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Rauchende Colts zwischen „Bild“ und „Spiegel“

Gekauftes WM-Sommermärchen? Rauchende Colts zwischen „Bild“ und „Spiegel“

Es gibt einen ersten Talkshow-Eklat, viele böse Tweets und handfeste Männerfreundschaften: Der Skandal um das angeblich gekaufte WM-Sommermärchen schürt einen alten Medienkonflikt neu, wie Imre Grimm beobachtet hat.

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In dieser Affäre machen weder der „Spiegel“ noch die "Bild" eine gute Figur.

Quelle: Screenshot RND

Hamburg/Berlin. Es ist und bleibt eine bemerkenswerte Indizienkette, die der „Spiegel“ da aufgedeckt hat. Eine schwarze Kasse beim DFB. 6,7 Millionen Euro vom Adidas-Chef mit bisher unbekanntem Zweck. Eine handschriftliche Notiz. Verräterische Zettel.

Dazu Hörensagen, Gerüchte, Hinweise, Zufälle. Die fünfköpfige „Spiegel“-Mannschaft mit dem freien Sportjournalisten Jens Weinreich (50) pokert hoch – ihre Schlussfolgerung auf elf Seiten ist steil: Die WM 2006 war gekauft. Die Story krankt freilich an einem entscheidenden Punkt: Es fehlen die Beweise.

Und wer wäre der Springer-Verlag, wenn er diese offene Flanke der Konkurrenz nicht für eigene Interessen nutzen würde? Die „Bild“-Redaktion – nicht erst seit der „Spiegel“-Titelgeschichte „Die Brandstifter“ von 2011 in herzlicher Feindschaft mit den Hamburgern verbunden – hat sich in Sachen DFB-Skandal zum obersten Anstandswächter und journalistischen Tugendbeauftragten erhoben. Und weist unermüdlich auf die Lücken hin, die der vermeintliche Scoop lässt.

Alter Kampf um Deutungshoheit

Damit ist ein Klassiker unter den deutschen Medienkonflikten neu entbrannt: „Spiegel“ gegen Springer, geboren im Feuer der Studentenunruhen Anfang der Sechzigerjahre. Es ist der alte Kampf um die Deutungshoheit zwischen zwei Schlachtschiffen, die zuletzt Macht und Einfluss einbüßten.

DFB-Chef Wolfgang Niersbach  hat den Medienanwalt Christian Schertz beauftragt, die „Spiegel“-Story presserechtlich zu prüfen. Und es gehört zu den Kernkompetenzen jedes Medienanwalts, als Erstes die Glaubwürdigkeit des Gegners infrage zu stellen. Das tat Schertz am Sonntagabend ausführlich in der Talkshow „Sky90“ am Telefon.

Der „Spiegel“ habe sich „vergaloppiert“, zürnte er. Er habe „noch nie eine Geschichte erlebt, die so groß verkauft wurde von einem Verlag, wo dann im Artikel selber steht, für die Kernbehauptung haben wir keinen Beweis“.

"Haben Sie schon mal recherchiert?"

Ebenfalls am Telefon in der Sendung: Jens Weinreich. Der fühlte sich von der Teilnahme von Schertz so überrumpelt, dass er ungeschickt und dünnhäutig reagierte. Ihm sei von der Sky-Redaktion nicht gesagt worden, dass „der Honorarprofessor vor mir spricht und seine Ergüsse loslässt“, klagte er und witterte Mauschelei unter Kumpeln: „Das finde ich schon ein bisschen merkwürdig vom Beckenbauer-Sky.“

Weinreich geriet heftig mit Moderator Patrick Wasserziehr aneinander, der die durchaus legitime Frage gestellt hatte, ob sich der „Spiegel“ mit der Geschichte „zu weit aus dem Fenster gelehnt habe“. Weinreich wurde pampig, sprach von „Nebelkerzen“ und fragte gallig: „Ich weiß nicht, ob Sie schon mal recherchiert haben!?“

Sein wichtigstes Ziel hat Schertz also erreicht: Das amüsierte Publikum zerreißt sich das Maul über den Eklat. Und die weiterhin brisante Frage, was genau mit den 6,7 Millionen Euro geschah, gerät in den Hintergrund.

Zwei Männer mit gemeinsamer Vorgeschichte

Warum dieser Ausbruch, mit dem Weinreich seiner Enthüllung einen Bärendienst erwies? Sicher ist: Der unbequeme Journalist – bis 2008 Sportchef der „Berliner Zeitung“ und Gewinner des Grimme Online Awards 2009 – und der Anwalt haben eine gemeinsame Vorgeschichte. In einem Kommentar unter einem Blogbeitrag hatte Weinreich vor Jahren den früheren DFB-Chef Theo Zwanziger als „unglaublichen Demagogen“ bezeichnet.

Dessen Anwalt damals: Schertz. Der übte heftigen Druck aus, der für Weinreich existenzbedrohend zu werden drohte, bis es zum Vergleich kam. Inzwischen versteht man sich wieder. Zwanziger ist mit Niersbach tief verfeindet und hätte jedes Motiv, ihm publizistisch zu schaden.

Eine Platzpatrone wie die Hitler-Tagebücher?

Die Gemengelage ist also komplex: auf der einen Seite der „Spiegel“ und Weinreich, der seit Jahren als Laus im Pelz des DFB sitzt, auf der anderen Seite das deutsche Fußball-Establishment hinter der „Bild“-Phalanx, die Zwanziger auf einem Rachefeldzug wähnt und selbstverständlich um die Leuchtkraft ihrer Helden Beckenbauer und Niersbach fürchtet, zu denen – aus nachvollziehbaren kommerziellen Gründen – niemand eine solche Nähe pflegt wie „Bild“.

Als was wird sich die „Spiegel“-Story erweisen? Als sportpolitische Sensation? Als journalistische Platzpatrone, die für den „Spiegel“ werden könnte, was die Hitler-Tagebücher für den „Stern“ waren? Beim „Spiegel“ hat man sich gestern eine Interviewpause verordnet. „Bild“ dagegen stänkert.

„Sportbild“-Chefreporter Alfred Draxler sagte im „Doppelpass“: „Was der ,Spiegel‘ da gerade treibt, das geht überhaupt nicht“, verpetzte Weinreich per Twitter bei „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer („Ist das eigentlich alles in deinem Sinne?“) und verschickte Tweets, in denen Weinreich als „einer der größten Spinner überhaupt“ und „arme Wurst“ bezeichnet wird.

"Franz wehrt sich"

„Bild“ selbst barmt, es liege „ein dunkler Schatten über unserem Sommermärchen“, und ließ Franz Beckenbauer gestern großflächig dementieren („Franz wehrt sich“). Das wirkt, als gönne man dem „Spiegel“ nicht mal einen halben Scoop und fürchte um den einträglichen Frieden mit den mächtigen Sport-Kumpeln.

Tatsächlich macht niemand eine gute Figur in dieser Affäre. Der „Spiegel“ nicht, in dessen Story mehr Fragezeichen hätten auftauchen müssen. Und „Bild“ nicht, wo man sich fragen lassen muss, ob eine saubere Recherche zum Verbleib des Geldes nicht sinnvoller wäre als Sticheleien gegen Weinreich. Der erleidet in dem Drama das klassische Schicksal der Antike: die Hinrichtung des Boten, der die schlechte Nachricht überbringt.

Wenn es denn eine ist.

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