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Moskau will litauische Journalisten kaufen

Bestechung von Chefredakteuren Moskau will litauische Journalisten kaufen

Diplomaten mit Geldkoffern: Litauen wirft dem Kreml Bestechung von heimischen Chefredakteuren vor. Dabei sei es darum gegangen, die jeweilige Berichterstattung insbesondere über die Ukraine-Krise prorussisch zu beeinflussen.

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Russische Diplomaten sollen litauische Chefredakteure für eine pro-russische Berichterstattung, besonders im Hinblick auf die Ukraine-Krise, bestochen haben.

Quelle: dpa

Vilnius/Berlin . Die Spannungen zwischen Russland und Litauen nehmen immer weiter zu. Litauens Außenminister Linas Linkevicius sagte dieser Zeitung, russische Diplomaten hätten mindestens zweimal versucht, Chefredakteure einflussreicher litauischer Tageszeitungen zu bestechen. Dabei sei es darum gegangen, die jeweilige Berichterstattung insbesondere über die Ukraine-Krise prorussisch zu beeinflussen. Linkevicius sprach von „anmaßendem Druck“ des Kremls auf die Arbeit von unabhängigen Journalisten. Litauens Regierung verurteile diese Versuche aufs Schärfste.

Gintaras Radauskas, Chefredakteur der größten litauischen Tageszeitung „Lietuvos Rytas“, bestätigte dieser Zeitung, zwei unscheinbar gekleidete russische Diplomaten hätten ihn in seiner Redaktion in der litauischen Hauptstadt Vilnius aufgesucht. Nach Vorlage ihrer Diplomaten-Ausweise hätten sie ihm einen mittleren vierstelligen Betrag in Euro angeboten. Das Bargeld hätten sie in einem Koffer gleich mitgebracht und ihm gezeigt. Voraussetzung: Radauskas hätte sich verpflichten müssen, künftig prorussische Kommentare und Artikel zu veröffentlichen und Berichte antiwestlich einzufärben. „Ich habe dankend abgelehnt und den beiden Herren die Tür gewiesen“, erklärte der litauische Journalist.

Ein ähnlicher Fall trug sich offenbar in der vergangenen Woche rund 30 Kilometer vor der Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad in Taurage zu. Auch dort unternahmen laut Linkevicius zwei russische Diplomaten den Versuch, die Chefredakteurin der regionalen Tageszeitung „Taurages Kurjeris“ durch Zahlung mehrerer Tausend Euro zu kremlfreundlichen Berichten zu motivieren. Kamille Ramanauskiene meldete den Vorfall umgehend dem Außenministerium in Vilnius.

Die litauische Regierung erklärte zwar, keine weiteren Fälle zu kennen. Man gehe jedoch davon aus, dass Russland nicht locker lassen werde und weiterhin auf vielen Wegen versuchen werde, die öffentliche Meinung in Litauen zu manipulieren. Die ehemalige Sowjet-Republik Litauen ist seit 2004 Mitglied von Nato und EU. Beide Seiten haben sich seit Ausbruch der Ukraine-Krise mit harten Wirtschaftssanktionen belegt, unter denen nicht zuletzt die Grenzregion zwischen Litauen und Russland leidet. Litauens Präsidentin Dalia Grybauskaite gilt ebenso wie ihr Außenminister als Verfechterin einer harten Linie gegenüber Moskau.

Linkevicius erklärte, die „subtile Einflussnahme“ Russlands, die „hybride Kriegsführung“, weite sich aus. Der Minister zählte dazu nicht nur Korruptionsversuche gegen litauische Journalisten, sondern auch einseitige Propaganda in russischen Medien sowie Hackerangriffe auf sensible litauische Einrichtungen wie Energieversorgungsunternehmen.

Den staatlichen russischen Nachrichtensender „Russia Today“ (RT) nannte Linkevicius in Anspielung auf eine die Sowjetunion verherrlichende Berichterstattung „Russia Yesterday“. Der deutsche RT-Ableger „RT Deutsch“ versteht sich selbst als „alternative Informationsquelle abseits des Mainstreams“ sowie als „Gegenöffentlichkeit“ und will der angeblichen Einseitigkeit westlicher Medien entgegentreten. Linkevicius warf Putin vor, ein „Meister jener Propaganda zu sein, die das Faktische leugnet und an deren Stelle eine alternative Wahrheit setzt“.

Wie auch Lettland und Estland, ist Litauen seit Anfang der Neunzigerjahre unabhängig. Die Baltikumstaaten sind nach der Krim-Annexion in Sorge, dass Moskau deren Unabhängigkeit von Russland in Zweifel zieht.

Auch das Internet wird zunehmend zum Schauplatz im Kampf um die Meinungshoheit zwischen Russland und dem Westen. In einer Agentur in St. Petersburg verfassen zu Kremltreue verpflichtete Mitarbeiter rund um die Uhr prorussische Postings für soziale Netzwerke wie Twitter, Facebook und dessen russische Variante Vkontakte. Die russische Regierung bezahlt in dieser „Trollfabrik“ Hunderte Blogger, die im Internet linientreue Kommentare veröffentlichen und Stimmung gegen den Westen verbreiten. Die russische Aktivistin Ludmilla Sawtschuk ließ sich dort für einige Wochen undercover einschleusen. Sie habe pro Tag mindestens 15 Beiträge schreiben und hochladen müssen. Die Texte würden vor ihrem Erscheinen von offizieller Seite genau überprüft und von Inhalten befreit, die Russland und Präsident Wladimir Putin in ein unfreundliches Licht rücken könnten.

Von Jörg Köpke

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