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Medien Revolverhelden mit Gaunerehre – lohnt sich der „Tatort“ aus Wien?
Nachrichten Medien Revolverhelden mit Gaunerehre – lohnt sich der „Tatort“ aus Wien?
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16:29 14.10.2018
Was ist denn hier passiert? Die Wiener Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer, l.), Bibi Fellner (Adele Neuhauser, M.) und Thomas Stipsits (r.) stehen am Fundort einer verkohlten Leiche vor einem Rätsel. Quelle: Foto: Hubert Mican/ARD
Wien

Wilde Revolverhelden, kernige Macker und coole Sprüche – es gibt sie noch: die echten Ganoven. Zumindest in dem von Barbara Eder inszenierten Wiener „Tatort: Her mit der Marie!“ (Drehbuch: Stefan Hafner, Thomas Weingartner). Der Film kommt nämlich wunderbar altmodisch daher und beschwört eine Zeit, die es so schon lange nicht mehr gibt (und vielleicht so auch nie gegeben hat). Auch der erzählte Fall, in dem es um verletzte Gaunerehre, alte Freundschaften und gebrochenes Vertrauen geht, wirkt wie von gestern. Passend dazu ist das Geschehen von einer melancholischen Musik untermalt, die von der österreichischen Band S.T.S. und dem Liedermacher mit dem hübschen Namen Voodoo Jürgens stammt. Letzterer ist im Film übrigens auch als Kleinganove zu sehen.

Dennoch gibt es zwei recht große Wermutstropfen, die die Freude an diesem Fall ein wenig trüben. Zum einen werden viele Dialoge in einem Dialekt gesprochen, den Zuschauer nördlich des Weißwurstäquators kaum verstehen. Und zum anderen mangelt es der Geschichte recht gewaltig an Spannung.

„E-Zigarette? Bist Veganer?“

Los geht’s jedoch mit einer rasanten Autofahrt. Zwei Bilderbuch-Strizzis rasen irgendwo in der Provinz bei Wien zwischen Kornfeldern entlang und quatschen dabei herrlich dummes Zeug. So muss sich beispielsweise der Beifahrer, als er beginnt, eine E-Zigarette zu paffen, die unglaubliche Beleidigung anhören: „Bist Veganer?“ Und dann werden diese beiden Typen abrupt von einem maskierten Mann gestoppt. Es kommt zu einem Handgemenge, und plötzlich ist einer der Autoinsassen tot – von einer Kugel getroffen. Ob mit Absicht, per Zufall oder aus Versehen wird allerdings nicht gezeigt und erst am Ende des Films geklärt. Der so unvermittelt aufgetauchte Räuber verschwindet derweil mit einer Tasche voller Geld, das die zwei Strizzis transportiert haben. Während der Tote schließlich im Wald verbrannt wird. Zuvor sind ihm noch die Zähne ausgeschlagen worden, damit er nicht am Gebiss identifiziert werden kann. Wenige Tage später wird der Leichnam gefunden.

Die ermittelnden Beamten Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) stehen vor einem Rätsel. In mühevoller Kleinarbeit stellt sich dann heraus, dass der unbekannte Tote offenbar ein Geldbote des alternden Großkriminellen Dokta (Erwin Steinhausner) gewesen ist.

Die Spannung fehlt – aber der Spaß stimmt

Aber wer wagt es schon, sich mit dem anzulegen? Genau das will natürlich auch der Dokta wissen, der seine Handlanger losschickt, den Mörder und das verschwundene Geld – die Marie – zu suchen. Bei dieser Jagd spielen vor allem zwei schmierige Typen eine entscheidende Rolle: der dümmlich verschlagene Pico (Christopher Schärf), der hofft, bald die Nachfolge vom Dokta anzutreten. Und der gerissene Altganove Jukic (Johannes Krisch). Und bei alldem mischt auch endlich mal wieder in einer größeren Rolle Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz) mit. Er ist nämlich in der Nähe des Tatorts von einer Überwachungskamera fotografiert worden, was Bibi – die mit Inkasso-Heinzi schon lange befreundet ist – ihrem Kollegen Eisner verschweigt. Ein Vertrauensbruch, den er ihr richtig übel nimmt.

Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ermittlern und ihre gut eingespielten Neckereien machen beim Zuschauen auch diesmal wieder sehr viel Spaß und lassen ein wenig die mangelnde Spannung vergessen. Auch die bewusste Überzeichnung der Figuren – vom Kommissar über den Polizei-Hiwi bis zum Obergangster – ist ein weiterer Pluspunkt. Zudem gibt es mehrere kleine Szenen, die umwerfend komisch sind – beispielsweise, wenn beim Verhör der Dokta mitgebrachte gekochte Eier ordentlich pellt und den ausgehungerten Kommissaren, die das wortlos beobachten, dabei offenbar das Wasser im Munde zusammenläuft.

Und dann sind da die tollen Auftritte von Simon Schwarz als Inkasso-Heinzi. Sie lohnen allein schon das Anschauen dieses altmodischen Wiener Krimis, der fast ohne Gewalt auskommt. Und der in den kommenden Folgen wohl leider auch ohne Inkasso-Heinzi auskommen muss.

Von Ernst Corinth

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