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12:27 09.02.2017
„Das Beste, was der freien Presse in jüngster Zeit passiert ist“: Zeitungsauflagen steigen, Online-Abonnements boomen. Quelle: Getty
Hannover

Was täte Donald Trump bloß ohne sein emotionales Überdruckventil Twitter? Bei der „New York Times“, so tippte er vor Wochen in Rage, arbeiteten „Verrückte“, das Blatt verliere „Tausende Abonnenten“ wegen seiner „armseligen und falschen Berichterstattung“, im Übrigen könne die Zeitung ohnehin bald dichtmachen. Die Antwort kam prompt, und sie fiel trocken aus: „Well – wohl eher nicht, Mr. President“, hüstelte „Times“-Vorstandschef Mark Thompson kurz und genüsslich in einem Interview. Im Gegenteil: In der Woche nach der Präsidentschaftswahl gewann die „NYT“ 41.000 neue Print- und Online-Kunden dazu – viermal mehr als in einer normalen Woche. Im gesamten vierten Quartal 2016 kamen allein knapp 300.000 Digital-Abonnenten hinzu. Es sind die besten Zuwachsraten für das ehrwürdige Blatt seit Einführung der Paywall im Jahr 2011.

Das ist auch der Wall Street nicht entgangen: Der Aktienkurs des „NYT“-Mutterkonzerns stieg seit der Wahl um 30 Prozent auf zuletzt 14,55 US-Dollar, während der Dow Jones nur um etwa die Hälfte zulegte. Insgesamt kommt Trumps favorisiertes mediales Hassobjekt nun auf 2,6 Millionen zahlende Kunden, 1,8 Millionen davon kaufen die Printausgabe.

„Hungriger denn je nach echten Fakten“

Und es ist nicht nur die „Times“. Überall in den USA erleben die großen Qualitätstitel einen überraschenden Zuwachs bei Printauflagen und Online-Abos. Steigendes Interesse in Wahljahren und bei außergewöhnlichen Nachrichtenlagen ist üblich. Der aktuelle Boom aber geht weit darüber hinaus – beflügelt von der Debatte um falsche Nachrichten und den Drohungen des Präsidenten und seiner Berater gegen die Medien. „Die Menschen sind hungriger denn je nach echten Fakten“, sagte Thompson. Beispiele:

In den drei Tagen nach der Wahl verzeichnete „The New Yorker“ 10.000 neue Abonnenten – Rekord.

Am Tag nach der Wahl schlossen 300 Prozent mehr Menschen ein Abo der „Washington Post“ ab als sonst.

Die Zahl der Online-Abonnenten der „Los Angeles Times“ legte in der Nachwahlwoche um 61 Prozent gegenüber der Vorjahreswoche zu.

Die Kioskverkäufe des Magazins „The Atlantic“ stiegen im Jahr 2016 um 14 Prozent, die Zahl der neu abgeschlossenen Printabos nach der Wahl gar um 160 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

„Mother Jones“, eines der erfolgreichsten linksliberalen US-Magazine, erhält derzeit etwa zehnmal mehr Spenden als üblich.

Die US-Ausgabe des „Guardian“ verzeichnete am Wahltag die höchste Zahl von Neukunden an einem einzelnen Tag – 25-mal mehr als üblich.

Die Werbeerlöse des Nachrichtensenders CNN lagen 2016 dank der Wahl rund 100 Millionen Dollar über dem Vorjahresergebnis.

Gerade jetzt braucht die Welt unabhängigen Journalismus

„Nie hat die Welt unabhängigen Journalismus dringender gebraucht als jetzt“, schrieb Lee Glendinning, US-Redakteurin des „Guardian“, in einer Werbe-E-Mail. Niemand außer der freien Presse könne Trump kontrollieren und zur Rechenschaft ziehen. Es scheint, als teilten viele Amerikaner Glendinnings Ansicht. Der „500 Media“-Börsenindex von Standard & Poor’s stieg seit der Wahl um 3,7 Prozent – Frühlingsgefühle in der Branche. „Es zahlt sich aus, echte Nachrichten zu drucken in Zeiten, in denen es so viele Fake News gibt“, sagt auch „NYT“-Chefredakteur Dean Baquet. In den kommenden Jahren will das Blatt 5 Millionen Dollar in die Verstärkung der Berichterstattung aus Washington stecken – in Personal, Technik, Büros.

Nach Jahren schwindenden Vertrauens in die heftig gescholtenen „Mainstream-Medien“, nach erodierenden Auflagen, einbrechenden Werbeerlösen, massenhaften Stellenstreichungen und einer tiefen Identitätskrise schlägt der Medienwelt eine ungewohnte Sympathiewelle entgegen. Das Bewusstsein für den Wert sauberen Journalismus scheint wieder zu wachsen. Offenbar ist in Zeiten, in denen die universale Gültigkeit von Fakten zur Disposition steht, in denen der gesellschaftliche Konsens über die Bedeutung allgemeiner Gewissheiten aufweicht, das Bedürfnis groß nach Instanzen, die sich der Wahrheit zumindest verpflichtet fühlen, auch wenn sie objektiv kaum jemals zu erreichen ist. Und so hat Trump, so haben seine Anhänger, die Journalisten ausbuhten und angriffen, exakt das Gegenteil erreicht: eine Renaissance des klassischen Journalismus als vierter Gewalt zwischen Wählern und Legislative, als Korrektiv der Politik, die dem twitternden Präsidenten unaufgeregt und präzise Kontra gibt.

Promis werben: „Abonniert ein echtes journalistisches Medium“

Unter liberalen Amerikanern wirkte der Neuabschluss eines Zeitungsabonnements zwischenzeitlich fast wie ein cooler Akt popkulturellen Widerstands. US-Prominente wie Schauspieler Ben Stiller warben für die Unterstützung kritischen Journalismus: „Fakten sind Fakten“, twitterte er. „Objektive Wahrheiten gelten für alle. Abonniert ein echtes journalistisches Medium.“ Der prominente NBA-Basketballcoach Steve Kerr sagte: „Ich habe die ,Washington Post’ abonniert, weil Fakten wichtig sind.“ TV-Moderator John Oliver („Last Week Tonight“) rief in seiner HBO-Show zur Unterstützung gemeinnütziger Medienhäuser wie Propublica auf. Er traf einen Nerv. Ergebnis: Deren Server ging fast in die Knie.

Der „Trump Bump“ (Schwung) ist keine Trendwende. Er kann die Verluste nicht ausgleichen – auch die Werbeerlöse der „New York Times“ sind weiterhin rückläufig. Das fast trotzige Bekenntnis zu den Traditionsmedien aber ist ein Hoffnungsschimmer für eine Branche, die zuletzt vierfach litt: unter Trumps Attacken, unter den wirtschaftlichen Härten des Medienwandels, unter dem schlechten Gewissen, dem Trump-Spektakel aus Quotengründen massiv Platz eingeräumt zu haben, und unter dem diffusen Gefühl, den Kontakt zu weiten Teilen der US-Bevölkerung im Binnenland verloren zu haben.

Die freie Presse gewinnt wieder an Gewicht

Plötzlich gewinnt eine Institution wieder an Gewicht, die um ihre Legitimation zuletzt hart kämpfen musste: die freie Presse. Eine solche Rückbesinnung auf totgesagte Instanzen ist typisch für Krisenzeiten. Der Wahlkampf „könnte das Beste gewesen sein, was der freien Presse in jüngster Zeit passiert ist“, sagt Gene Policinski vom Newseum Institute in Washington. „Nicht so sehr, was langfristige Auflagen und Quoten angeht – sondern weil er trotz aller lautstarken Vorwürfe von Parteilichkeit die Menschen daran erinnert hat, welchen grundsätzlichen Wert freie, auf Fakten basierende Medien haben.“ Und weil er die Presse zwang, sich auf ihre eigentlichen Aufgaben zu besinnen.

Von RND/Imre Grimm

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