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Medien Martin Sonneborn testet im ZDF die Grenzen der Satire aus
Nachrichten Medien Martin Sonneborn testet im ZDF die Grenzen der Satire aus
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10:11 24.06.2010
Ob für das ZDF oder als Vertreter der „Partei“: Martin Sonneborn liebt die Provokation. Quelle: dpa

Es gibt Momente, da holt das Leben die Satire ein. Da lassen auch gestandene Medienprofis Sätze vom Stapel, die die kühnsten Träume jedes Gag-Autoren übertreffen. Es sind Momente, für die Martin Sonneborn einiges riskiert. Der ehemalige Chefredakteur des Satire-Magazins „Titanic“ und Gründer der Spaßpartei „Die Partei“ versteht sich als Berufsprovokateur. Getarnt als Außenreporter lockt er für die „heute-show“ (ZDF) Politiker und ahnungslose Bürger mit der Kamera in die Falle.

Jüngst entlockte er einem Pharma-Lobbyisten auf diese Weise das Geständnis, billig produzierte Tabletten aus Fernost seien genauso wirksam wie teurere Pillen aus Deutschland. Was ein bisschen so klang, als wäre der Kanzlerin versehentlich der Satz herausgerutscht, in ihrem Job ließe es sich nicht vermeiden, den Wähler zu belügen.

Der Videobeitrag wurde ein Renner im Internetportal Youtube. Er trug dem Reporter neben begeisterten Kommentaren von Fans der „heute-show“ aber auch eine Rüge von ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut ein. Der war – nicht ganz zu Unrecht – verärgert. Hatte Sonneborn sein Opfer doch mit der trickreichen Formulierung geködert, das Interview werde in einer der heute-Sendungen des ZDF ausgestrahlt, bevorzugt im „heute-journal“, dem Flaggschiff der Fernsehnachrichten. Stattdessen fand sich sein Opfer als Witzfigur in der „heute-show“ wieder. Sonneborn musste versprechen, die Marke „heute“ nicht mehr als Köder zu benutzen.

Es war ein Preis, den er gerne dafür zahlte, dass sein Film nachhaltige Konsequenzen hatte: Als Geschäftsführer des Verbandes der Pharma-Industrie ProGenerika e.V. musste der Lobbyist Peter Schmidt inzwischen seinen Hut nehmen – unter anderem wegen seines blamablen Auftrittes in der „heute-show“.

Fragt man Martin Sonneborn heute, ob ihm der Mann ein bisschen leidtut, guckt er für den Bruchteil einer Sekunde tatsächlich zerknirscht. Höflichkeit und Taktgefühl sind für den ehemaligen Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“ keine Fremdwörter. Bei aller Freude an der Provokation scheint er durchaus zu wissen, was sich gehört. Man darf sich den privaten Martin Sonneborn als einen Menschen vorstellen, der auf altmodische Weise konservativ wirkt.

Der 45-jährige Familienvater sitzt vor einem gutbürgerlichen Gasthaus in Berlin-Charlottenburg, statt den obligatorischen Anzug von C & A trägt er Jeans, Wollpullover und Windjacke. Still und in sich gekehrt, so wirkt er auf den ersten Blick. Sonneborn sagt, Peter Schmidt sei vor seiner Tätigkeit als Geschäftsführer von ProGenerika Mitglied der Arbeitsgruppe Gesundheit und Soziale Sicherung der SPD-Fraktion gewesen. „Und es war genau diese Verbindung von Politik und Lobbyismus, die wir mit dem Beitrag anprangern wollten.“

So gesehen hat er mit seinem Film einen Glückstreffer erzielt. Allerdings, da macht sich der Pseudoreporter keinerlei Illusionen, wird der Balanceakt zwischen Satire und investigativer Recherche für ihn in Zukunft noch schwieriger werden als bisher. Zwar lässt ihm die Redaktion der „heute-show“ bei der Themenauswahl freie Hand. Doch gelegentlich liegt die Schmerzgrenze des öffentlich-rechtlichen Fernsehens deutlich tiefer als seine eigene.

Sonneborn sagt, einen Beitrag zum Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche habe das ZDF erst gar nicht gesendet. „Wir hatten dazu ein extrem geschmackloses Bild gefunden.“ Doch wer soll ihm jetzt noch die Tür öffnen? Um Politiker der Linken aufs Glatteis zu führen, hatte er schon einmal in die Trickkiste gegriffen und das schüttere Haupt unter einer Perücke versteckt. Ohne nennenswerten Erfolg, wie ein Foto beweist: „Die Leute dachten, ich sei Theo Koll.“ So wird er sich in Zukunft wohl notgedrungen auf Menschen stürzen müssen, die bei der bloßen Erwähnung seines Namens nicht gleich reflexartig zusammenzucken.

So wie jener Rentner, der ihm neulich ohne zu zögern die Tür öffnete, als sich Sonneborn als Mitarbeiter von Google Homeview ausgab und behauptete, man schicke ihn, um sämtliche Häuser von innen zu fotografieren. Jeder dritte habe ihn und sein Team arglos hereingelassen, behauptet Sonneborn. Und er guckt, als wüsste er nicht genau, ob ihn das freuen oder erschrecken soll. „Offenbar hat Google eine Atmosphäre geschaffen, in der so etwas möglich ist.“

Spricht so der Guerilla-Journalist oder der Politclown, der Moralist oder die Rampensau? Sein Gesicht verrät es nicht. Was vielleicht erklärt, warum ihm mitunter auch Medienprofis auf den Leim gehen. Martin Sonneborn lebt davon, dass man ihn unterschätzt. Gelegentlich ist es aber auch umgekehrt. Mit Schrecken erinnert man sich beim ZDF noch seinen Auftritt bei der Buchmesse in Frankfurt im Herbst 2009. Sonneborn sagt, danach hätten kommunistische Funktionäre in China seinen Tod gefordert.

Schuld daran war ein Beitrag für die „heute-show.“ Chinesischen Schriftstellern hatte er Sätze über Menschenrechtsverletzungen in ihrer Heimat in den Mund gelegt. Der Beitrag sollte die deutsch-chinesischen Beziehungen schwer belasten. Er wurde im Staatsfernsehen ausgestrahlt und Sonneborn nicht als Satiriker, sondern als Journalist öffentlich an den Pranger gestellt. Natürlich sei die Methode plump gewesen, räumt er ein und schiebt trotzig die Unterlippe vor. Der Zweck habe die Mittel geheiligt. Schließlich seien es handverlesene Autoren gewesen, die die Regierung geschickt habe. Der chinesische Geheimdienst habe sein Kamerateam auf Schritt und Tritt verfolgt.

Vielleicht war es auch Sonneborns Schuld, dass Bundesaußenminister Guido Westerwelle auf seiner ersten China-Reise im Herbst 2009 nur eingeschränktes Rederecht erhielt. Sonneborn muss auf Wolke sieben geschwebt haben. Er sagt: „Das ist ein Zustand, den wir auch in Deutschland erreichen wollen.“

Antje Hildebrandt

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