wir kriegen das wieder hin." Der Medienjournalismus ist kaputt – wir kriegen das wieder hin? Nicht doch. "Wir wollen nur versuchen, die Stimme der Vernunft zu sein", sagt Niggemeier. Ein hehres journalistisches Ziel. Ob es auch ein Geschäftsmodell ist, wird sich ab heute zeigen.

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