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Wann ist ein Mensch ein Mensch?

Blade Runner 2049 Wann ist ein Mensch ein Mensch?

Regisseur Denise Villeneuve gelingt eine brillante Fortsetzung: „Blade Runner 2049“ knüpft am Original an und erzählt dennoch eine eigenständige Geschichte. Diesmal muss Ryan Gosling als Polizist K. die Replikanten liquidieren. Denn die proben den Aufstand gegen ihre Schöpfer.

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Replikanten-Jäger: Polizist K. (Ryan Gosling) muss die synthetischen Lebewesen aufspüren und liquidieren.

Quelle: Warner Bros. Pictures

Hannover. Erst hören wir nur seine Stimme aus dem Dunkel, dann taucht das Gesicht mit dem schief sitzenden Mund auf: Der offiziell für tot erklärte Replikantenjäger Rick Deckard ist wieder da, sauertöpfisch dreinblickend wie immer. In einem geisterhaften Spielcasino hat er sich die vergangenen Jahrzehnte versteckt. Unterhaltung boten ihm allein die singenden Hologramme von Elvis, Marilyn und Sinatra – und ein alter (Roboter?-)Hund, der noch struppiger ausschaut als Deckard selbst.

Polizist K

Polizist K. und Rick Deckard flüchten in den Ruinen einer vergangenen Zeit vor ihren Häschern.

Quelle: Warner Bros. Pictures

In der Zwischenzeit hat sich der Ex-Polizist viel an der Bar aufgehalten. Er hatte auch allen Grund dazu, denn er schleppt eine tragische Geschichte mit sich herum. Zwischen den Zähnen quetscht er den Satz hervor: „Manchmal muss man, wenn man jemanden liebt, ein Fremder bleiben.“

Erinnerung werden wieder wach

Da ist dieser 165 Minuten lange und ausgesprochen kurzweilige Film schon mehr als zur Hälfte rum, und wir wissen längst: Regisseur Denis Villeneuve ist tatsächlich das Kunststück gelungen, elegant an einem Meilenstein der Kinogeschichte anzudocken. Seine Fortsetzung ist Ridley Scotts „Blade Runner“ würdig, stellt große Fragen, knüpft am Original an – und erzählt doch eine eigenständige Geschichte. Ein furioses Science-Fiction-Werk in einem atemraubenden Design hat der Regisseur geschaffen. Die düstere Melancholie, von der auch schon der Film von 1982 durchdrungen war, hat endgültig von der Erde Besitz ergriffen (Kamera: Roger Deakins).

Die gespeicherten Kinoerinnerungen werden gleich wieder wach, wenn der aktuelle Roboterjäger Officer K. – der Gedanke an Kafka liegt nahe – zu Beginn über Los Angeles heranschwebt. Der Moloch liegt immer noch in Dauerregen, Dreck und Dunkelheit versunken. Villeneuve nimmt die Noir-Krimi-Ästhetik des Vorgängerfilms bruchlos auf: Die Umwelt ist mit Werbung vollgemüllt, Konzerne sind moralisch verrottet, und die Trennung zwischen Glücklichen und Unglücklichen auf dieser Erde wird brutal durchgezogen.

Die Kunstwesen wenden sich gegen ihre Schöpfer

Damals schien Scott seiner Zeit voraus, sein Film wurde von vielen Zuschauern zunächst gar nicht verstanden. Gegen den zeitgleich im Kino auftauchenden niedlichen Außerirdischen „E. T.“ hatte dieser Deckard keine Chance, dessen Zweifel immer mehr wuchsen, ob nicht auch er selbst einer jener Replikanten ist, denen er bei seinen Verfolgungsjagden gnadenlos in den Rücken schießt. Nun aber müssen wir immer wieder mal schlucken: In einer Szene hocken Hunderte von Kinder in einer rostigen Werkhalle und recyceln Computerschrott. Wer da nicht an die Ausgebeuteten in Afrika oder Bangladesch denkt, muss blind sein.

Wir schreiben nicht mehr das Jahr 2019 wie im Originalfilm, sondern 2049. Eine Umweltkatastrophe hat den Planeten ereilt (wenn auch keine Klimaerwärmung), und bei einem globalen digitalen Blackout sind beinahe sämtliche Daten aus der Zeit davor verschwunden. Die Menschen setzen alles daran, die Robotergenerationen früherer Jahre zu töten. Denn diese wagten es, sich gegen die Menschen zu erheben.

Robin Wright als eiskalte Lt

Robin Wright als eiskalte Lt. Joshi. Sie sendet ihre Jäger aus, um die Replikanten liquidieren.

Quelle: Warner Bros. Pictures

Doch nun entdecken die aktuell Mächtigen, dass in der Vergangenheit Unerhörtes passiert sein muss: Ein Baby wurde geboren – gezeugt von Replikanten! Sind die künstlich erschaffenen Arbeitssklaven etwa dabei, sich als eigene Spezies fortzupflanzen? Verfügen Sie nun womöglich über einen Erlöser in ihren Reihen? Die Hierarchie zwischen Menschen und Robotern könnte verloren gehen.

Regisseur Villeneuve gelingt eine bildgewaltige Dystopie

Polizist K. (Ryan Gosling, der vor Kurzem noch durchs „La La Land“ tanzte und hier ein bisschen zu emotionslos agiert) wird von seiner eiskalten Chefin (Robin Wright) in Marsch gesetzt. Er stößt bei seinen Nachforschungen auf Deckards Spur – und wird bald schon in noch tiefere Selbstzweifel gestürzt als sein Polizisten-Vorgänger: Was macht den Menschen aus? Sind es die Erinnerungen? Oder lassen sich auch diese überzeugend implantieren? Wo ist der große Unterschied zwischen dem genetischen und dem binären Code als Grundlage der Existenz? Hat ein Wesen, das geboren wurde, automatisch eine Seele? Können nur Menschen über sich hinauswachsen und für eine Sache sterben?

Ja, gelegentlich wird es ein wenig pathetisch auf Ks. meisterhaft entschleunigtem Weg, und ab und zu dröhnt auch die Musik ein bisschen zu mächtig und bedeutungsschwanger (mitverantwortlich: Hans Zimmer). Aber das sind kleinliche Einwände gegen diesen Film, der einen Sog ausübt und so reich an Assoziationen ist wie kaum ein anderer Science-Fiction-Film aus jüngerer Zeit (außer vielleicht Christopher Nolans „Inception“ und Villeneuves „Arrival“).

„Blade Runner 2049“ läuft wie ein Rausch vor unseren Augen ab. Auf simple Action verzichtet der Regisseur bei den Duellen zwischen K. und seinen Gegner (Jared Leto, Sylvia Hoeks) weitgehend, fürs Romantische ist eine künstliche Erscheinung aus dem Gefühls-Supermarkt zuständig (Ana de Armas).

Philip K. Dick, der Autor der Vorlage „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“, starb kurz vor der Premiere von Ridley Scotts Meisterwerk. Nun dient sein dystopischer Roman ein zweites Mal als Inspiration für einen faszinierenden Film, der die Themen des ersten klug fortspinnt. Bei der nächsten Oscar-Vergabe könnte tatsächlich mal wieder ein großer Studiofilm eine Rolle spielen.

Weitere Videos gibt es bei „Spätvorstellung - Das Kinomagazin“

Von Stefan Stosch/RND

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