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"Wir waren schon einmal besser"

Michael Jürgs mit neuem Buch "Wir waren schon einmal besser"

Deutsche Geschichte erlebbar machen: Das versucht Autor Michael Jürgs in seinem neuen Buch "Wer wir waren, wer wir sind". Um Geschichte auch jungen Menschen authentisch zu vermitteln, machte er sich auf eine Reise quer durch das Land und setzte sich kritisch mit aktuellen Themen auseinander.

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Die Geschichten, die es zu erzählen gibt, sind für Autor Michael Jürgs der Anstoß, Geschichte nicht zu vergessen.

Quelle: Karlheinz Schindler

Hannover. Michael Jürgs, geboren 1945, war Chefredakteur der Zeitschriften "Stern" und "Tempo". Er schreibt unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung" und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Außerdem verfasste er Sachbücher und Biografien, die zum Teil verfilmt wurden, zum Beispiel "Der Verleger – Der Fall Axel Springer" (Bild), "Der kleine Frieden im Großen Krieg", "Die Jäger des Bösen", "Codename Hélène", "Sklavenmarkt Europa" und die Polemik "Seichtgebiete".

Herr Jürgs, in Ihrem neuen Buch spüren Sie in 25 Geschichten 25 Orte deutscher Geschichte auf. Der Titel verspricht zu klären: „Wer wir waren, wer wir sind“. Was trieb Sie dazu an?
Den Anstoß gab Erardo Rautenberg, der Generalstaatsanwalt des Landes Brandenburg. Er erzählte mir, dass er schon jedem Bundespräsidenten, wer auch immer gerade dran war, einen Brief geschrieben hat mit der Bitte, den letzten Sonntag im Mai zum Feiertag zu machen. In Erinnerung an das Hambacher Fest 1832, das Fest der Demokratie.

Offensichtlich waren seine Bitten vergebens.
Rautenberg hat aber recht. Hambach, dachte ich, da müsste man mal hin. Als ich zurückkam, überlegte ich mir weitere Orte, die entscheidend sind für unsere Geschichte: im Osten, im Westen, Orte mit schwerer, aber auch leichter Geschichte. Als Reporter, der ich nun einmal bin, zog ich los, manchmal suchte ich mir eine Begleitung, um den Geschichten eine weitere Dimension hinzuzufügen: In Potsdam war ich mit ­Matthias Platzeck, im Dortmunder DFB-Museum mit Katja Kraus, der ehemaligen Torhüterin der Nationalmannschaft der Frauen, und auf den Kölner Dom bin ich eben nicht mit einem Kunsthistoriker gestiegen, sondern mit dem Gerüstbaumeister.

Entstanden ist ein Kanon deutscher Geschichte, der vermittelt, was man wissen muss, um uns und unser Land zu verstehen?
Die große Geschichte in kleinen Geschichten erlebbar machen: Darum geht es mir. Junge Menschen können mit Bismarck nicht wirklich etwas anfangen. Als ich aber meinem Sohn das Kapitel über Bismarck zu lesen gegeben hatte, sagte er: Ach, ist ja interessant. Friedrichsruh, da fahre ich mal hin. Und wenn Sie dann dahin fahren, erfahren Sie noch ganz andere Dinge, die Sie gar nicht wussten. In Dessau zum Beispiel habe ich nicht nur viel über Bauhaus gelernt, sondern nebenbei, dass der Großvater von Dieter Hallervorden die Synagoge gerettet hat.

Wir leben im Jahr 70 nach Kriegsende, am 3. Oktober feiert das Land 25 Jahre Wiedervereinigung. Sind wir heute besser, als wir es waren?
Im vorvorigen Jahrhundert waren wir schon einmal besser. Demokratie gegen die Fürsten, die Geburtsstunde von Schwarz-Rot-Gold, die erste Menschenkette von Speyer bis zum Hambacher Schloss ... Da war Aufbruch. Wir sind aber auch besser, als wir waren. Denken Sie an diese Gemütsnazis von heute. Es ist nicht mehr wie in den Dreißigerjahren. Es gibt die Mehrheit, die sagt: Mit denen nicht. Deshalb, und das wäre mein Fazit: Wenn wir nicht vergessen, wer wir waren, können wir zwar mit dem zufrieden sein, wer wir sind – aber das reicht nicht aus. Es gibt das schöne Zitat von der Freiheit als der Geliebten, die es täglich neu zu erobern gilt. 

Ein Auszug: Jürgs über das KZ Buchenwald

Wie reagiert die Facebook-Generation? Wie bringt man ihr Geschichte nah? Durch eine konkrete Geschichte. Wie durch diese aus dem Fundstückkoffer, mustergültiges Beispiel dafür, wie scheinbar unfassbar Abstraktes erfahrbar werden kann:
In einer Projektgruppe zum Thema KZ Buchenwald machte sich, Sommer 2011, unter Schülerinnen spürbar Langeweile breit. Ob sie sich einfach nur den Schrecken vom Leib halten wollten oder ob es sie einfach nicht interessierte, was lange vor ihrer Zeit hier geschehen war, weiß ich nicht. Eines der Mädchen grub eher lustlos an einer Stelle der Halde und hielt plötzlich einen kleinen Stein aus Marmor in der Hand, in der Form eines Obelisken, höchstens zehn Zentimeter groß, darauf verwittert ein Palmwedel und zwei Namen mit dem jeweiligen Todesdatum.
Nein, kein Glückstreffer. In diesem Zusammenhang sollte man von Glück nicht sprechen. Aber von einem Stein des Anstoßes.
Jetzt war ihre Neugier geweckt, jetzt wollte sie mehr wissen. Die Experten im Verwaltungsgebäude entzifferten die in slowenischer Sprache verfasste Inschrift im Marmor und ließen sie übersetzen: „Zum Andenken an meine Brüder Lojze, gestorben in Renicci am 12. 2. 1943, und Lovrenc, gestorben in Livold am 11. 5. 1942“. Unterschrieben mit „S. B.“. Mit diesen Hinweisen begannen die Recherchen in der Vergangenheit. Dank Google war bald klar, dass es sich bei den beiden um slowenische Partisanen gehandelt haben muss, eingesperrt im Lager Renicci in der Toskana. Dort starben 114 Häftlinge an Hunger, Kälte, Krankheit.
Einer von denen, Lojze, taucht namentlich auf einer Liste von Toten auf, die der Priester in Miggiano hinterlassen hatte. Keiner der Toten bekam einen eigenen Grabstein, alle musste er auf Befehl der Duce-Faschisten auf seinem Friedhof anonym verscharren. Aber er notierte ihre Namen. Lojzes Familienname war deshalb bekannt: Smrtnik. Den gaben sie in Buchenwald in ihre Computer ein, auf deren Festplatten die Namen aller Häftlinge – fast aller – gespeichert sind. Und wurden fündig auf Häftlingsnummernkarten. Die heißen deshalb so, weil die Gefangenen im Lager von der SS zu einer Nummer degradiert worden waren. Vier „politische Jugoslawen“ namens Smrtnik, eingetroffen mit einem Transport im Oktober 1943, sind gelistet. Einer von ihnen: Smrtnik, Bernard. Der Name hinter der Abkürzung S.B. auf dem Obelisken. Den kleinen Grabstein trug er offenbar als Erinnerung an seine toten Brüder immer mit sich, bis zu seiner Endstation Buchenwald.
Die Schülerin ahnte, was dort mit Bernard geschehen war. Andernfalls hätte sie den Obelisken nicht auf der Müllhalde gefunden. Sie hat plötzlich eine Vergangenheit, die ihr so fern schien, haptisch erfahren, und diese Erfahrung wird sie immun machen gegen die ewiggestrigen Jungen in Springerstiefeln und Bomberjacken.

Sie sind in diesem Jahr 70 geworden. Vier Tage nach der Befreiung sind Sie auf die Welt gekommen.
Man könnte sagen: Ich bin einer der ersten gebürtigen Demokraten dieses Landes.

Was hat Sie am meisten geprägt?
Mein Deutschlehrer in Krefeld. Er war einer der wenigen, die uns sagten: Lest Brecht. Lasst euch nichts gefallen. Er machte uns Mut, aktiv vorzugehen gegen die Nazi-Lehrer, die wir Ende der Fünfziger-, Anfang der Sechzigerjahre natürlich hatten.

Wie gingen Sie gegen die vor?
In Zeitungspapier eingewickelte Scheiße haben wir denen vor die Tür gelegt. Die Sträucher im Garten haben wir ausgegraben und mit der Spitze nach unten eingebuddelt.

War das sinnvoll?
Nein, aber es hat einen riesigen anarchistischen Spaß gemacht. Wir waren Abiturienten. Die entscheidende Prägung war dann München, die Uni, 1968.

Seither gelten Sie als Nazi-Jäger. Die Schuld der Väter ist Ihr Lebensthema, auch in Ihren Büchern über Springer oder Grass, Romy Schneider oder Eva Hesse, in „Der kleine Frieden im großen Krieg“ über Weihnachten an der Westfront sowieso. Wie viel Schuld trug Ihr eigener Vater?
Mein Vater war ein Gerechtigkeitstyp. Deshalb habe ich ja auch siebenmal die Schule gewechselt. Wann immer es Ärger gab, hat er sich für mich eingesetzt. Im Zweifel bin ich eben weg von der Schule. 1991 ist er gestorben. Was ich ihn hätte fragen wollen, habe ich zu spät gefragt. Einen Tag nach dem Abitur bin ich ausgezogen. Studium, Karriere … Mein Vater wollte Fagottspieler werden. Aber er musste eine Familie ernähren. Erst baute er einen Zeitschriftengroßhandel auf, ging aber pleite. Also fing er bei einer Ölfirma an, wurde dort später Prokurist. Es war nicht sein Leben.

War er ein Nazi?
Er war Jahrgang 1917, zur Wehrmacht eingezogen wurde er 1937. Von meiner Mutter erfuhr ich nach seinem Tod, was er im April 1945 mit zerschossener Lunge in sein Tagebuch geschrieben hat: Er dachte, er müsse sterben, ohne je zu erfahren, ob sein erstes Kind ein Mädchen oder ein Junge wird. Ein Russe hat ihn gerettet, er kam in die Lungenheilanstalt, danach in Kriegsgefangenschaft. Ende 1946 kehrte er zurück. Die Entnazifizierungsurkunde habe ich. So schlimm wie die anderen kann er also nicht gewesen sein.

Auch in diesem Buch kommen Sie immer wieder auf die Schuld der Väter.
Man stößt an zu vielen Orten auf Spuren schlimmster deutscher Geschichte, auf das, was ich den braunen Sumpf nenne.

Sie verfallen dann gern in eine alttestamentarische Sprache.
Auch mit 70 habe ich nicht das Bedürfnis, christlich verzeihen zu müssen.

Wollen Sie den Teufel mit Tinte vertreiben, wie Luther auf der Wartburg, die Sie ja auch besucht haben?
Ja, ich will Nazis, egal in welcher Verkleidung, mit dem, was ich schreibe, in die Hölle zurückjagen. Wer schreibt, hat Millionen Wörter im Rucksack, und gegen Millionen von Wörtern kommen selbst Diktatoren nicht an. Susan Sontag hat das gesagt.    

Besteht die Gefahr, dass wir wieder zu dem werden, was wir nie wieder sein wollten? Denken Sie an die Rechten in Dortmund, an brennende Flüchtlingsheime, an Freital, Heidenau.
Die Dortmunder wissen inzwischen, Schalke allein reicht nicht als Feindbild. Die harte braune Gruppe sind 40 Leute, alles in allem sind das vielleicht 300. Droht ein Nazi mit dem Satz „Wir wissen, wo du wohnst“, schlagen die Dortmunder zurück und sagen: „Wir wissen auch, wo du wohnst.“ Wenn die in Heidenau skandieren: „Wir sind das Pack“, „Weg mit dem Dreck“, dann muss die Antwort lauten: „Ja, Pack, das seid ihr, ja, der Dreck muss weg, und der Dreck seid ihr.“ Als Jörg Schönbohm, wahrlich ein Konservativer, in Brandenburg Innenminister war, setzte er mit dem linksliberalen Rautenberg durch, dass die Gesetze ausgereizt werden, so weit es nur geht.

Das heißt?
Drang aus einem Auto Musik von rechten Gruppen, wurde kontrolliert: Stimmt der Reifendruck, wie sieht’s mit dem TÜV aus ... Mit Hoteliers und Gastwirten wurde vereinbart: Will einer von denen einen Veranstaltungssaal mieten, ist leider schon alles ausgebucht. Bei Nazi-Aufmärschen wurden die Gegendemonstrationen ins Licht gerückt. Das Ergebnis waren nicht weniger Nazis. Aber denen wurde klargemacht: Anständige Bürger seid ihr nicht, denn anständige Bürger treten für die Zivilgesellschaft ein.

Sind wir Deutsche geschichtsvergessen?
Wir nicht. Viele schon. Deshalb bin ich überzeugt: Die Vielfalt der Geschichten, die es zu erzählen gibt, sind der Anstoß, Geschichte nicht zu vergessen.

Interview: Ulrike Simon

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