Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Vom Entertainer zum Dienstleister

Kai Pflaume Vom Entertainer zum Dienstleister

Kai Pflaume übernimmt den Show-Klassiker „Dalli Dalli“ und weitere Shows in der ARD. Warum die Zukunft im Fernsehen den vielseitig verwendbaren Allzweckmoderatoren gehört.

Voriger Artikel
Bei Twitter ist die Bahn jetzt pünktlich
Nächster Artikel
Poschmann hört beim ZDF-Sportstudio auf

Kai Pflaume war einst Berater für Liebesangelegenheiten bei RTL und SAT.1, nun soll er in der ARD gleich mehrere Abendshows moderieren.

Quelle: dpa

Dalli Dalli“. Es sind nur zwei Worte, doch sie wecken die Erinnerung an ein vergilbtes Kapitel der Fernsehgeschichte. Man denkt an Hänschen Rosenthal und daran, wie er vor Begeisterung jedes Mal in die Luft sprang, wenn einen Kandidaten der Geistesblitz erfasst hatte – und demnächst vielleicht auch an Kai Pflaume.

Kai Pflaume, das war Dr. Love, der Mann, der 18 Jahre lang für RTL und SAT.1 gebrochene Herzen gewissenhaft geflickt hatte. Dieser Mann hat nun ins Erste „rübergemacht“. Schon im Juli soll er für den NDR „Dalli Dalli“ reanimieren. Es ist keine leichte Aufgabe. Kai Pflaume ist nicht Hans Rosenthal. Hohe Sprünge sind nicht sein Ding. Der Mann liebt das diskrete Understatement. Warum sollte ausgerechnet ihm das Kunststück gelingen, einen Toten wieder zum Leben zu erwecken? Es ist eine Frage, die nicht halb so brisant wäre, wenn der Wechsel des SAT.1-Mannes ein Einzelfall wäre. Ist er aber nicht.

Moderatoren-Monopoly hat sich zur beliebten Trendsportart im öffentlich-rechtlichen Fernsehen entwickelt: Rücke vor bis auf Los – und schnapp den privaten Sendern ihre bekanntesten Gesichter weg. Den Jauch. Den Raab. Den Lanz. Den Opdenhövel. Oder eben den Pflaume. Die Neuzugänge werden dort eingesetzt, wo gerade ein personelles Loch gestopft werden muss – notfalls ohne Rücksicht auf ihre Kernkompetenz.

Kai Pflaume handelte einst mit Wertpapieren. Dann castete ihn die ARD auf der Straße als Kandidat für die schon legendäre Kuppelshow „Herzblatt“. Und Kai Pflaume wechselte die Seite. Als Moderator der Show „Nur die Liebe zählt“ verkaufte er fortan Gefühle. Weil das Geschäft nach 18 Jahren nur noch schleppend lief, macht er jetzt in der ARD auf Quiz. Anfang 2011 hat er Jörg Pilawa im Ersten als Moderator einer x-beliebigen Rateshow („Starquiz“) abgelöst.

Er mag nicht halb so begeisterungsfähig wie Rosenthal sein, aber er gilt als harter Arbeiter und als Mann mit Feingefühl. Geben wir ihm also zwei weitere Raterunden –„Klein gegen groß“ und „Familienbande“. „Dalli Dalli“ soll er auch stemmen. Die Rechte an dem Klassiker lagen beim NDR schon lange in der Schublade. Der Sender hatte sie dem ZDF und der Familie des verstorbenen Quizmasters Hans Rosenthal abgekauft. Einer musste es machen. Aber warum ausgerechnet Pflaume?

Es ist noch gar nicht so lange her, da war der Moderator eine Marke. Peter Frankenfeld stand für großkarierten Humor, Hans-Joachim „Kuli“ Kulenkampff für die hohe Kunst der Plauderei und Thomas Gottschalk für den Mut zur Blamage. Doch dieser Typus gilt als Auslaufmodell. Das duale Fernsehsystem hat den Prototyp des stufenlos verstellbaren Moderators hervorgebracht, der notfalls selber in den Ring steigt, um gegen seine Kandidaten anzutreten. Siehe Stefan Raab.

Dieser Prototyp hat sich auf den Spielwiesen des Privatfernsehens ausgetobt. Das erlaubt ihm ein sichereres Standing als den Kollegen, die in den Dritten Programmen der ARD versauern, weil es die Landesrundfunkanstalten versäumen, den eigenen Nachwuchs zu fördern. Er versteht sich eher als Dienstleister denn als Entertainer. Er ist gut organisiert und im besten Fall sogar sein eigener Produzent. Seine pragmatische Einstellung zu seinem Job wurzelt in der Erkenntnis, dass sich die Haltbarkeit von Formaten der von Milchprodukten angenähert hat.

Die neue Generation der Moderatoren muss sich dementsprechend breit positionieren, sagt Bernhard Fischer-Appelt, Inhaber einer der größten deutschen PR-Agenturen. Als Prototyp nennt er Günther Jauch. Der sei bekannt dafür, dass er aus jedem Kandidaten eine Geschichte herauskitzeln könne. Eine Fähigkeit, von der er bislang in jedem Job profitiert habe, egal, ob er „stern TV“ oder „Wer wird Millionär?“ moderiert habe.

Der Trend weg vom Show-Dino, hin zum Allrounder, er habe also auch Vorteile, sagt Fischer-Appelt. Die Moderatoren bekämen die Chance, sich weiterzuentwickeln – und das in der Regel eher im privaten Fernsehen als in der ARD oder beim ZDF. Als einzige Ausnahme fällt dem PR-Berater „Tagesschau“-Sprecherin Judith Rakers ein. Ihr Auftritt als Komoderatorin des Eurovision Song Contest in Düsseldorf hat ihm gefallen. Er verstehe nicht, warum das öffentlich-rechtliche Fernsehen die Macht der großen Geste nicht viel häufiger in seinen Unterhaltungsshows nutze.

Mit dieser Meinung steht er nicht allein. Die Nachricht, dass ausgerechnet der NDR den Showklassiker „Dalli Dalli“ mit Kai Pflaume reanimieren will, ist in der Branche entsprechend belustigt aufgenommen worden. „Hat der NDR so wenig eigene Ideen, dass er das Konzept vom ZDF kaufen musste?“, fragt sich etwa Wolfgang Penk. Er hat in den achtziger Jahren als damaliger ZDF-Unterhaltungschef die Ablösung von Frank Elstner bei „Wetten, dass...“ durch Thomas Gottschalk unfallfrei über die Bühne gebracht. Als Produzent hat er in den neunziger Jahren auch die Klassiker „Dalli Dalli“ und „Einer wird gewinnen“ (EWG) neu aufgelegt – mit unterschiedlichen Ergebnissen. EWG wurde nach nur drei Folgen wieder eingestellt. Jörg Kachelmann als Moderator sei wohl nicht der richtige Mann gewesen, sagt Penk heute.

„Es kann nicht jeder alles moderieren“, folgert Penk. Ob eine Show funktioniere, hänge zu 70 Prozent vom Moderator ab. Und da gelte die Regel: Je populärer ein Format schon sei, desto riskanter sei es, die Moderation einem schon bekannten Kollegen anzuvertrauen. Für den Coup mit Thomas Gottschalk, erinnert sich der 72-Jährige, sei er von den Zuschauern anfangs regelrecht verprügelt worden. Künftig habe „Wetten, dass ...“ nur mit einem originellen Nobody als Nachfolger eine Chance. Dagegen werde sich der Einstieg von Kai Pflaume bei „Dalli Dalli“ reibungslos gestalten, prophezeit er. Schließlich sei das Original ja schon so alt, dass sich die Zielgruppe gar nicht mehr daran erinnern könne.

„Klein gegen Groß“, ARD-Familienshow, Sonnabend, 11. Juni, 20.15 Uhr

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Medien
Augenblicke: Bilder aus Hannover und der Welt

Klicken Sie sich durch spektakuläre Fotos – ausgewählt von der HAZ-Redaktion.

Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.