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Medien Neues Deutschland-Bild in der „Jewish Voice from Germany“
Nachrichten Medien Neues Deutschland-Bild in der „Jewish Voice from Germany“
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20:21 09.01.2012
Von Daniel Alexander Schacht
Berlin

„Ich habe einen Traum“, sagt Rafael Seligmann. „Er handelt von der Wiedergeburt deutsch-jüdischen Lebens.“ Mit seiner Wortwahl gibt sich der Schriftsteller durchaus bescheiden. Denn diese Wiedergeburt ist nicht nur ein Traum. Juden leben in Deutschland nicht mehr „auf gepackten Koffern“, sie verstehen sich mit neuer Selbstverständlichkeit als jüdische Deutsche, und sie treten in diesem Selbstverständnis auch öffentlich hervor.

Mit seinem jüngsten Projekt bietet Seligmann selbst ein Beispiel dafür, dass deutsche Juden diese Rolle auch international mit neuem Selbstbewusstsein zu spielen bereit sind: Der umtriebige Publizist ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur einer Zeitung, deren Titel dafür Programm ist: „Jewish Voice from Germany“ heißt die vor allem ans englischsprachige Ausland adressierte Vierteljahresschrift, die erste Ausgabe dieser „Jüdischen Stimme aus Deutschland“ präsentiert er heute mit Außenminister Guido Westerwelle in Berlin. „Wir wollen zeigen, dass Deutsche nicht nur gute Autos bauen, sondern auch eine integrative und offene Gesellschaft aufgebaut haben, in der Minderheiten Freiheit genießen“, sagt Seligmann. „Das gilt nicht nur für Juden – doch deren Lage ist stets Seismograf freiheitlicher Standards.“

Aber Seligmann ist kein Träumer. Einerseits ist er zur Improvisation bereit: Für die sechsköpfige Redaktion der neuen Zeitung funktioniert er einfach die Tischtennisplatte in der Bibliothek seiner Wilmersdorfer Wohnung zum Konferenztisch um. Andererseits will er bei seinen publizistischen Ansprüchen kompromisslos bleiben: Er hat Autoren wie den früheren Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye, den einstigen Deutsche-Bank-Kommunikationschef Siegfried Guterman oder auch den israelischen Historiker Moshe Zimmermann gewonnen. Er finanziert die Zeitung durch eine eigens gegründete GmbH und aus Anzeigen. „Ich habe keine Mäzene und ich habe auch keine Freunde, die Geerkens oder Maschmeyer heißen“, sagt Seligmann. „Aber integere und zuverlässige Freunde habe ich durchaus.“ Im Beirat sitzen neben dem früheren Dresdner-Bank-Vorstand Joachim von Harbou, dem einstigen Bertelsmann-Chef Gerd Schulte-Hillen oder Israels früherem Botschafter Avi Primor auch Parteivertreter wie SPD-Chef Sigmar Gabriel, die Christdemokratin Hildegard Müller oder der Liberale Christian Lindner.

Die „Voice“ geht mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren an den Start. Sie wird an Bahnhofskiosken und Flughäfen verkauft. Sie wird gezielt an alle Parlamentarier des Bundestages, der israelischen Knesset und des US-Kongresses verteilt. Und sie geht an jüdische Gemeinden in den USA, Kanada, Südafrika und Israel. „Die Hälfte der Auflage ist für Nordamerika, ein Viertel bleibt in Deutschland, ein Viertel wandert in den Rest der Welt“, sagt Seligmann.

Diese „Jüdische Stimme“ wird also wahrgenommen werden. Umso wichtiger ist ihre Unabhängigkeit, und dafür ist der Freigeist Seligmann kein schlechter Garant: Er wurde 1947 in Tel Aviv geboren, ist als Kind nach Deutschland gekommen, versteht sich als jüdischer Deutscher statt als „Jude in Deutschland“. Schon in den achtziger Jahren hat er hier „mehr Normalität“ zwischen Juden und Nichtjuden gefordert. „Der Holocaust darf das Verhältnis nicht allein prägen“, sagt er. „Es geht keineswegs um Leugnung oder Verdrängung, aber die Gegenwart darf nicht von der Vergangenheit überwölbt werden – stattdessen sollten wir uns im Wissen um sie für eine tolerantere Zukunft engagieren.“

Für Seligmann ist es selbstverständlich, dass dazu ein neues, deutsch-jüdisches Geistesleben gehört. Aber ist auch das schon mehr als ein Traum? Immerhin gab es vor 1933 etwa 500.000 jüdische Deutsche, darunter viele Intellektuelle, Forscher und Selbstständige. 1910 hatten 20 Prozent der Hochschullehrer in Deutschland jüdische Wurzeln – bei einem jüdischen Bevölkerungsanteil von unter zwei Prozent. Doch hatte 1945 nicht der einstige Berliner Rabbiner Leo Baeck nach seiner Befreiung aus dem KZ die deutsch-jüdische Symbiose eine  „Illusion“ genannt („Die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für alle Mal vorbei.“)? Seligmann widerspricht Baecks bitteren Worten. „Man muss sie aus der historischen Situation verstehen, sie enthalten keine übergeschichtliche Wahrheit“, sagt er. „Denn sonst hätte Hitler mit seinem Plan gesiegt, das Judentum auszurotten – diesen Triumph sollte man den Nazis nicht gönnen.“

Dabei räumt Seligmann ein, dass das heutige Judentum in Deutschland „nur noch ein Schatten seiner einstigen Größe“ sei. Er weiß, dass nur wenige der gut 100.000 Juden in Deutschland heute direkte familiäre Verbindungen zum deutschen Judentum vor 1933 haben und die meisten erst aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert sind. „Aber schauen Sie sich mal deren Kinder an“, hält er dagegen und weist darauf hin, dass allein in Berlin rund 30.000 Menschen mit jüdischen Wurzeln leben, darunter 13.000 Israelis. „Da gibt es keine Sprachprobleme, da gibt es ein großes Interesse an der einst so stark vom Judentum geprägten deutschen Kulturgeschichte, da gibt es eine neue künstlerische und wissenschaftliche Produktivität – auch deren Stimmen wollen wir mit der ,Voice‘ international Gehör verschaffen.“

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