Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
Wechselt Thüringen zum Hessischen Rundfunk?

Umbau des MDR sorgt für Streit Wechselt Thüringen zum Hessischen Rundfunk?

Der Mitteldeutsche Rundfunk ist eine Drei-Länder-Anstalt. Jedoch ist Thüringen verstimmt und droht mit einem Wechsel – in den Westen, zum HR nach Hessen. Vielleicht verfolgt das Bundesland eine Strategie wie Niedersachsen vor vielen Jahren.

Voriger Artikel
Wer finanziert guten Journalismus?
Nächster Artikel
Energie aus der Hosentasche

Der MDR sitzt in Leipzig. Dort sind auch die meisten Arbeitsplätze angesiedelt. Thüringen könnte sich deshalb benachteiligt fühlen.

Quelle: dpa

Hannover. Drei Länder – aber nur ein Sender. Dieses Motto ging fast ein Vierteljahrhundert lang gut. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR), die öffentlich-rechtliche Anstalt für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, galt zwar spätestens seit dem Kika-Skandal als das Schmuddelkind der ARD, trotzdem war der Sender in der bundesdeutschen Medienlandschaft stabil und gefestigt.

Doch nun ist es anders: In der Thüringer Landesregierung wird offenbar darüber nachgedacht, die Seiten zu wechseln. Das wird unterschwellig vermittelt, die "Mitteldeutsche Zeitung" schreibt darüber, einen offiziellen Kommentar lehnt die Staatskanzlei in Erfurt ab. Nach einer Kündigung des MDR-Staatsvertrages, die jedoch frühestens in sechs Jahren möglich wäre, könnte sich Thüringen nach Westen orientieren und Teil des Hessischen Rundfunks (HR) werden.

Ist das nun eine Drohgebärde – oder steckt eine Neuorientierung dahinter? Tatsache ist, dass Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) lange in Hessen gelebt und den HR schätzen gelernt hat. Außerdem gilt der MDR in den Augen vieler linker Politiker als bieder und konservativ – und von Sachsen dominiert. Das spräche für ernsthafte Versuche eines Wechsels.

Andererseits wären die Fristen ungewöhnlich lang, kurzfristig sind kaum Änderungen möglich. Vielleicht nimmt sich Ramelow, ein gebürtiger Niedersachse, auch nur ein Beispiel an zwei Christdemokraten – den früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht und Christian Wulff. Beide hatten sich über die Hamburg-Dominanz des Norddeutschen Rundfunks (NDR) geärgert und mit Austritt aus dem NDR-Staatsvertrag gedroht. Am Ende erreichten Albrecht und Wulff mehr Regionalisierung in den NDR-Programmen – und eine Stärkung Hannovers.

Konkreter Auslöser sind Pläne der MDR-Intendantin Karola Wille. Sie will den Sender umbauen – und Online-Angebote verstärken oder konzentrieren. Mindestens 12 Millionen Euro sollen investiert werden in neue Studiotechnik  in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Ein neues digitales Kinderradio soll im sachsen-anhaltischen Halle angesiedelt werden, dort, wo bereits der Rundfunkbereich sitzt. Erfurt, Thüringens Hauptstadt, ginge demnach leer aus, obwohl dort doch schon der Kinderkanal Kika seinen Sitz hat.

Dies muss die Thüringer verstimmt haben, fühlten sie sich doch als Verlierer in der Drei-Länder-Anstalt. Tatsächlich waren bei der Gründung des Senders die Gewichte ungleich verteilt. Sachsen mit dem starken Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf wollte den MDR unbedingt, sein Thüringer Kollege Josef Duchac galt als schwach. Sachsen-Anhalt musste in jener Zeit überzeugt werden, folglich wurde Leipzig Sitz des Senders, Halle bekam den Rundfunkbereich mit bis zu 600 Mitarbeitern.

In Erfurt wurde das Werbefernsehen angesiedelt, das zwar nur rund 30 Arbeitsplätze hat, dafür aber die Aussicht auf hohe Gewerbesteuereinnahmen bot. Heute wirkt sich das nicht mehr aus wie damals, denn die Gewerbesteuerregeln sind geändert worden.

Trotzdem kam man den Thüringern in den Jahren danach entgegen: 1996 wurde, auch gegen interne Widerstände, der Kinderkanal für Erfurt durchgesetzt. Ein Missverhältnis bleibt allerdings bis heute: Sachsen hat 1500 MDR-Mitarbeiter, Sachsen-Anhalt 400, Thüringen nur 100.

Die nur beiläufig geäußerte, offiziell nicht bestätigte Austrittsdrohung aus Erfurt zeigt nun, wie festgefahren die Gespräche sind. Denkbar ist, dass Ramelow pokert – und am Ende erreicht, dass der MDR seinen Landesfunkhäusern, damit auch in Erfurt, mehr Kompetenzen (und Personal) gibt.

Von Nora Lysk und Klaus Wallbaum

Info

Öffentlich-Rechtliche: Es gibt neun Landesrundfunkanstalten, die für die Länder Hörfunk und Fernsehen veranstalten. Dazu zählen der BR, HR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR und eben der MDR. Unterschieden werden Mehr-Länder-Anstalten und Anstalten, die nur ein Land versorgen wie der BR.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Medien
HAZ-Volontäre gewinnen Medienpreis der Architektenkammer

Mit ihrer multimedialen Berichterstattung über die Wasserstadt Limmer haben die Volontäre der HAZ beim Medienpreis der Bundesarchitektenkammer den ersten Platz belegt.

Datenschutz im Netz: Diese Begriffe sollten Sie kennen