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Soziale Netze befördern eine neue Lesekultur

Twitter und Co. Soziale Netze befördern eine neue Lesekultur

Die Lesegewohnheiten verändern sich. Was wie eine Binsenweisheit nach dem Start des World Wide Web vor 20 Jahren klingt, erfährt im Jahr 2009 eine weitere Wendung: Unter Intensivnutzern des Internets macht sich seit Monaten ein Trend breit, der aufs Neue die Medienwelt verändert.

Neue Dienste versuchen den Erkenntnisgewinn durch aufwendig zusammengestellte Webportale zu überbieten. Sie befördern einen Trieb in der Leserschaft, der sich so zusammenfassen lässt: Wir lesen nicht mehr nur digital im Web, sagt diese Leserschaft. Wir lesen gerne wieder häufiger. Wir lesen selektiver, intensiver, fokussierter – aber nicht mehr nur passiv das, was uns Zeitungen und Magazine auf Papier und im Netz zusammenstellen. Und auch nicht mehr nur aktiv das, wonach wir bei Google suchen; wir lesen wieder etwas zurückgelehnter das, was ein neuer Quell bereitstellt: digital übermittelte Empfehlungen von Freunden, Bekannten, Fachleuten, weil wir ihnen vertrauen und uns darauf eingelassen haben, ihren Empfehlungen zu folgen.

„Digg“ hat schon vor Jahren auf diesen Trend gesetzt und eine beachtliche Gemeinde zusammengestellt, jetzt kommen per Twitter, Friendfeed und Facebook vereinfachte Dienste hinzu. Twitter verzeichnete in Großbritannien im vergangenen Monat erstmals mehr Zugriffe als jedes Tageszeitungsportal. Bei den weltweiten Zugriffen explodiert Twitter. Und in dessen Fahrwasser schwimmen neue verbesserte Dienste wie identi.ca.

Der Einstieg gelingt immer einfacher, sofern man einmal verstanden hat, dass Twitter als Star unter den neuen Diensten am besten nicht auf Dauer über deren Homepage erfolgen sollte. Zusatzsoftware fürs Handy, sei es Blackberry oder das iPhone, ist nötig. Am PC helfen Programme wie Twhirl, Tweetdeck oder Twitterfox. Wer sich darauf einlässt, knüpft über die neuen Dienste zunächst Kontakt zu Leuten, die er schon kennt und die mit dem Medium vertraut sind. Man tauscht persönliche Botschaften aus, macht sie auch leicht öffentlich, und liest über Twhirl in einer Nachrichtenstromliste, was die von sich preisgeben – häufig persönlichen Informationsmüll, aber eben auch die heißeste Ware im Netz: Links zu „News“.

Da kommt etwa am Dienstagabend die Nachricht auf, dass Apple eine neue Software fürs Handy iPhone herausgibt. Das macht die Runde unter gleichgesinnt Interessierten – dpa-Kollege Christoph Dernbach verlinkt etwa zu einem ausführlichen Artikel eines Forums, Kumpel Dirk zu einem anderen Informanten. Je nachdem, wen man in seiner „Freunde“-Liste eingetragen hat, bekommt man Lesetipps zu Texten zum Thema von „Spiegel Online“, der „New York Times“, der HAZ, oder einem iPhone-Forum mit vielen Details. Andere verweisen auf die unkommentierte Originalpressemitteilung der PR-Abteilung von Apple, verlinken zu Beiträgen von Bloggern oder zu einer witzigen Bemerkung von US-Schauspielerin Demi Moore.

Alle diese „News“ erscheinen gleichberechtigt im riesigen weltweiten Nachrichtenstrom zu diesem Thema. Die zeitlich benötigte Auswahl „bester“ Einschätzungen nimmt man persönlich wahr, indem man sich auf seine fünf, sechs Experten verlässt.

Sie twittern, aber das ist womöglich nur ein Übergang. Was die gegenwärtig aktiven „early adopters“ und „nerds“ (Früherkenner und Technikfans) in diesen Tagen erleben und in ihrer eigenen Welt vorm Bildschirm und am Handy-Display erschließen, erscheint manchen als Vorbote auf eine Revolution beim Leseverhalten – mit konkretem Nutzen für die Karriere.

Mark Finnern ist so einer. Er hat zeitweise in Peine rechts von Hannover gewohnt und betreut jetzt von San Francisco aus nicht weniger als 1,5 Millionen Leser weltweit. Als „Chief Community Evangelist“ hat er bei der in Deutschland gereiften Software-Schmiede SAP seit mehreren Jahren eine Webgemeinde aufgebaut, die sich nun in Wikis und Foren von SAP mit persönlichen Beiträgen ganz im Geiste von Twitter & Co. tummelt.

SAP, das steht für das digitale Gedächtnis vieler etablierter Unternehmen in aller Welt: die Verwaltungssoftware für Gehaltsabrechnungen, Mitarbeiterdaten, Betriebsabläufe, den Einkauf des Bleistifts für die Mitarbeiterin am Empfang. Die Bedienung entsprechender Programme ist in Handbüchern und in Webhilfen von SAP hinterlegt. Aber bei konkreten Fragen zu Details der Software vertrauen immer mehr auf das Wissen der vielen. Suchfunktionen in den SAP-Wikis und Foren helfen, die Hotline von SAP zu entlasten. „Da sparen wir viel Geld“, sagt Finnern.

In diesem Universum kann man einfach eine Frage stellen, „die erste Antwort gibt’s in der Regel nach 20 Minuten, und nach 24 Stunden sind eine Vielzahl der Probleme gelöst“, berichtet Finnern. Früher suchte man per Google nach einer bestimmten Information – künftig sucht die Information von sich aus ihre Empfänger, sofern man an der passenden Stelle im sozialen Web seine Frage gestellt hat und sich einen E-Mail-Alert hinterlegt hat, der aktiv wird, sobald jemand auf die Frage antwortet. Ein intelligentes Bewertungssystem über Beiträge und Beitragende hilft dem Einzelnen dabei, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Besonders hilfreiche Nutzer werden mit Punkten belohnt. Das hilft Neulingen, selektiv zu lesen und ihr Problem zu lösen. „Ein superaktiver Nutzer zieht neun aktive Nutzer, und die ziehen wiederum 90 Arbeiter. Das ist ein Gewinn für alle.“ 5000 bis 7000 Forumsbeiträge täglich hat Finnern gemeinsam mit nur drei Kollegen im Griff. Besonders beachtet werden die Hinweise von 75 Mentoren: Nicht-SAP-Mitarbeitern, die sich sehr intensiv mit Einzelproblemen von Anwendern beschäftigen, um Auftragsarbeiten fürs Weiterentwickeln zu erledigen.

„SAP macht das richtig“, urteilte der international renommierte Unternehmensberater Dion Hinchcliffe vor Kurzem am Rande der CeBIT im Gespräch mit der HAZ. Viele Medien und Technikunternehmen hätten die Entwicklung „verstanden“ und würden sie vorantreiben. Anders als beispielsweise Ikea oder Harley Davidson: An diesen Unternehmen vorbei hätten sich mittlerweile eigene Communities im Web gebildet. Dort tummeln sich viele Fans, etwa unter www.ikea-fans.de. „Die helfen sich gegenseitig bei Problemen mit den Möbeln, vollständig am Unternehmen vorbei“, sagt Hinchcliffe.

Die Folge: Anrufer werden von der Hotline schon mal auf die eigentlich unternehmensfremde Website geleitet, berufen sich auf Informationen von dort und sind irritiert. „So was schädigt das Vertrauen.“ Es sei für traditionsreiche Unternehmen schwer, sich auf den neuen Umgang der Kundschaft mit dem inzwischen auch schon alten Medium Internet einzulassen. Doch führe kein Weg daran vorbei: „Die Kostenersparnis beim Telefon-Support ist enorm.“

Solch ein Umgang mit Informationen aus dem Netz hat Folgen. Wenn sich jedermann sein persönliches tägliches Informationspaket zusammenklicken kann, bleibt bei etablierten Medien weniger Platz für ungelesene und dennoch mitfinanzierte Rubriken für andere Leser. In den USA kämpfen viele Zeitungshäuser mit dem sich ändernden Leseverhalten: Am Dienstag erschien eine Tageszeitung von Seattle zum letzten Mal. Beim „San Francisco Chronicle“ scheinen die Lichter auszugehen. Die „Rocky Mountain News“ haben aufgegeben. „The Star Tribune“ in Minneapolis und die Zeitung von Philadelphia haben sich für bankrott erklärt.

Sind Städte ohne Zeitungen die Folge? Lokalrelevante „News“ gibt es zwar zunehmend im Netz, sei es über Google, Blogger oder die sozialen Netze, die dem einzelnen Informationen von irgendwo her aus dem Netz zusammenstellen. Doch wer den örtlichen Müllskandal oder die heimische Ortsratssitzung zuverlässig im Blick behält und darüber berichtet, ist bei aller Freiheit im Internet nicht mehr sichergestellt. Der US-Kommunikationsexperte Clay Shirky hat das auf der CeBIT beim Telekom-Trendforum erklärt und in einem viel beachteten Essay am vergangenen Wochenende zusammgefasst: „So sieht die Revolution aus. Das alte Zeugs geht schneller kaputt, als dass die neuen #Sachen sich zurecht#geruckelt haben.“ Es gebe noch kein neues funktionstüchtiges Geschäftsmodell in einer digitalen Welt, in der jedwede „News“ kinderleicht kopiert oder generiert werden könnte. Einziger Ausweg: „Experimente“ mit den neuen Medien.

Vielleicht solche, wie sie die „New York Times“ am Wochenende erprobte: „If you are serious about internet security, check this out: http://is.gd/nvf0 #ad“ hieß es da vom Twitterkonto der „Times“ aus – eine bezahlte Reklame war das. Im neuen Leseverhalten kamen viele Twitterteilnehmer nicht umhin, draufzuklicken, und sich anschließend von Werbung für ein Softwareprodukt bepixeln zu lassen. Das große Geschäft ist auch das gewiss nicht, aber in der weiter zunehmenden Atomisierung der Ware „News“ zählt am Ende der Entwicklung schon ein einziger Klick auf solch eine Werbung wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

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