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Die alte Band soll wieder spielen

Die "taz" unter Georg Löwisch Die alte Band soll wieder spielen

Seine Vorgängerin Ines Pohl wurde oft wegen ihres Führungsstils kritisiert. Und Georg Löwisch? Der neue "taz"-Chefredakteur überzeugt durch seine moderierende Art. Ein Besuch. 

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Georg Löwisch, der Chefredakteur der taz (Archivbild von 2015). 

Quelle: Anja Weber/taz/dpa

Berlin. In seiner Antrittsrede als Chefredakteur bei der linksalternativen „taz“ versprach Georg Löwisch im September: „Wir bringen die Band wieder zusammen“. Was John Belushi alias Jake in dem Film „Blues Brothers“ mit dem Satz meinte, ist bekannt. Was wollte Löwisch damit sagen?

Ihm ging es zum einen darum, den einen oder anderen geschätzten, aber leider an andere Medien verloren gegangenen Kollegen zurückzuholen. So wie Barbara Junge, die er vom „Tagesspiegel“ abwarb und zu einer seiner Stellvertreterinnen gemacht hat – neben Katrin Gottschalk, zuvor Chefin des feministischen „Missy Magazine“.

Er meinte damit auch die Redaktion. Manche fühlten sich von Löwischs Vorgängerin Ines Pohl hintergangen. Viele fanden, sie habe die „taz“ nie verstanden. Dem 42-Jährigen würde das keiner vorwerfen. Man muss nur erleben, mit welcher Zuneigung Löwisch von älteren „tazlern“ spricht, etwa jenen im Auslandsressort, wo der Gründergeist der „taz“ am stärksten weht, denn hier entstehen viele der Themen, die anderswo kaum beachtet würden.

So sieht ein Arbeitstag von Löwisch aus

Berlin-Kreuzberg, an einem Montagmorgen um 8 Uhr. Löwisch sitzt, wie oft um diese Zeit, auf der Empore des „taz“-Cafés. Aus den Boxen klingt leise ein Saxophon. Auf dem Tisch liegt die FAZ. Löwisch trägt Jeans, Boots und T-Shirt. Er beugt sich über sein Smartphone und geht die Termine des Tages durch.

Abgesehen von den Redaktionskonferenzen steht gegen Mittag eine Besprechung mit der Geschäftsführung an. Sie wollen über „taz.on tour“ reden. Die Veranstaltungsreihe startet vor den Landtagswahlen im September und soll die „taz“ unter dem Motto „für eine offene Gesellschaft“ bis zur Bundestagswahl 2017 quer durch die Republik führen.

Im anschließenden Termin präsentiert ein Professor aus Münster, was er über die Zahlungswilligkeit der Leser für die digitale „taz“ herausgefunden hat. Um 15 Uhr kommt der Redaktionscontroller, es geht um Budgetfragen. Danach will Löwisch mit dem Team der „taz am Wochenende“ die nächste Ausgabe besprechen und um 17.30 Uhr mit den Stellvertreterinnen, was demnächst ansteht.

Vorher muss die Zeitung von morgen produziert sein. Ach ja, am Abend geht er mit der Kollegin Bettina Gaus essen, worauf er sich besonders freut. Man erkennt das am schelmischen Blick durch die Brillengläser, wenn der gebürtige Freiburger grinsend seine spitzen Zähne blitzen lässt und wirkt, als könne er keinem ein Leid zufügen.

Als Volontär bei der taz angefangen

Zwölf Stunden später, beim Weizenbier, erzählt Löwisch von dem Politikerporträt, das er endlich schreiben müsste. Er fand bisher nicht die Zeit dazu. Irgendwie hat er den Job des Chefredakteurs unterschätzt und gedacht, bei der „taz“ könne ihn nichts überraschen. 1998 volontierte er dort, durchlief mehrere Ressorts, war Reporter und baute die „sonntaz“ auf, den Vorläufer der „taz am Wochenende“.

2012 ging der dreifache Vater zu „Cicero“, wo er darauf achtete, dass in dem Debattenmagazin ausreichend linke Stimmen zu Wort kommen. Da hatte er „vier Stunden Zeit, um eine einzige Geschichte zu betreuen. Jetzt bin ich in derselben Zeit mit fünf komplett unterschiedlichen Themen konfrontiert, in denen ich manchmal gar nicht so tief drin stecke, wie ich es gerne hätte“.

Bei jedem Thema, „von Personalentwicklung übers Budget bis zur Sonderausgabe, habe ich es mit anderen Menschen zu tun, die alle zu Recht Konzentration einfordern, eine Antwort, einen Kommentar erwarten. Das kostet viel Kraft.“

Produktiver, harmonischer - die taz unter Löwisch

Die Redaktion wirkt unter Löwisch produktiver, die Seite Eins origineller. Seit Januar erschienen mehrere Sonderausgaben, von der Satire-„taz“ bis zur Tschernobyl-Ausgabe. Manchmal fragt sich Löwisch: „Reicht es, wenn die Meinungen in politischen Fragen aufeinander prallen? Braucht es nicht auch mal wieder einen Familienkrach?“.

Inzwischen geht es bei der „taz“ derart harmonisch zu, dass sogar Löwischs Vor-Vorgängerin Bascha Mika jede Scheu verlor und zu Besuch vorbeikam – das erste Mal seit ihrem Weggang 2009. Immerhin: Der Hang zu Harmonie ist neben einem gewissen Geltungsbewusstsein die einzige Kritik an Löwisch.

Seine moderierende Art zu führen kommt an. Immer wieder im Laufe eines Tages erreichen ihn SMS-Nachrichten von Redakteuren, die ihn offensichtlich über Konfliktpotenziale informieren, bevor es irgendwo zum Streit kommen könnte. Löwisch möchte nicht missverstanden werden: „Ich will nicht das Sedativ der ,taz‘ sein“.

Ende 2017 ist die Band wieder zusammen

Wie zum Beweis erzählt er von dem Dossier zur Keylogger-Affäre vor einigen Wochen. Darin ließ er detailliert rekonstruieren, wie ein früherer Mitarbeiter junge Kolleginnen ausspioniert hat. Als das Dossier erschien, dachte Löwisch, „das ist der Moment, wo es endlich Ärger geben könnte.“ Und? „Gab es aber nicht.“

Am Abend geht es noch schnell mit dem Fahrrad zur Baustelle. Zwei Straßen entfernt entsteht der weitgehend von den „taz“-Genossen finanzierte Neubau. Ende September wird Grundsteinlegung gefeiert. Die Mieteinnahmen aus dem alten Rudi-Dutschke-Haus sollen genutzt werden, um die Existenz der „taz“ langfristig zu sichern.

Es wird möglicherweise das letzte große Projekt des Gründungsgeschäftsführers Karl-Heinz Ruch sein. Kalle, wie ihn alle nennen, ist so etwas wie die Seele der „taz“. Ohne den 62-Jährigen gäbe es die stets klamme Zeitung längst nicht mehr. Wie wird es sein, wenn er in Ruhestand geht?

Die „tazler“ werden füreinander einstehen müssen. Mit Löwisch, glauben viele, sei die Zäsur zu meistern. Zunächst aber gilt es, den getrennt untergebrachten Verlag mit der Redaktion unter einem Dach zu vereinen. Ende 2017 ist Umzugstermin. Dann ist die Band wieder zusammen.

Von Ulrike Simon, RND

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