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Rüffel für den SPD-Shootingstar Manuela Schwesig

PR-Texte untergejubelt Rüffel für den SPD-Shootingstar Manuela Schwesig

Rüffel für den Shootingstar: SPD-Hoffnungsträgerin Manuela Schwesig, Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern, hat sich mit dem Versuch blamiert, unabhängigen Zeitungen vorgefertigte PR-Texte unterzujubeln.

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Manuela Schwesig, SPD-Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern.

Quelle: dpa

Man kann nicht behaupten, dass Manuela Schwesig eine Amateurin wäre in Sachen Eigen-PR. Für den Sommerkatalog des Kinderhilfswerks „Plan“ posierte sie jüngst mit handgemachter Tasche und Schal aus laotischer Bioseide. Sie stemmt Maßkrüge wie ein Kerl, lässt sich auch mal spaßeshalber ein paar Meter im Rollstuhl probeschieben – als ob das ein Vergnügen wäre –, und auf einer Messe in Rostock posierte sie Ende Mai mit einem Spezialluftgewehr, mit dem sie aussah wie die Sarah Palin von Mecklenburg-Vorpommern.

Was ihre nicht ganz so blonden, nicht ganz so attraktiven Gegner knurrend „PR-Gags einer Küsten-Barbie“ nennen, sind für Schwesig „Praxistage“. Vielleicht will sie sich selbst damit daran erinnern, dass sie nicht nur SPD-Maskottchen ist, nicht nur „Manuela Schwesig, Hoffnungsträgerin“, sondern nebenbei auch Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern. Ihre Partei macht es ihr aber auch leicht: Man muss einfach auffallen als blonde 37-Jährige in einer SPD voller Gebrauchssozialdemokraten.

Umso erstaunlicher der Fauxpas, der der Selbstvermarkterin (und stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden) jetzt unterlaufen ist: In einem Brief bot Schwesig den Redaktionschefs der „Schweriner Volkszeitung“ (SVZ), des „Nordkuriers“ und der „Ostsee-Zeitung“ (OZ) – die wie die HAZ in der Verlagsgesellschaft Madsack erscheint –, fertige Texte zum Abdruck an, die eine PR-Agentur im Auftrag ihres Ministeriums erstellt hatte. Der Brief zeichnete sich durch einen Befehlston aus, der Zweifel daran weckt, ob der Systemwechsel in Schwesigs Ministerium wirklich stattgefunden hat: „Wir haben uns überlegt, einen mehrteiligen Ratgeber ,Kinderschutz-Abc‘ in den führenden Regionalzeitungen zu veröffentlichen“, schrieb Schwesig laut „Spiegel“. „Wünschenswert wäre es, wenn die Artikel über einen Zeitraum von ca. sechs Monaten (ggf. vierzehntägig) erscheinen würden.“

Die Chefredakteure lehnten postwendend ab – und erteilten der politischen Nachwuchskraft eine kostenlose Lehrstunde in Sachen Pressefreiheit: „Wir sind kein Verlautbarungsorgan des Sozialministeriums“, stellte SVZ-Chefredakteur Dieter Schulz klar. OZ-Chefredakteur Jan Emendörfer schrieb an Schwesig: „Wir halten es für sinnvoller, selber entsprechende Themen zu beackern. Mit dem Abdruck einer in einem Ministerium erdachten und produzierten Artikelserie kommen wir mit unserem Credo ,unabhängig und überparteilich‘ ins Schlingern.“ Im Übrigen seien „solche aus ,Zeit und Raum‘ herausgelösten konstruierten Fallgeschichten, wie sie uns Ihr Haus als Beispiel geschickt hat, für den Leser nicht authentisch und deshalb journalistisch gesehen auch nicht sehr originell“.

Ministeriumssprecher Rüdiger Ewald sagte am Montag, der Brief sei „ein offenes Angebot an die Presse“ gewesen. Doch die Sache ist noch nicht ausgestanden. Denn erstens sind in Mecklenburg-Vorpommern am 4. September Landtagswahlen. Eine 25-teilige Artikelserie im Vorfeld hätte dem schwesigschen PR-Team zweifellos gefallen. Und zweitens verstärkt der Fall lange gärenden Unmut über die Schwerpunktsetzung der Ministerin. Sie liebe das Posieren vor Kameras, die Eigendarstellung, und vernachlässige die politische Alltagsarbeit, schimpft die Opposition. Kritik kommt sogar vom Koalitionspartner CDU – etwa, als sich Schwesig in voller Montur von einem Rettungshubschrauber aus dem Greifswalder Bodden retten lassen wollte (was man ihr in letzter Minute ausredete). Schwesigs Entourage dagegen weist gern darauf hin, dass das Posieren vor Kameras eben zum Tagesgeschäft gehöre. Unterm Strich jedoch verfestigt sich der Eindruck, Schwesig könnte zur Silvana Koch-Mehrin der SPD werden.

Sie hätte es besser wissen können. Die „Kinder-Abc“-Affäre erinnert stark an die „Mediencharta“ ihrer niedersächsischen CDU-Amtskollegin Aygül Özkan (39). Mit der Unterzeichnung des Papiers im Juli 2010 in Hannover sollten sich Journalisten nach dem Willen der frisch inthronisierten Ministerin zu einer „kultursensiblen“ Sprache und der „nachhaltigen Unterstützung“ des Integrationsprozesses bekennen. Die Folge: Ein Aufschrei. Pressefreiheit! Zensur! Dieser Nerv ist empfindlich bei gesunden Medien. Özkan ruderte zurück. Es handele sich nur um eine „erste mögliche Diskussionsgrundlage“.

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