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Wann wird’s mal wieder richtig lustig? - Der Untergang der "Titanic"

Satiremagazin Wann wird’s mal wieder richtig lustig? - Der Untergang der "Titanic"

Vom Stachel im Fleisch der Bundesrepublik zu einem müden Witzblatt: Das legendäre Satiremagazin "Titanic" steckt in einer tiefen Schaffenskrise.

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Was ist der Job der „Titanic“? „Wir schießen zurück“, sagte vor drei Jahren der damalige Chefredakteur Thomas Gsella

Quelle: dpa (Archiv)

Irgendwo muss er doch sein, der Witz. Irgendwo ganz hinten im Schädel, hinter den Deutsche-Bahn-Kalauern und den Handybenutzer-Scherzen. Vielleicht ist er auch unter den Schreibtisch gerutscht. Oder die Putzfrau hat ihn weggeschmissen mit den alten Kaffeebechern. Wo ist er bloß hin?

Kein Witz: Der Witz ist weg. Jahrelang flitzte er durch die leicht angegammelte „Villa“ in Frankfurt-Bockenheim, in der die „Titanic“-Redaktion zwischen alten Fahrrädern und Zeitungsstapeln residiert, das Flaggschiff des deutschen Humors, das „endgültige Satiremagazin“. Es machte Helmut Kohl zur Birne (80 mal war er auf dem Cover), schenkte „Zonen-Gabi“ ihre erste „Banane“, beschiss Thomas Gottschalk mit Buntstiften und holte mit Kuckucksuhren und Schwarzwälder Schinken die Fußball-WM 2006 nach Deutschland (danke dafür). Und jetzt plötzlich: kein Witz, nirgends.

Was ist der Job der „Titanic“? „Wir schießen zurück“, sagte vor drei Jahren der damalige Chefredakteur Thomas Gsella der „Frankfurter Allgemeinen“. Da war die Welt noch in Ordnung. „All diese Belästigungen, Raffgier, Dummheit und Lügen – alles, was die anderen in sich hineinfressen und runterschlucken – darauf antworten wir.“ Gsella (52) macht heute in politischen Gedichten. Der Chefredakteur ist ein anderer: Leo Fischer, 28 Jahre alt. Zwei Jahre war er Praktikant in Bockenheim, schrieb für die Webseite, dann wurde er Chef. Es sah aus, als wolle der in Ehren ergraute Laden damit zur Gegenwart aufschließen, in der die besten Gags eben nicht mehr „Titanic“-Titel sind, sondern YouTube-Filmchen, in der nicht mehr die „Harald Schmidt“-Redaktion die coolsten Punchlines schreibt, sondern irgendwelche anonymen Twitterer hinterm Harz.

Mission gescheitert. Titel des aktuellen Juni-Heftes: „Sommermärchen gerettet! Deutschland gewinnt Para-WM“, dazu ein Bild von Michael Ballack auf Krücken, Jogi im Rollstuhl, Tim Wiese mit Rundum-Kopfverband und einem Robert-Enke-Porträt mit Trauerflor (gab’s da nicht neulich erst Ärger?). Lustig? Eher kläglich. Die „harte Arbeit im Bergwerk des Humors“ (Gsella) hat keine Diamanten ans Licht befördert. Im Heftinneren: ein Scherz über pädophile Priester, eine zähe Janosch-Parodie („Oh, wie schön war Guantánamo“), ein rätselhaftes Stück über den kranken Innenminister Wolfgang Schäuble mit folgendem Schlusskalauer: „Schäuble ist da, wo er immer hinwollte: Er ist Bundeskanzler der Schmerzen. Gute Besserung!“. So verkrampft kann es wirken, auf Teufel komm raus Tabus brechen zu wollen. Geschmacklos? Gern! Aber dann muss es auch sitzen. Oder anders gesagt: Wer gackert, muss auch legen.

Ironie ist die Kunst, es nicht so zu meinen, aber irgendwie doch. Nur anders. Niemand hat diese Kunst beherrscht wie die „Titanic“. Niemand setzte den „Punch“, die treffende Spitze, wie einst die Print-Anarchisten der neuen Frankfurter Schule, die Gründerväter Robert Gernhardt, F.K. Waechter, Peter Knorr, Hans Traxler und Chlodwig Poth. Sie machten die „Titanic“ zum Mythos, vielfach verklagt, vielfach bekämpft. Geboren 1979 aus der Verspanntheit der siebziger Jahre – im selben Jahr wie die Grünen und die „taz“ – stieg sie in den Achtzigern zu einer Humorinstitution auf, zum wohltuenden Kontrapunkt, zum Stachel im Fleisch der Republik. Und sie brachte richtig Geld damals. Die „Titanic“ war ein krampflösendes Korrektiv im Medienmainstream. Gehobener Nonsens, lustige Anarchie, knallharte Politkritik zum Zwecke der Aufklärung in einem Land, das „Klimbim“ und Fips Asmussen für die Krone des Humors hielt.

Und heute? Im 31. Jahr ihres Bestehens ist die „Titanic“ egal geworden. Das ist bitter, denn das Missverstandenwerden ist wichtiger Bestandteil des Ironiehandwerks. Für den Satiriker ist der Zorn empörter Zeitgenossen immer auch willkommener Indikator gesellschaftlicher Unwuchten. Das braucht er. Daran will er sich reiben. Nichts ist schlimmer als ein Konsens-Scherzkeks, über den sich keiner aufregt. Nicht mal das April-Titelbild, auf dem ein Priester sich an Jesus zu schaffen machte, reichte für eine Anklage wegen Volksverhetzung – trotz 175 Presserats-Beschwerden. „Wir laden die Menschen ein, uns zu verklagen“, fleht Leo Fischer geradezu. Aber: Seine Linie ist unklar. Mehr Sprachkunst wie unter Gernhardt und Gsella? Mehr Aktionssatire wie bei Sonneborn? Man weiß es nicht. Und die Redaktion blutet aus. 2009 verließen die langjährigen Redakteure Stefan Gärtner und Oliver Nagel das Blatt.

Hans Zippert zappt bei der „Welt“, Gsella dichtet, und Martin Sonneborn, Gsellas Vorgänger und Gründer der Anti-Partei-Partei „Die Partei“, plant seine lustigen Medienguerilla-Attacken heute für Oliver Welkes „heute show“ im ZDF. Neulich fotografierte er für „Google Home View“ fremde Schlafzimmer – samt arglosem Ehepaar, das sich zwecks Anonymisierung schwarze Pappbalken vor die Augen hielt. Sieben Köpfe umfasst die Redaktion noch, dazu schmückt man sich im Impressum mit 42 „ständigen Mitarbeitern“, zu denen ehrenhalber freilich auch die bereits verstorbenen Legenden Robert Gernhardt und F.K. Waechter gehören. Die Alten: weg. Und Neue nicht in Sicht. Das ist umso bedauerlicher, als die schwarz-gelbe Regierung, die Euro-Rettungsaktion, der Hype um Lena, die Fußball-WM geradezu nach harter, satirischer Begleitung schreien.

Noch zehrt das Blatt von altem Ruhm. Aber es hat ihn bald aufgebraucht. Die Auflage liegt bei rund 60 000 verkauften Exemplaren monatlich, die Anzeigenkrise ist für die ohnehin fast anzeigenlose „Titanic“ kein Thema. Aber: Zwischen Verlag (Berlin) und Redaktion (Frankfurt) knirscht es seit Jahren vernehmlich. Und das Murren der Kundschaft wird lauter. Tödlicher Kommentar eines „Titanic“-Lesers im Internet: „Das geht schon langsam in Richtung Uli-Stein-Humor.“

Die Magisterarbeit von „Titanic“-Redakteur Mark-Stefan Tietze hieß einst „Komische Kommunikation – Ein theoretischer Entwurf“. Es scheint, als habe sich ein Kreis geschlossen.

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