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Abschied einer umstrittenen Chefin

Ines Pohl bei der "taz" Abschied einer umstrittenen Chefin

Ines Pohl wurde häufig wegen ihres Führungsstils kritisiert. Autoren sahen sich an den Pranger gestellt, die Redaktion fühlte sich diskreditiert. Nun verlässt die Journalistin die "taz". Ein Schritt mit Vorgeschichte.

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In Ines Pohls Zeit als „taz“-Chefredakteurin fällt auch die Neugestaltung der „taz“-Wochenendausgabe.

Quelle: dpa/Archiv

Berlin. In der Sonnabendausgabe stand ihr Name schon nicht mehr im Impressum. Erst am Freitagvormittag hatte Ines Pohl der Redaktion mitgeteilt, dass sie die Chefredaktion nach sechs Jahren abgibt. Am Abend desselben Tages hatte sie ihr Büro bereits geräumt und den Schlüssel abgegeben. Da feierten die „taz“-Mitarbeiter gerade den Verkaufsstart ihres selbst gebrauten „Panter Biers“. Pohl nutzte die Gelegenheit für eine Rede. Sie sprach von der Paradoxie einer linken Sehnsucht nach Führung bei gleichzeitiger Unfähigkeit, Entscheidungen zu akzeptieren, die eigenen Vorstellungen nicht entsprechen.

Am Montag gekündigt, am Freitag weg: So schnell geht’s sonst nur, wenn einer unfreiwillig geht. Hastig schickte die „taz“ ihrer Pressemitteilung eine aktualisierte Version hinterher, in der sie den Dank „für sechs, auch ökonomisch außerordentlich erfolgreiche Jahre“ nachschob – dazu den Hinweis, dass es mit Andreas Rüttenauer „eine handlungsfähige Chefredaktion“ gebe.

"Das Haus war aufgewühlt"

Die „taz“ und ihre Chefredakteure – ihr Kommen und Gehen mit all den damit verbundenen Streitereien würde ein Buch füllen. Pohl gäbe Stoff her für ein dickes Kapitel. Von Anfang an gab es Streit. 2014 wäre ihr Vertrag fast nicht verlängert worden. Sie musste akzeptieren, nicht mehr allein an der Spitze zu stehen. Seitdem gab es mit Andreas Rüttenauer einen zweiten Chefredakteur. Erst kürzlich sagte er über diese Zeit: „Das Haus war aufgewühlt“. Die inhaltliche Leere beklagte die Redaktion weiterhin, mit der Führungssituation hatte sie sich aber zu arrangieren gelernt. Hin und wieder war zu hören, Pohl sei auf Jobsuche. Die Überraschung am Freitag war dennoch groß.

Zur „taz“ kam Pohl im Juli 2009 von der als konservativ geltenden „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen“. Angesprochen worden war sie von Ulrike Herrmann, seinerzeit im „taz“-Vorstand und inzwischen bekannt als Griechenland-Expertin. Kaum war Pohls Wechsel offiziell, kam es zum ersten Konflikt. In einem Interview hatte Pohl gesagt, die „taz“ müsse wieder linker und frecher werden. Außerdem sehe sie ihren Arbeitsplatz in der Redaktion statt auf öffentlichen Bühnen. Vorgängerin Bascha Mika würdigte Pohl daraufhin bei ihrem Ausstand keines Blickes. Später sah sich Pohl immer wieder mit Kritik an ihrem Führungsstil konfrontiert. Mal hatte sie sich öffentlich vom Artikel eines Redakteurs distanziert, mal einen anderen online löschen lassen.

Zum US-Wahlkampf in den USA

Es folgten weitere Fälle, bei denen sich Autoren an den Pranger gestellt und die Redaktion diskreditiert sah. In ihrer Rede am Freitag sagte Pohl: Sie sei für Beiträge von Kollegen heftig beschimpft worden. Interner Kritik habe sie versucht, mit wachem Verstand, hohem Einsatz und großem Herzen zu begegnen. Von November an, pünktlich zum beginnenden US-Wahlkampf, wird die 48-Jährige von Washington aus für den Auslandssender Deutsche Welle arbeiten. Ihr Vertrag ist auf drei Jahre befristet. Die USA hat Pohl als Stipendiatin der Nieman Foundation in Harvard für sich entdeckt. Damals lernte sie ihre heutige Frau kennen, eine Journalistin der „Washington Post“. Bei der Deutschen Welle wird die ehemalige „taz“-Chefin keine Leitungsfunktion haben.

In Pohls Zeit bei der „taz“ fallen die Neugestaltung der Wochenendausgabe und der Start eines freiwilligen Online-Bezahlmodells. Gerade wird ein neues Redaktionssystem eingeführt, mit dem Online und Print aus einer Hand bedient werden kann. Aktuell verkauft die von derzeit 15 200 Genossen finanzierte „taz“ 54.700 Exemplare, davon 12.000 als E-Paper. Derzeit größtes Projekt ist der Bau eines Hauses für Verlag und Redaktion. Künftig will sich die „taz“ auch aus Mieteinnahmen des bisherigen Rudi-Dutschke-Hauses finanzieren.

Von Ulrike Simon

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