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Medien Steve Jobs: Der Schatten des Zensors
Nachrichten Medien Steve Jobs: Der Schatten des Zensors
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20:10 05.05.2010
Er bestimmt, was erlaubt ist – und was eben nicht: Apple-Chef Steve Jobs. Quelle: dpa

Mit dem dazugehörigen App Store, in dem Zusatzprogramme, die sogenannten Apps, angeboten werden, scheint Apple eine Gelddruckmaschine entdeckt zu haben. Admob, ein Dienstleister für mobile Werbung, schätzt, dass Apple monatlich etwa 200 Millionen US-Dollar im App Store umsetzt, das wären 2,4 Milliarden US-Dollar im Jahr. Die Konkurrenz von Google soll mit ihrem „Android Market“ nur rund fünf Millionen Dollar im Monat erwirtschaften, also 60 Millionen pro Jahr. Nach dem Erfolg des iPhones und dem App Store folgt nun Apples nächster Schachzug: Das Unternehmen kündigte jüngst an, die Vermarktung digitaler Anzeigen für iPhone, iPod touch und das neue iPad in Eigenregie führen und dafür ebenfalls eine dicke Provision einstreichen zu wollen. Rund 40 Prozent des Ertrags bleiben bei Apple, 60 Prozent bekommt der werbende Kunde.

Die neue Plattform, die passend zum Gerätepark der kalifornischen Firma iAd heißt, startet diesen Sommer und kommt den Kunden der ersten Stunde teuer zu stehen. Denn via iAd kann eine digitale Anzeige, die laut Branchenkennern sonst zwischen 100.000 und 200.000 US-Dollar kostet, schnell mit rund einer Million Dollar zu Buche schlagen. Doch damit nicht genug: Apple hat angedeutet, dass Kunden, die noch im ersten Jahr ein Stück vom pixeligen Werbekuchen abhaben wollen, bis zu 10 Millionen Dollar auf den Tisch legen müssen. Exklusivität hat eben auch einen exklusiven Preis. Darüber hinaus will Apple zudem auch noch die Gestaltung der Anzeigen komplett übernehmen.

„Was Apple hier versucht, geht über alles Dagewesene hinaus“, zitierte das „Wa ll Street Journal“ einen Manager der renommierten Werbeagentur Havas. Doch trotz der gesalzenen Preise und der steigenden Kontrolle scheinen große Teile der Medienwelt das neue Angebot herbeizusehnen. Denn Apple dominiert nicht nur den Markt der Smartphones und Apps, sondern neuerdings auch den der Tablett-PCs. In nur 28 Tagen wurden bereits mehr eine Million iPads verkauft. „Das sind weniger als die Hälfte der 74 Tage, die es beim iPhone dauerte, um diesen Meilenstein zu erreichen“, jubelte Apple-Chef Steve Jobs in einer Pressemitteilung. Wo Apple draufsteht, lockt der Umsatz.

Bedenklich ist, dass trotz der fabulösen Zahlen, die Apple erwirtschaftet, Marketing- und Medienprofis anscheinend bei den Geschäftspraktiken des Unternehmens ein Auge zudrücken. So jubelte etwa Axel-Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner in einer US-Talkshow: „Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit diesem Gerät die Verlagsindustrie rettet.“ Dass Verleger und Redakteure den Chef eines Computerherstellers als Retter des Journalismus feiern, mag etwas über die Ratlosigkeit mancher in der Branche angesichts sinkender Abozahlen und schrumpfender Anzeigenmärkte sagen. Zumindest beweisen solch überschwängliche Lobeshymnen, dass Apple mittlerweile nahezu Narrenfreiheit zu genießen scheint. Was im App Store angeboten wird, bestimmt Apple. Und dabei wird nicht etwa nur die Funktion einer App beurteilt, sondern auch deren Inhalt. Wer meint, die Grenzen des engstirnigen Regelwerks austesten zu müssen, erlebt, wie schnell ein Programm gelöscht, gesperrt oder gar nicht erst zugelassen wird. Denn Apple, das romantisch verklärte Unternehmen, das in einer Garage gegründet wurde, mutiert zunehmend zu einem Zensor digitaler Angebote.

Nach den Programmen des „Stern“und der „Bild“, die wegen freizüglicher Bilder zensiert und zeitweise sogar gesperrt wurden, erfuhr auch der amerikanische Karikaturist Mark Fiore, der den politischen Alltag der USA zeichnerisch kommentiert, dass Apple humorlos ist, wenn es um die Sauberkeit der eigenen Marke geht. So wurde Fiores App, mittels der seine animierten Zeichnungen den Weg auf iPhone und iPad finden sollten, von Apples Prüfstelle als ehrverletzend eingestuft. Fiore gebe Politiker und Personen des öffentlichen Lebens in seinen spöttischen Zeichnungen der Lächerlichkeit preis. Erst als Fiore den renommierten Pulitzerpreis für seine Karikaturen erhielt, war Jobs zum Umdenken bereit. „Das war ein Fehler, der ausgebessert wird“, teilte dieser per E-Mail mit.

Apples Entscheidung, die Flash-Technologie von Adobe nach wie vor nicht auf iPad und Co. zuzulassen, rief das amerikanische Justizministerium sowie die Bundeshandelskommission auf den Plan. Die beiden Behörden wollen nun prüfen, ob ein Kartellrechtverstoß seitens Apple vorliegt. Jobs wies Vorwürfe zurück, er habe seine Entscheidung aus geschäftlichen Gründen getroffen. Kritiker entgegnen, dass Apple Entwickler zum Einsatz eines Apple-eigenen Programms zu zwingen versuche und so unabhängigen Wettbewerb verhindere.

Zahlreiche Medienwissenschaftler sehen auch bereits die Pressefreiheit in Gefahr. „Was wird passieren, wenn ein Journalist einen kontroversen Artikel über Abtreibungen oder Arzneimittel schreibt?“, fragte Wired-Redakteur Brian Chen in einem Artikel. „Werden aufgebrachte Leser ihre Beschwerdebriefe dann nicht mehr an den Herausgeber, sondern direkt an Apple schicken, und die Löschung des Artikels fordern? Und würde Apple sich dann fügen?“ Einen Ausweg sieht der französische Journalist Frédéric Filloux in Web Applikationen, also Programmen, die direkt auf einer Webseite laufen und somit nicht gesperrt werden können. „Das Internet ist schließlich das eine Vehikel, das am wahrscheinlichsten offen und neutral bleiben wird.“

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