Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Der Terror und die deutschen Medien

Berichte über Anschlagsserie Der Terror und die deutschen Medien

Nach den Anschlägen von Paris zeigt sich, wie gespalten die deutsche Medienlandschaft mit der Katastrophe umgeht. Die einen rücken die Trauer in den Vordergrund, bei anderen geht es nur um die Fakten. Und manche wähnen sich mental schon im Krieg.

Voriger Artikel
Zeitungsredaktion in Sachsen angegriffen
Nächster Artikel
"Welt" feuert Matthias Matussek

Unterschiedliche Titel, unterschiedliche Ansichten: In den Medien zeigt sich, wie verschieden die Reaktionen der Gesellschaft auf die Anschläge ausfallen.

Quelle: dpa

Hannover. Es muss schwer für sie gewesen sein, unfassbar schwer, sich in diese Talkshow zu setzen. Live in der ARD, zwei Tage nach dem Horror.

Da sitzen also Julia und Thomas Schmitz aus Köln am Sonntag in Günther Jauchs ARD-Gasometer, die Bilder im Kopf noch frisch, die Augen schreckgeweitet. Sie waren im "Bataclan“ in der Horrornacht von Paris. Sie haben überlebt, weil sie sich mit 30 Menschen in einem Raum verschanzten. Drei Stunden lang. Und dann fragt Jauch, ob noch andere Menschen in den Raum gewollt und nicht gekonnt hätten, weil die Tür verschlossen war. Julia Schmitz‘ Mundwinkel zucken. Jauchs Frage heißt: Könnte es sein, dass Ihr Egoismus anderen Menschen die Chance auf Überleben genommen hat?

Faktensammler, Trauernde und Scharfmacher

Es ist nicht die sensibelste Frage, die man traumatisierten Überlebenden eines mörderischen Attentates stellen kann. Wer wollte über Richtig und Falsch entscheiden, mitten in der Hölle? Jauch?

Der inquisitorische Lapsus des scheidenden Talkmasters zeigt symbolhaft die ganze Hilflosigkeit der Medienwelt im Umgang mit der komplexen Katastrophe. Sie sind auf der Suche, seit Tagen. Und ziehen sich in der Unsicherheit auf tradierte Muster zurück. Selten spalteten sich die deutschen Medien so klar auf in Scharfmacher, Faktensammler und Trauernde wie nach den Attentaten von Paris. Die einen stehen kurz vor der inneren Mobilmachung. Die anderen fragen leise, was das eigentlich genau heißen soll: „Krieg“.

Wo die Grenzen zwischen den Lagern verlaufen, verrät ein Blick auf die Schlagzeilen vom Montag: „Handelsblatt“-Chefredakteur Gabor Steingart ruft auf dem Titel „Weltkrieg III.“ aus. „Bild“ fragt: „Kommt der Terror auch zu uns?“ und zeigt blutige Leichen. „Bild.de“-Chef Julian Reichelt fordert martialisch mehr „Opferbereitschaft“ und „mehr Flugzeuge (ja, auch deutsche), die Ziele zerstören“. Die „FAZ“ zitiert die Staatsmacht (Merkel: „Wir sind stärker als der Terror“). Herausgeber Berthold Kohler schreibt wie Reichelt von „Opfern“, die in einem „epochalen Kampf“ eben erforderlich seien.

„Spiegel Online“-Chef Florian Harms dagegen wünscht sich „weniger Weltkriegs-Rethorik“ („Je lauter das Kriegsgeschrei, desto trüber der Blick“). Die „Süddeutsche Zeitung“ titelt nüchtern-vieldeutig: „Der Angriff“. Und die „taz“ möchte einfach mal wissen: „Was heißt jetzt ,Krieg‘?“ – eine Frage, mit der sich die „Welt“ gar nicht lange aufhält: „Wir müssen diesen Krieg gewinnen“.

Die Medien spiegeln die Polarität der Gesellschaft

Springer-Chef Mathias Döpfner verknüpfte schon am Wochenende die Pariser Blutnacht mit der Forderung nach einem neuen Einwanderungsgesetz und wünschte sich in einem langen Appell eine „Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte“. Paris möge „zu einem Weckruf werden für eine Politik des wehrhaften Stolzes“ inklusive „aktiver Verteidigung“. „Freitag“-Herausgeber Jakob Augstein twitterte kopfschüttelnd: „Er verherrlicht den Kampf.“ ORF-Vizechefredakteur Armin Wolf fragte, ob Döpfner zu viel Ernst Jünger gelesen habe.

Die Werkschau zeigt: Nach der Paralyse von Paris erfüllen die deutschen Traditionstitel so deutlich wie seit Jahren nicht mehr alte Erwartungen – wie zum Beweis der These, wonach radikales Handeln radikales Denken begünstigt. Nach Jahren des politischen Pragmatismus, der Unausrechenbarkeit, sortiert sich die Medienmeute plötzlich wieder sauber in hüben und drüben und spiegelt dabei die wachsende Polarität der Gesellschaft. Das martialische Wort „Krieg“ dient in diesem Kontext nicht bloß als verkaufsfördernder Alarmismus mit fünf Buchstaben. Sondern es ist vor allem das augenfälligste Symptom einer Radikalisierung im Denken.

Krieg? Kriegsgeschehen? Kampf? Wehrhaftigkeit? Weder der um sich greifende Stahlgewitterjournalismus noch semantische Haarspaltereien helfen irgendjemandem weiter. Aber so sind eben die Reflexe: Auf die Solidaritätswelle, die eingefärbten Facebook-Profilbilder, die Fotos von Blumenmeeren, Kerzen und Tränen folgt verlässlich die Forderung nach Konsequenzen.

Wie erklären, was keinen Sinn ergibt?

Bloß welche? Es ist die eigene Ratlosigkeit, die Medien schwer aushalten. Die daraus resultierenden Übersprungshandlungen zeitigen ganz unterschiedliche Wirkungen: Der Boulevard sucht nach emotionalen Heldengeschichten, nach Gesichtern im diffusen Chaos. Im liberalen Lager dominiert der verzweifelte Wunsch nach dem Verstehenwollen. Und das provoziert die bürgerlichen Hardlinermedien, die die Verteidiger einer Willkommenskultur als naive Träumer beschimpfen und zu den Waffen rufen. Hinter allem steht dasselbe: die Unsicherheit der Medienwelt bei der Suche nach einem adäquaten Umgang mit dem monströsen Verbrechen. Analyse, Einordnen täte not – aber wie erklären, was keinen Sinn ergibt?

„Je stärker wir sind, desto unwahrscheinlicher ist der Krieg“, hat Otto von Bismarck mal gesagt. Stärke allein als Sieg in einem Krieg zu definieren ist falsch. Die emotionale Radikalisierung Europas ist ja gerade das Ziel der Attentäter. Was sie am meisten irritiert, ist Besonnenheit. Man wird einen Feind nicht besiegen, wenn man sich seiner Methoden bedient. Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagte 2011 nach dem Anschlag von Utøya mit 69 Toten: „Unsere Antwort auf Gewalt ist noch mehr Demokratie, noch mehr Humanität, aber niemals Naivität. Wir lassen die Spaltung unserer Gesellschaft durch Angst und Hass nicht zu.“ In den deutschen Medien hat diese Spaltung bereits begonnen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Pianist spielt vorm Bataclan in Paris
Foto: Der Pianist Davide Martello spielte am 14.11.2015 in Paris vor dem Musikclub "Bataclan" auf einem mitgebrachten Klavier das Lied "Imagine".

Der Pianist Davide Martello spielte schon in der Türkei, der Ukraine – überall dort, wo er mit seiner Musik den Menschen etwas Frieden bringen kann. Deshalb machte er sich auch sofort auf den Weg nach Paris, als er von den Terroranschlägen erfuhr.

mehr
Mehr aus Medien
Augenblicke: Bilder aus Hannover und der Welt

Klicken Sie sich durch spektakuläre Fotos – ausgewählt von der HAZ-Redaktion.

Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.