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So beeinflussen uns +++ Breaking News +++

Push-Nachrichten So beeinflussen uns +++ Breaking News +++

Leben im Alarmzustand: Alle paar Minuten piepst das Smartphone mit neuen Katastrophenmeldungen. Der hysterische Pessimismus, der von der Flüchtlingskrise bis zum US-Präsidentschaftswahlkampf überall zu erkennen ist, verändert das menschliche Gehirn – und nützt Populisten.

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20 bis 50 Push-Nachrichten ­erhalten Smartphone-Nutzer im Schnitt pro Tag.

Quelle: dpa

Hannover. Am 12. September 490 vor Christus lief ein junger Athener namens Philippides über die sanften Hügel zwischen dem Örtchen Marathon und der Stadt Athen. Soeben hatte das Athener Heer bei nur 192 Männern Verlust die persische Armee unter Großkönig Da­reios I. besiegt und 10.000 Soldaten getötet. Knapp 40 Kilometer lief Philippides quer über den Peloponnes nach Südwesten. Am Ziel frohlockte er: „Wir haben gesiegt!“ – und brach tot zusammen. Nachrichtenübermittlung in der Antike.

Philippides war – auch wenn der Kern der Legende bezweifelt wird – eine menschliche Push-Nachricht. „Breaking News“ zu Fuß.

2500 Jahre nach dem ersten Marathonlauf benötigt eine Nachricht keine vier Stunden mehr für 40 Kilometer, sondern jagt in vier Sekunden um den Erdball. Die Medienwelt befindet sich in permanentem Alarmzustand, in dauerhafter, fiebriger Erwartung eines neuen Terroranschlags, Korruptionsskandals, Putsches oder Krieges. Jede blutige Sekunde jeder Katastrophe ist live global verfolgbar. Ständig summt das Handy, das seine Nutzer Tag und Nacht mit neuen Schlagzeilen versorgt. Ein nie versiegender Strom von Push-Meldungen wabert durch die Netze.

Es ist nicht so, dass die verführerische Informationsflut nur schädlich wäre. Sie hat zwei Seiten. Eine schnell informierte Gesellschaft ist die Basis jeder Demokratie. Eine Tageszeitung enthält heute mehr Informationen, als ein Mensch im 17. Jahrhundert in seinem ganzen Leben erhielt. In der Erregungskultur der sozialen Medien aber wird eine Messerstecherei schnell zum Terroranschlag, der Amoklauf zum Vorboten der Apokalypse – und das, bevor überhaupt klar ist, was passiert ist. Viele Menschen eint inzwischen ein diffuses Überforderungsgefühl, nicht wenige schalten angesichts der schieren Masse an unsortierten Informationen innerlich auf Autopilot. „Ich wollte die Nachrichten verfolgen“, schrieb der Heidelberger Lyriker Bruno Ziegler – „jetzt verfolgen sie mich.“

Breaking News in Zahlen

6000 Informationen  ­strömen täglich im Schnitt auf einen Deutschen ein.

35 Prozent  der Deutschen sagen, dass Nachrichten ­ihnen Angst ­machen.

20 bis 50 Push-Nachrichten  ­erhalten Smartphone-Nutzer im Schnitt pro Tag.

52 Prozent  aller Smartphone-Nutzer ­empfinden Push-Nachrichten als störend.

45 Prozent  der Smartphone-Nutzer ­reagieren sofort auf Push-­Nachrichten.

25 Prozent  der Befragten einer US-Studie nannten als Hauptgrund für ­Gestresstheit ­schlechte ­Nachrichten.

„Nachrichten sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist“, schreibt der Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli. „Wer bei seiner geistigen Nahrung nur Fettgedrucktes zu sich nimmt, lebt ungesund, denn Schlagzeilen wirken wie Schlagsahne“, sagt auch der Kölner Immunbiologe Gerhard Uhlenbruck. Bonbons allein aber machen nicht satt. So entsteht schleichend das Gefühl, dass die digitalisierte Gesellschaft über kein taugliches Instrumentarium mehr verfügt, um die Zeitläufte wirklich zu entschlüsseln. Im Gegenteil: Die Technologie „störe die Wahrheit“, schrieb gerade Katharine Viner, Chefredakteurin des britischen „Guardian“. Denn was nicht in Zehntelsekunden auf Interesse stößt, wird ignoriert. Was substanziell, aber reizarm ist, wird aussortiert. Das führt zu einer Simplifizierung der Welt, einer Aufsplittung großer Zusammenhänge in leicht konsumierbare, grell ausgeleuchtete Einzelfacetten. Die Welt als Push-Meldung.

Paradox: Eine Studie hat gerade gezeigt, dass 59 Prozent aller bei Facebook oder Twitter verlinkten Inhalte gar nicht angeklickt werden. Die meisten im Netz verschickten Storys werden nicht gelesen. Weder vom Absender noch vom Empfänger. Von niemandem. Sechs von zehn Menschen lesen höchstens die Überschrift. Die satirische Website „Science Post“ hat jüngst einen sinnlosen Fülltext („Lore ipsum ...“) veröffentlicht (Überschrift: „70 Prozent der Facebook-User lesen nur die Überschrift, bevor sie kommentieren“). 46.000 Menschen teilten den Beitrag unbesehen. „Menschen sind eher dazu bereit, einen Artikel zu teilen, als ihn zu lesen“, sagt Arnaud Legout, Mitautor der Studie. „Das ist typisch für moderne Medienkonsumenten: Sie bilden sich eine Meinung auf der Basis einer Kurzzusammenfassung, ohne in die Tiefe zu gehen.“

Diese punktuelle Dauerstimulation hat ganz reale körperliche und seelische Folgen. Sie führt zu einer subtilen Erhöhung des Stresslevels. Bei Stress und Angst schüttet der Körper das Hormon Cortisol aus. Diese evolutionäre Überlebensfunktion versorgt uns bei Gefahr kurzfristig mit Energie und Sinnesschärfe. Hält der Zustand aber länger an, kann er die Erneuerung der 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn behindern. Der Hippocampus wird geschädigt – ausgerechnet das Hirnareal, das Stress im Zaum hält. Ein Teufelskreis.

Außerdem vergrößert Stress die Amygdala. Diese Hirnregion hilft uns, Situationen korrekt einzuschätzen. Bei chronischer nervlicher Anspannung verästeln sich bestimmte Amygdala-Zellen stärker und sorgen dafür, dass Menschen mit Angst und Schrecken überreagieren. Ihnen erscheint plötzlich alles Mögliche als gefährlich und bedrohlich, was rational betrachtet harmlos ist. Noch ein Teufelskreis. Die Folge ist jener hysterische Pessimismus, der von der Flüchtlingskrise bis zum US-Präsidentschaftswahlkampf alle großen Debatten der Gegenwart kennzeichnet.

Kurz gesagt: Angst macht Angst. Und wer Angst hat, wird anfällig für Populismus. Es sind goldene Zeiten für Manipulatoren. Das nutzen Populisten wie Frauke Petry, Boris Johnson oder Donald Trump. Sie profitieren gleich doppelt: von der irrationalen Angst der Menschen selbst und von der Zuspitzungslust klickorientierter Medien. Auch medialer Populismus sorgt eben nicht für Aufklärung, sondern befeuert Wutbürgertum und Verschwörungstheorien. Und so tobt im Netz ein ewiger, anstrengender Kampf der Positionen. Trump-Gegner gegen Trump-Fans. Pegida-Anhänger gegen Flüchtlingshelfer.

Nie war es so einfach wie heute, sich seinen eigenen Kokon aus Gewissheiten zu spinnen, sich in einer eigenen Wirklichkeit einzurichten, moderne Filtersysteme machen es möglich. So entstehen Parallelstrukturen, die für Argumente der Gegenseite nicht mehr erreichbar sind.

Wenn Aufmerksamkeit die höchste Währung ist, wenn nur noch Überschriften verlinkt werden, verändert sich die politische Kommunikation und Agenda ganz real. „Was 1000 Wichte sagen, bekommt Gewicht“, warnte der österreichische Dichter Johann Nepomuk Nestroy. Eine Kultur des ersten Eindrucks, des schnellen Reflexes macht sich breit.

Tieferes Verständnis von Zusammenhängen erfordert Konzentration. Konzentration aber ist eine Kulturtechnik, die die Welt in raschem Tempo verlernt. 88-mal täglich gucken Smartphonebesitzer auf den Bildschirm. Drei Stunden täglich. Alle elf Minuten reißt uns eine neue Push- oder Whatsapp-Nachricht aus der Konzentration. Das hemmt Produktivität und Kreativität. Der US-Psychiater Edward Hallowell spricht vom „Attention Deficit Trait“ (ADT) – es ist das ADHS des digitalen Zeitalters. Studien zeigen, dass die ständigen Unterbrechungen toxischen Stress auslösen. Robert Jacob von der Tufts-Universität bei Boston hat eine mit dem Smartphone verknüpfte Software namens „Phylter“ entwickelt, die per Gehirnsensor misst, ob ein Proband gerade konzentriert arbeitet. Erst wenn er sich wieder entspannt, lässt sie Nachrichten auf seinem Handy durch – Technologie schützt vor zu viel Technologie.

„Phubbing“ heißt die Unart, sich auch in Gesellschaft nur mit dem Handy zu beschäftigen (von ­„phone“ und „stubbing“, „vor den Kopf stoßen“). 110 Millionen Mobilfunkverträge gibt es in Deutschland, 30 Millionen mehr als Menschen. Sie zappen sich durch Liedlisten, Netflix-Empfehlungen, Nachrichten. Die Aufmerksamkeit fliegt sekundenschnell weiter. Gewöhnt an die Instant-Befriedigung sind sie allzeit bereit, das Handy hochzureißen, wenn es summt. Die Nachricht könnte ja interessanter sein als das, was sie gerade tun.

Das Gehirn passt sich dem an. Kinder und Jugendliche verarbeiten visuelle Informationen heute deutlich schneller als noch vor 15 Jahren, reagieren flexibler und spontaner – dafür fällt es ihnen schwerer, länger zuzuhören oder ein Buch zu lesen. Vor fünf Jahren besaßen 14 Prozent aller 12- bis 13-Jährigen ein Smartphone, heute sind es 86 Prozent. Der Kölner Medienpsychologe Gary Bente befürchtet eine wachsende Kluft zwischen „Menschen, die Medien kritisch und produktiv nutzen“ und „denjenigen mit intensivem, einseitigem Mediengebrauch, deren soziale und kognitive Fähigkeiten im Alltag leiden“.

Nostalgische Wehmut freilich ist kein taugliches Gegenmittel. Die Klage über die anschwellende Informationsflut begleitet jeden Wandel. Bereits Luther fürchtete, massenhaft gedruckte Bücher könnten das Wort Gottes verdrängen. Der Jenaer Dichter und Hofkanzler Ahasver Fritsch wetterte 1676 gegen „eitles, unnötiges, unzeitiges und daher arbeitsstörendes, mit unersättlicher Begierde getriebenes Zeitungslesen“. Goethe klagte über den „Narrenlärm unserer Tagesblätter“. Der russische Dichter Leo Tolstoi zürnte: „Alle Tagesfragen werden von den Zeitungen künstlich aufgebauscht. Das Gefährlichste daran ist, daß die Zeitungen alles in fertigem Zustand präsentieren, wodurch das Selbstdenken erstickt wird.“

Was hilft: die Rückbesinnung auf die Möglichkeiten der Technologie selbst. Die Flut wird eindämmbar, wenn Nachrichtenkonsumenten zu Schleusenwärtern ihrer Interessen werden und die Sorge ablegen, etwas zu verpassen.

Medien müssen umgekehrt das Signal-Rausch-Verhältnis verbessern, also das Verhältnis von Grundrauschen und Substanziellem. Der Mensch im zweiten Jahrtausend musste lesen lernen. Der Mensch im dritten Jahrtausend muss filtern lernen.

Denn tatsächlich ist die Welt ja, wie sie ist. „Es müßte Zeitungen geben, die immer das mitteilen, was nicht ist“, träumte Christian Morgenstern mal – „Keine Cholera! Kein Krieg! Keine Revolution! Keine Mißernte! Die tägliche Freude über die Abwesenheit großer Übel würde zweifellos die Menschen fröhlicher machen.“ Das würde möglicherweise die Gefühle des Publikums verbessern. Aber leider nicht die Welt.

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