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"Denkt euch was Neues aus!"

Medienexperte Jeff Jarvis im Interview "Denkt euch was Neues aus!"

Mehr Mut, mehr Innovation, mehr wie Google: US-Medienexperte und Autor ("Was würde Google tun?") Jeff Jarvis im HAZ-Interview über die Zukunft des Journalismus. Und das "verdammte blaue Kleid".

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"Der Journalismus kann heute so viele verschiedene Formen annehmen wie niemals zuvor – es ist wichtig, dass wir diese auch nutzen!" - sagt Journalist und Autor Jeff Jarvis im Gespräch an der City University of New York.

Quelle: dpa

New York. Herr Jarvis, Sie sagen immer wieder deutlich: Die „Massenmedien sind tot“. Warum sehen Sie es so düster?

Das Modell der Massenmedien war großartig – so lange es andauerte. Aber so funktioniert es nicht mehr. Die Zeitungen haben das alte Geschäftsmodell einfach auf das Internet übertragen: Es geht bloß um Reichweite, für die die Anzeigenkunden bezahlen. Und was haben wir davon? Überall Katzen im Internet.

Und stattdessen?

Ich glaube nicht, dass Bezahlschranken uns retten werden. Ich glaube nicht, dass Native Advertising uns retten wird – es wird den Journalismus umbringen. Ich glaube nicht, dass Tablet-PCs uns retten werden. Ich glaube, dass wir gemeinsam den Journalismus neu erfinden müssen. Mit neuen Ideen. Eine großartige Chance!

Was schlagen Sie vor?

Die Medien müssen sich mehr damit beschäftigen, was sie für die Menschen tun können: Was brauchen die Leute? Und dafür dürfen wir die Leser nicht länger als Masse sehen, sondern als Individuen. Unser Ziel darf es nicht sein, ihnen Inhalte entgegenzuschleudern, sondern ihnen zu helfen, ihre Probleme zu lösen. Wir können es uns auch gar nicht mehr leisten, allen Menschen alle Informationen zu geben. Wie soll das funktionieren? Das Internet verlangt nach einer Spezialisierung. Wenn Du nur der 20. Beste in etwas bist und auf den ersten Seiten der Google-Suche nicht auftauchst, warum machst Du es dann?

Zur Person

US-Medienexperte Jeff Jarvis ist Autor der Bücher „Was würde Google tun?“ und „Gutenberg, der Nerd“. Er arbeitet als Dozent und Direktor des Tow-Knight Center for Entrepreneural Journalism an der City University of New York. In Deutschland ist Jarvis vor allem für seine streitbaren Thesen zu Google bekannt: Seiner Auffassung nach sollten sich Unternehmen für ihr Wirtschaften und Handeln den US-Konzern zum Vorbild nehmen.

„Do what you do best and link to the rest“ („Mache, was Du am besten kannst und verlinke den Rest“) – das haben Sie schon vor Jahren gesagt.

Das gilt noch immer – das ist eben die Struktur, in der wir jetzt leben. Wir können uns mit allen Menschen vernetzen, gemeinsam arbeiten. Das liegt auf der Hand, aber die Medien sind nicht gut darin! Wir sollten den Menschen mehr zuhören und mit dem Journalismus bei Ihnen beginnen: Was sind ihre Bedürfnisse? Und wie reagieren wir darauf?

Sie meinen verschiedene Formate?

Ja – erst, wenn man die Bedürfnisse der Leser kennt, kann man entscheiden, welche Form des Journalismus für dieses Problem das Richtige ist: Ein Artikel, der die Dinge gut strukturiert und priorisiert. Ein Liveblog, der die Informationen schnell in Echtzeit verbreitet. Oder eine Aufbereitung von Daten, ein Comic sogar. Der Journalismus kann heute so viele verschiedene Formen annehmen wie niemals zuvor – es ist wichtig, dass wir diese auch nutzen!

Eine Form sind dann beispielweise Newsartikel innerhalb von Facebook.

Ja, Facebook bietet nun Nachrichten an – ist das gut oder schlecht? Das wissen wir noch nicht. Wichtig ist, dass wir über diese Dinge gemeinsam diskutieren. Meine Meinung ist: Wir müssen dorthin gehen, wo die Leser sind. Und nun muss ich den deutschen „Datenschutzherzen“ Angst machen: Wir brauchen mehr Daten.

Sie sind ja auch nicht als strenger Datenschützer bekannt.

Eins vorweg: Sorry für die NSA! Aber im Ernst: Privatsphäre ist wichtig – das habe ich schon immer gesagt. Aber sie steht nicht über allem. Die Deutschen sind viel zu ängstlich. Sie sollten Google oder Facebook nicht bekämpfen, sondern neue Technologien willkommen heißen. Es gibt diese „Technopanik“ in Europa. Der Reflex: „Da stimmt was nicht mit den großen Konzernen – wir müssen das regulieren, die werden zu groß, zu schnell!“. Ich sehe das einfach nicht. Mein (Google-)Smartphone weiß, wo ich arbeite und lebe – und bietet mir über diese Informationen Service an. Ich finde das großartig. Meine Lokalzeitung hingegen weiß das alles nicht – das ist beschämend.

Was soll Ihre Zeitung mit den Daten machen?

Es ist ein einfacher Austausch: Ich gebe Daten – und bekomme dafür etwas zurück. Ich teile meiner Zeitung also beispielsweise mit, dass ich Formel 1 Fan bin – und bekomme dann auch Formel-1-Nachrichten. Es ist so einfach – und so gut. So lange es eben dieser freiwillige Austausch ist. Aber unser Journalismus ist derzeit nicht effizient.

Das heißt?

Warum bloß haben Tausende Medien über dieses verdammte Kleid berichtet – ob es nun weiß/gold oder blau/schwarz ist? Das ist die Geschichte der Webseite Buzzfeed! Anstatt Hunderte Journalisten mit dem Mist zu beschäftigen, hätten viele eigene Geschichten von Bedeutung entstehen können. Was für eine Verschwendung von Ressourcen! Und wieder ist das alte Geschäftsmodell Schuld, bei dem jeder an seiner eigenen Reichweite klammert. 

Noch verdient das Print-Geschäft eben das Geld - auch in den USA.

Doch die Medienhäuser müssen auf den Zeitpunkt vorbereitet sein, wenn das nicht mehr so ist. Dann müssen sie komplett digital aufgestellt sein. Wenn die Zeitung an dem Tag, an dem sich das dreht, nicht ein digitales Unternehmen ist – wird sie sterben. Und wir können nicht den einen Laden abschließen und sagen: „Hey, lass uns doch jetzt mal überlegen, wie wir das mit dem Digitalen machen können.“ Der Pfad muss vorher klar sein. Das Internet ist ein so elementarer Wendepunkt wie der Buchdruck einst – und wir sind eben erst am Anfang dieser Entwicklung. 

Und welche neuen Ideen in der Medienlandschaft finden Sie gerade spannend?

Events sind ein Thema – beim Texas Tribune oder dem Guardian in Großbritannien zum Beispiel. Dort werden Veranstaltungen organisiert – mit Partnern auf Augenhöhe. Und wieder: Wenn man weiß, was den Kunden interessiert, kann man ihm das richtige anbieten. Auch über die „Zeitung als Club“ wird viel geredet – das funktioniert gerade für große Marken gut. Da mag der Leser gerne Teil von sein. Lokalzeitungen sollten eher kleinteiliger denken: „Ich interessiere mich für den Umweltschutz in New Jersey – also trete ich dem Club meiner Zeitung für dieses Thema bei.“ Und es muss ein Austausch sein: Wenn Dir das Mitglied bei der Veranstaltung hilft, etwas beiträgt, neue Mitglieder gewinnt – sollten sie dafür auch etwas zurückbekommen. Zugang zu Inhalten? Oder zu exklusiveren Events? Eine goldene Mitgliedschaft? Alles denkbar.

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