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Lohnt sich der neue Tatort aus Hannover?

Krimi mit Maria Furtwängler Lohnt sich der neue Tatort aus Hannover?

Maria Furtwängler ist zurück: Nach zwei Jahren ohne Solo-„Tatort“ ermittelt sie in ihrem 25. Fall als Kommissarin Charlotte Lindholm. Es geht um eine entführte Bankiersgattin. Und irgendwie auch um Sexismus.

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Boah, die Kerle wieder: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, r.) und ihre ehrgeizige Kollegin Frauke Schäfer (Susanne Bormann, l.) ahnen nichts Gutes.
 

Quelle: ARD

Hannover. Nein, dies ist nicht der „Tatort“ zum Fall Harvey Weinstein, zur nicht abschwellenden Debatte über sexuelle Gewalt mächtiger Männer gegen jene, die von ihrer Gunst abhängen. So fix sind sie dann doch nicht bei der ARD, dass sie aus der globalen Erregung um die beklagenswert geringe Impulskontrolle egomanischer Herren ruckzuck einen Krimi machen könnten. Aber „Der Fall Holdt“ passt trotzdem perfekt in die Zeit. Denn es geht um Gewalt gegen Frauen. Um solche, die jeder sehen kann, wenn er denn will. Und solche, die nur diejenige schmerzvoll spürt, die sie an der eigenen Seele erfahren hat.

Was meinen Sie?

Charlotte Lindholm ist zurück: Sehen Sie sich den Tatort aus Hannover an?

Es ist Charlotte Lindholms 25. Fall. Fast zwei Jahre lang hat sich Maria Furtwängler als hannoversche ARD-Ermittlerin rargemacht – mit Ausnahme des Jubiläums-„Tatorts“ mit dem Retro-Titel „Taxi nach Leipzig“, jenem düsteren Doppelkammerspiel mit dem Kieler Kollegen Axel Milberg, der 1000. Ausgabe des ARD-Klassikers im November 2016. Nun also wieder ein Solo. Und das beginnt mit einer Party, auf der die Lindholm ausgelassen tanzt, bis sie mit voller Blase ins Freie taumelt, weil die Frauentoilette wie immer überfüllt ist (wann werden Architekten und Bauherren dieses ganz reale Ärgernis wohl endlich lösen?). Auf dem Parkplatz geht sie in die Hocke, wird pinkelnd von drei Männern fotografiert – und zusammengeschlagen, als sie fordert: „Löscht das!“ Verletzt und traumatisiert ist sie eigentlich dienstunfähig. Aber dieses Wort existiert nicht im Vokabularium der pflichtversessenen Schweigerin. Ihr Freund ruft an – sie geht nicht ran. Das Landeskriminalamt ruft an – sie geht ran.

Die Schmerzensfrau des deutschen Krimis

Der Fall: Julia Holdt, Ehefrau des Walsroder Bankfilialleiters (Aljoscha Stadelmann) ist entführt worden. Also irrlichtert die demolierte Kommissarin dünnhäutig durch die Lüneburger Heide und durch ein düsteres Drama, das auf dem nie aufgeklärten realen Fall der Bankiersgattin Maria Bögerl basiert, die im Mai 2010 im baden-württembergischen Heidenheim entführt und ermordet wurde. Holdts weinerlich-cholerischer Mann wird verdächtigt. Der hängt mehr an seinem Hund als an seiner Familie, behauptet aber, seine Gattin zu lieben. Als Lindholm erfährt, dass er Julia trotzdem krankenhausreif geprügelt hat, bricht ihr eigenes Trauma auf – und vernebelt ihren Verstand. Verbohrt und verletzt begeht sie einen schweren Fehler. Die ehrgeizige Kollegin Frauke Schäfer (stark: Susanne Bormann), ihr selbst nicht unähnlich, droht Lindholm den Fall zu entreißen.

Für Charlotte Lindholm, die Schmerzensfrau des deutschen Krimis, sind die Hölle wieder die anderen. Sie war immer gut darin, genau das zu tun, was nicht gut für sie ist. Aber selten war sie so neben der Spur wie diesmal.

„Zwei Alpha-Frauen am Set“

Warum tun Menschen so gern das Falsche? Es ist die Kernfrage dieses Films, für den der NDR die junge Regisseurin Anne Zohra Berrached engagierte. Die 35-Jährige erhielt für ihr Mutterschaftsdrama „24 Wochen“ mit Julia Jentsch – ihren Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg – jüngst gleich mal den Deutschen Filmpreis. In „Der Fall Holdt“ ermunterte sie Furtwängler, ihrer Figur ungewohnte Facetten zu verpassen; Schrullen, Schründe – und Zorn. Trotzdem bleibt sie immer Lindholm. „Wir waren zwei Alpha-Frauen am Set“, sagt Furtwängler. „Wir waren anstrengend füreinander, aber in einem guten Sinne.“

Das Drehbuch stammt von Grimme-Preisträger Jan Braren („Homevideo“). Ganz stark die Szene, in der die Kommissarin im Stall mit einem saublöden Macho aneinandergerät, der Pferde besser versteht als Frauen. Dabei zeigt sich: Es gibt ein dialektisches Problem zwischen Männern und Frauen. Wie sollen Kerle die Nöte von Frauen jemals verstehen, so lange so viele von ihnen den Griff an den Po oder den Sextalk in der Kaffeeküche für ein Kompliment halten? Und heimlich weiter von der Zigarren- und Häschenohren-Idylle der Sechziger träumen? Arroganz ist ein Schutzreflex der Seele. Auf beiden Seiten. Als Lindholm am Tatort im „Tatort“ die schlampigen Ermittler zusammenschnauzt, wird das zur hochkomischen Generalabrechnung mit der selbstgefälligen Männerwelt.

Ein Niedersachsen-Krimi mal ohne Huckeduster mit Mistgabeln

Es war Furtwänglers persönlicher Wunsch, dass Sexismus zum Leitthema dieses „Tatorts“ werden solle. Die Absicht, dass der Film jenseits der Unterhaltung Spuren hinterlassen möge, ist gelegentlich zu spüren. Dennoch ist „Der Fall Holdt“ ein glaubwürdiger, angenehm undurchsichtiger Lindholm-Fall, in dem die spröde Hannoveranerin einmal nicht in verschlammten Gummistiefeln durch gottverlassenen Käffer schlurft, um wortkarge Huckeduster mit Mistgabeln zu befragen. Szenen mit Lindholms Sohn wurden zwar gedreht, aber komplett gestrichen, denn die Regisseurin befand: Man müsse nicht zwingend miterzählen, dass eine berufstätige Frau auch ein Kind habe. Bei Männern sei die Vaterschaft doch auch kein Thema. Das Ende schließlich ist mutig für einen Sonntagskrimi.

Frauen – das ist die Botschaft dieses „Tatorts“ – sind genauso wenig perfekt wie Männer. Nicht, dass wir das nicht geahnt hätten.

„Tatort: Der Fall Holdt“ | ARD

Mit Maria Furtwängler, Sonntag, 20.15 Uhr

Von Imre Grimm

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