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So kamen Journalisten an die Panama Papers

Sternstunde des Schwarmjournalismus So kamen Journalisten an die Panama Papers

Hunderte Journalisten aus aller Welt recherchierten gemeinsam, trotzdem blieben die Panama-Papiere ein Jahr lang geheim. Wie konnte das gelingen?

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Ein gewaltiges Datenleck bei der Kanzlei Mossack Fonseca aus Panama bringt diverse internationale Politiker und Prominente mit Offshorefirmen in Verbindung.

Quelle: EPA/Alejandro Bolivar

Panama Stadt/Hannover. Die spektakuläre Enthüllung beginnt mit dürren Worten. "Hallo", lautet die Nachricht, die Reporter Bastian Obermayer von der Süddeutschen Zeitung im Winter 2015 erreicht. "Hier ist John Doe. Interessiert an Daten?" John Doe, das ist ein Allerweltspseudonym wie Max Mustermann. "Wir sind sehr interessiert", schreibt Obermayer zurück.

Es gebe ein paar Bedingungen, antwortet "John Doe". Kommunikation nur über verschlüsselte Chats. Keine Treffen. Kein Klarname. "Mein Leben ist in Gefahr." Als Appetithappen schickt er Unterlagen über die ehemalige argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner. Der Datenberg wächst rasant. Am Ende sind es 2,6 Terabyte. 11,5 Millionen Dokumente in diversen Dateiformaten, die ältesten von 1977. Ein publizistischer Hauptgewinn.

370 Journalisten graben

Obermayer und sein Kollege Frederik Obermaier schalten das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) in Washington ein. Das 1997 gegründete ICIJ ist ein Ableger des amerikanischen Center for Public Integrity (CPI), einer stiftungs- und spendenfinanzierten Organisation, die der US-Journalist Charles Lewis 1989 ins Leben rief.

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Ihr Ziel ist es, "Machtmissbrauch, Korruption und Pflichtversäumnisse öffentlicher und privater Institutionen offenzulegen". IT-Experten des ICIJ bündeln die Dokumente in einer verschlüsselten Cloud, im Global I-Hub. In diesem digitalen Geröllmassiv graben am Ende 370 Journalisten von 109 Medien aus 78 Ländern nach den goldenen Infonuggets, die für sie von nationalem Interesse sind. In Deutschland gehört der 2014 etablierte Rechercheverbund aus SZ, NDR und WDR mit dem früheren Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo an der Spitze dazu.

Ein Geschäft auf Vertrauensbasis

Aber wie ist es möglich, einen solch explosiven Datenschatz trotz Hunderter Mitwisser geheim zu halten? Vor einem Jahr gab die SZ bekannt, dass sie in den Besitz einer gewaltigen Menge von Kundendaten aus Panama gelangt sei. Nichts weiter sickerte durch. Obermayers Büro in München ist mit einem codierten Schloss gesichert, Festplatten und USB-Sticks liegen im Tresor.

"Die Geheimhaltung klappt eigentlich immer", sagt Julia Stein, stellvertretende Leiterin des Ressorts Investigation beim NDR. "Investigativjournalisten sind verschwiegen." Es ist ein Geschäft auf Vertrauensbasis – ohne Stillhaltevereinbarungen, ohne Sanktionsdrohungen. "Uns schmiedet zusammen, dass wir einander brauchen", sagt Marina Walker, Vize-Chefin des ICIJ.

Zu viele Daten für eine Person

Das Modell macht die publizistische Auswertung derart massenhafter, hochsensibler Informationen überhaupt erst möglich. Ein Einzelner bräuchte knapp 70 Jahre, um die Panama-Papiere zu lesen. Früher galt ein Scoop eines Einzelmediums als Königsdisziplin.

In Zeiten globalisierter Datenströme hakt sich der investigative Journalismus unter. Dazu gehört auch die punktgenaue, konzertierte Veröffentlichung am Sonntagabend, flankiert von "Tagesschau", "Anne Will", NDR-Sondersendungen und einem Buch, das morgen erscheint. Es ist eine Sternstunde des Schwarmjournalismus.

Reaktion auf den Medienwandel

Es ist auch der bisher größte Triumph des ICIJ, zu dem für deutsche Ohren so exotisch klingende Medien wie die Zeitung Malaysia Kini, Rustavi TV in Georgien oder die Premium Times in Nigeria gehören, Medien also, deren Wirkungsräume sich nicht überschneiden.

"Wir füllen eine Lücke, die durch die Transformation im Mediensektor entstanden ist", sagte Bill Buzenberg vom CPI. Recherche ist teuer und aufwendig, der Erfolg nicht garantiert. Lange war kaum ein Medium bereit, Exklusivwissen mit der Konkurrenz zu teilen.

Eine Reihe von Leaks

Im April 2013 macht dann "Offshore-­Leaks" über Geldwäsche in Steueroasen Schlagzeilen, im November 2014 folgt "Luxemburg-Leaks" über die Steuersenkungstricks globaler Konzerne. Den Durchbruch bringt im Februar 2015 die "Swissleaks"-Affäre. Darin geht es um Geldwäsche, Korruption, Blutdiamanten, Waffenschieberei und neun Tonnen Gold des chilenischen Diktators Augusto Pinochet.

Die Panama-Papiere sind der Stoff, aus dem Journalistenträume sind. Das Erstaunen über die Rekord-Datenflut überlagert freilich die Tatsache, dass der Kern der Story schwer greifbar bleibt. Den Anklagebehörden sollen die Daten nicht übergeben werden.

Wie lange "John Doe" selbst noch ein Mysterium bleibt, wird sich zeigen. In der Water­gate-Affäre hat es 33 Jahre gedauert, bis die legendäre Quelle "Deep Throat" enttarnt wurde. "Ich habe natürlich früh versucht rauszufinden oder rauszuhören, wer die Quelle ist", sagte Obermayer dem NDR. "Am Ende aber hat die Angst überwogen."

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