Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 17 ° Regenschauer

Navigation:
Vor Lena war Wyn - ein Rückblick

Grand Prix Vor Lena war Wyn - ein Rückblick

Nein, Lena Meyer-Landrut war nicht die erste Hannoveranerin beim Grand Prix. Vor 50 Jahren trat ein 23-Jähriger namens Wyn Hoop an. Bürgerlich heißt er Winfried Lüssenhop, kam aus Hannover - und hasste Schlager. Ein Blick zurück.

Voriger Artikel
Mafiaserie "Im Angesicht des Verbrechens" startet auf arte
Nächster Artikel
Tablet-PC: Neuer Anlauf für das WePad

Wyn Hoop

Im Grunde hasste er Schlager. Diese ganze Welt von süßen Blondinen in getupften Tellerröcken und Strahlemännern mit pomadisiertem Haar, diese Wird-schon-alles-gut-werden-Romantik, das Zuckrige. „Damit hatte ich nichts zu tun“, sagt Wyn Hoop. „In meinen Kreisen hat Schlager nichts bedeutet.“ Wyn Hoop war ein Schlagerverweigerer. Er liebte den Jazz.

Schlohweißes Haar hat er heute, eine eindrucksvolle Mähne und ein Gesicht, das nach Weltumsegelung aussieht. Er ist 73 Jahre alt. Die Bilder von damals, Anfang der Sechziger, zeigen einen braven deutschen Buben mit Rehaugen, eine Gitarre auf den Knien. Damals, als der Rock ?n? Roll gerade das Licht der Welt erblickt, ist der 20-jährige Winfried Lüssenhop „amerikanisch orientiert“, mit Jazz und Swing.

„Peter Kreuder hat einige schöne Lieder geschrieben, die Knef einige gute Filme gemacht, aber von den meisten Sachen der deutschen Wirtschaftswunderkultur hielten wir nichts“, sagt er. Und dennoch: Wyn Hoop, am 29. Mai 1936 in Hannover als Winfried Lüssenhop geboren, wird einer der bekanntesten deutschen Schlagerstars der sechziger Jahre. Mehr noch: 1960 vertritt er Deutschland beim Grand Prix Eurovision de la Chanson. Nicht Lena Meyer-Landrut, sondern Winfried Lüssenhop ist der erste Hannoveraner beim Grand Prix. 50 Jahre ist das jetzt her.

Danach sieht es lange nicht aus bei den Lüssenhops. Mit fünf Jahren drückt der kleine Winfried zu Hause in Vahrenwald auf der Ziehharmonika herum, spielt Räuber und Gendarm in der Eilenriede. Nach dem Krieg – der Vater fällt im Russlandfeldzug – macht er eine Lehre bei der Post.

Etwas Ordentliches soll es schon sein, damals. Aber es gibt da eine Jazzkapelle, die „Capitellos“, der gehört sein Herz. „Wir haben zum Beispiel bachsche Fugen verjazzt“, sagt er. „Das war damals ungewöhnlich, aber wir waren jung, und den Leuten gefiel's.“ Als 17-Jähriger tingelt er mit den „Capitellos“ über Land. „In Hannover spielten wir im ,Café Corso?, in der ,Kajüte? und in der ,Gondel? im GOP.“ Ende der Fünfziger arrangiert er in Hamburg für Peter Ahrweilers „Kleine Komödie“ ein längst vergessenes „Singspiel“ (so hießen Musicals damals) mit dem schönen Titel „Ach, Luise?...“.

Da lernt er Franz-Josef Breuer kennen. Breuer hat ein Lied für den Grand Prix geschrieben, es heißt „Bonne nuit, ma chérie“. „Chéries“ haben damals gerade Konjunktur bei Schlagertextern, sechs Jahre später gewinnt ein gewisser Udo Jürgens mit „Merci Chérie“ für Österreich. Breuer sucht also einen Sänger für sein schwerblütiges Lied, denn damals bewarben sich Komponisten und Texter beim Grand Prix und suchten sich erst dann ihre Sänger. Für Wyn Hoop folgt: der Moment seines Lebens. Er sagt zu. Die „Capitellos“ stehen ohnehin vor der Auflösung – und Winfried Lüssenhops Solokarriere beginnt, erst unter dem Namen „Fred Lyssen“, dann als „Fried Lüssen“ und schließlich als Wyn Hoop. Der Name sah irgendwie international aus, das war cool.

Das war ein Jahr bevor John F. Kennedy der jüngste US-Präsident aller Zeiten wurde. Als krasser Außenseiter tritt Hoop am 6. Februar 1960 in der Rhein-Main-Halle in Wiesbaden beim deutschen Vorentscheid an. Im Publikum sitzen 15 gestrenge Juroren und 30 Zuschauer, die Damen gern in langen Kleidern mit weißen Handschuhen, die Herren beschlipst. Als haushohe Favoritin gilt „das aparte Fräulein Heidi Brühl“ (Moderator Werner Fuellerer) mit dem Hit „Wir wollen niemals auseinandergeh?n“.

Doch das „Mädchen vom Immenhof“ wird vom Prinzessinnenthron gestürzt und vergießt darob abseits der Kameras bittere Tränen. Wyn Hoop gewinnt. Unvergessen der zarte Schmelz in seiner Stimme bei den ewiggültigen Zeilen dieses frühen Grand-Prix-Klassikers, einer aufwendig arrangierten Bolero-Nummer, begleitet vom Tanzorchester des Hessischen Rundfunks: „Bei der großen Fiesta / tanzte ich mir dir allein / und die dunkelblaue Nacht / hat so glücklich mich gemacht / denn ich fühlte: Du bist mein. / Bonne nuit, ma chérie ...“ In der Sendepause tanzt zum Amüsement des geneigten Publikums ein Artist auf einem Schlappseil. So war das damals.

Wyn Hoop siegt also, und die Presse ist verwirrt: Wer ist bloß dieser „gelackte junge Mann“ („Frankfurter Nachtausgabe“), den noch niemand kennt? „Sensation bei der Schlagerparade: Ein Unbekannter siegte“, schreibt die „Bravo“. Aber statt die öffentliche Neugier zu befriedigen, verdrückt sich Wyn Hoop mit seiner neuen Frau für zwei Wochen auf eine einsame Skihütte in den Bergen. Keine Interviews. Die Plattenfirma ist nicht amüsiert. Aber was soll man machen? Hoop hat sich in die Wiener Sängerin Andrea Horn verknallt (bürgerlich: Hedi Prien) – die damals mit Trixie Kühn das Frauenduo Honey Twins bildete. Kennengelernt haben sich beide bei NDR-Aufzeichnungen 1959 in Hamburg-Lokstedt. Bis heute sind sie verheiratet.

Sieben Wochen später

London, Royal Festival Hall. Das Finale. Hoop muss als Elfter von 13 Teilnehmern auf die Bühne. Elf Punkte (davon vier aus Frankreich als Dank für den französischen Songtitel) reichen damals für Platz vier. Es siegt wdie Französin Jacqueline Boyer mit ihrem lieblichen Kinderlied „Tom Pillibi“. Für Holland tritt ein unbekannter Schlaks namens Rudi Carrell an – und wird mit dem Titel „Wat een Geluk“ nur Zwölfter. In der Heimat schätzt nun zwar die Fachwelt Herrn Hoop – allein, es kauft kaum jemand seine Platten.

Heidi Brühl dagegen landet mit „Wir wollen niemals auseinandergeh?n“ einen der größten deutschen Nachkriegshits. Also wird der Produzent Mal Sondock aus Texas engagiert. Unter dessen Ägide kopiert Wyn Hoop US-Klassiker von Johnny Cash bis Elvis mit deutschen Texten. Presleys „Are you lonesome tonight“ wird in Hoops Fassung als „Bis du einsam heut? Nacht“ leidlich erfolgreich – leidet kommerziell freilich erheblich unter der Tatsache, dass Peter Alexander den gleichen Titel bereits aufgenommen hat.

Es geht voran. Im Kinofilm „Ein Stern fällt vom Himmel“ mit Skiheld Toni Sailer und Eisprinzessin Ina Bauer singt Wyn Hoop den Titelsong, mit der finnischen Sängerin Pirkko Mannola schließlich gelingen Hits wie „Küsse im Mondschein“ (eine Coverversion von Brian Hylands „Ginny Comes Lately“) und „Mama, ich will dich sehen“. 1963 ist er mit Bobby Vintons Samba-Ballade „Blue Velvet“ erfolgreich, die in Deutschland aus mirakulösen Gründen in „Blue Moonlight“ umgetauft wird. Es folgt Schlager-Dutzendware im Duett mit seiner Frau: „Trommeln, Tänze, Tropennacht“, „Danke, Freunde“ und „Ich hab? Dich lieb“.

In den Siebzigern entdeckt Hoop als Produzent die Goombay Dance Band. 1978 aber beenden Hoop und Horn ihre Karrieren. Der Erfolg bleibt aus, der Schlager alter Prägung ist mausetot. Sie beschließen, ihr Hobby zu professionalisieren: Sie sind leidenschaftliche Segler und veröffentlichen seitdem mit großem Erfolg Segelreportagen und maritime Reiseführer. Sie leben in Hamburg. „Es war eine schöne Zeit, damals“, sagt Hoop. „Aber wir wollten uns nicht von diesem ganzen Flitter auffressen lassen“.

Und der Grand Prix? „Es hat Spaß gemacht, aber für meine Karriere war er eher unbedeutend.“ In den letzten Jahren sei der Eurovision Song Contest zu einem „Show-Contest“ degradiert worden. Aber Lenas Beitrag, sagt Hoop, habe „hohes Niveau, dank Stefan Raab. Der hat sich hervorragend mit viel Sachkenntnis engagiert.“ Und Lena? „Ich wünsche ihr viel Glück. Sie ist bezaubernd, professionell, und der Titel gefällt mir.“ 50 Jahre nach Wyn Hoop sieht es wieder so aus, als könnte Hannover etwas reißen beim Grand Prix.

Imre Grimm

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
mehr
Mehr aus Medien
Das sind Deutschlands beliebteste Nachrichtensprecher

"Wer ist ihr Lieblings-Nachrichtensprecher im Deutschen Fernsehen?", hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov gefragt. Ein Anchorman hat seine Konkurrenten mühelos abgehängt.

Anzeige
Datenschutz im Netz: Diese Begriffe sollten Sie kennen