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„Tatort“ – Tod einer Pornodarstellerin

Serie „Tatort“ – Tod einer Pornodarstellerin

Wer tötete Luna Pink? Im neuen Münchner „Tatort“ (Sonntag, 8. Oktober, 20.15 Uhr, ARD) ermitteln Batic und Leitmayr im Pornomilieu. Schwieriges Gelände. Wenn alle nicht mehr weiter wissen, wird in der Folge „Hardcore“ erst mal in typisch bairischer Gemütlichkeit ein Tee getrunken.

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Eine Tote am Drehort: Die Ermittler Batic (Miroslav Nemec, von links) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) besprechen sich mit Kriminalkommissar Hammermann (Ferdinand Hofer).

Quelle: Foto: BR

München. Marie legt noch mal Rouge auf, tuscht die Wimpern, sie schminkt sich die Erhabenheit von einem Ölgemälde ins Gesicht. Die Züchtigkeit der Mona Lisa steht ihr in den Augen, doch ihr Lächeln stammt aus unserem Jahrhundert: Kokett, ein wenig ordinär, die junge Frau verzieht die Schnute wie ein kleines Mädchen – nicht, weil sie Bonbons möchte, sondern weil sie einen Porno dreht. Marie (Helen Barke) tritt auf als rosa Häschen, umstellt von Rammlern. In ihrer Branche heißt sie Luna Pink, vor der Kamera verkörpert sie die Würde, wie man sie sonst von Vorstandschefinnen gewohnt ist. Marie macht sich nicht klein, die Männer tragen Tennissocken, sie selbst greift zu Plateau-Sandalen.

„Hardcore“ zeigt die Trauer nach der großen Pornosause

Die Regie (Philip Koch, der auch mit Bartosz Grudziecki das Drehbuch schrieb) erlaubt sich gleich zu Anfang einen Scherz: Über den Bildern liegt Operngesang, der sich zwar forsch, doch quälend schief zum Höhepunkt emporarbeitet. Großmannssucht, die immer wieder auf die Nase fällt. So ähnlich ging es ja auch zu im München der 70er-Jahre, als der Porno hier noch eine kuschelige Bühne hatte und die Halbwelt narrisch und spendabel war, wenn sich die jungen Damen ihren Glitzerfummel ausgezogen hatten. Heute ist alles anders, Porno ist umsonst im Internet, und wer die Sau rauslassen will, muss auf die Wiesn.

In dieser postkoitalen Depression, der Trauer nach der großen Sause, hat sich der Münchener „Tatort“ mit der Folge „Hardcore“ eingerichtet. Marie ist tot, erwürgt am Set, zwei Dutzend verschiedene Spermaspuren im Magen. Die beiden überaufgeklärten, nicht erschütterbaren Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl), von denen man über die Jahre immer noch nicht weiß, was sie privat so machen, besuchen Stella (Luise Heyer), eine Freundin von Marie. Denn auch Stella hat solche Filme gedreht. Die Kommissare kochen Stella einen Tee, das sind Momente, in denen man das alte München spürt: Man nahm sich Zeit zum Feiern, doch auch zum Trauern. Behäbigkeit und „Bussi, Bussi“, das war das Münchner Motto. Im neuen „Tatort“ bleibt davon nur noch der Blues.

Pikant: Die Tote ist die Tochter des Oberstaatsanwalts

Marie war die Tochter vom Oberstaatsanwalt. Batic und Leitmayr, graue Männer, die sich optisch immer ähnlicher werden, pokern aus, wer’s dem Vater beibringen muss. Einer soll sagen, dass die Tochter Pornos drehte, der andere, dass sie tot ist. Es liegt ein Fatalismus über diesen Fahndern, und wenn sie Stella fragen, ob sie die Filme freiwillig gedreht hat, fragt die zurück, ob die beiden freiwillig „Bullen“ geworden sind.

Tatsächlich, man hätte darauf gern eine Antwort, kriegt aber nur ein Kopfschütteln. So ist das in München: Moral und große, nebulöse Gesten prägen die Stadt, auch diesen „Tatort“, der sich übers Pornomilieu mitunter leise amüsiert. Meist sind es Typen mit Hakennase, die im Milieu das große Rad drehen, das ist natürlich dramaturgisch etwas billig. Nicht auszudenken, wie das Thema entgleisen würde, wenn es in die Hände der Münsteraner „Tatort“-Komiker Prahl und Liefers fiele. Batic und Leitmayr immerhin verkörpern eine permanente Bereitschaft zum Beileid. Im Grunde sind sie höhere Bestattungsunternehmer, die sich mit dem Tod auf einen rentablen Pakt geeinigt haben.

Beim Tee will der Krimi Münchner Gemüt zeigen

Die Mutter der toten Marie kommt bei Hauer vorbei, dem Pornoproduzenten. Eigentlich wollte sie ihm eine runterhauen, doch dann sagt der Produzent: „Ich koch’ jetzt erstmal einen Tee.“ Beim Tee will dieser Film immer so etwas zeigen wie Gemüt, und es ist konsequent, dass der Pornomann jetzt gerade keinen Tee in seiner Küche hat, nur einen Energydrink. Hauer war verliebt in Marie, die ließ ihn abblitzen. Hat er sie deshalb umgebracht?

Es gibt auch eine Gegenthese zum erzieherischen Ton der Story, denn Stella, Maries Freundin, sagt, sie fühle sich vom Sex mit Männern, die ihr nichts bedeuten, angezogen. Ihr Freund versteht das nicht. Gerade von diesen Widersprüchen lebt diese Folge, die einen originellen, liebenswerten Blick auf die Details wirft. Das große Ganze der Geschichte ächzt ein wenig, doch Stöhnen zählt hier halt zum Handwerk.

Von Lars Grote / RND

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