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Medien Warum „Bild Politik“ zum Flop werden könnte
Nachrichten Medien Warum „Bild Politik“ zum Flop werden könnte
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18:00 06.02.2019
„Im Bauch Verunsicherung“: Nikolaus Blome und Selma Stern verantworten das Magazin „Bild Politik“. Quelle: Foto: ASV
Hamburg

Ein neues Printmagazin also. Das allein ist schon ein Wagnis. In einer Zeit, in der Gedrucktes unter Druck gerät, in der Zeitungsauflagen schmelzen und Verlage nach digitalen Zukunftsmodellen suchen, wirft der Springer Verlag ein neues wöchentliches Heft aus Papier auf den Markt: „Bild Politik“ heißt das Experiment, 50 Seiten stark, 2,50 Euro teuer. Am Freitag liegt das Blatt erstmals an den Kiosken – zunächst nur testhalber im Raum Hamburg sowie in Lübeck und Lüneburg. Seit Jahren wünscht man sich bei Springer ein eigenes politisches Wochenmagazin. Jetzt also: nächster Versuch.

„Bild Politik“ verzichtet auf klassische Ressorts. Keine „Innenpolitik“, keine „Außenpolitik“, stattdessen drei eher rustikal benannte Segmente: „Ärger“, „Freude“ und „Neugier“. Das soll „nah am Leser“ sein, natürlich, macht die Sortierung des öffentlichen Lebens aber nicht einfacher. Denn des einen „Freude“ ist des anderen „Ärger“. Die zweite Frage lautet, ob sich der Verlag mit „Bild Politik“ und der „Bild“-Zeitung nicht selbst kannibalisiert. „Bild“ hat sich unter Chefredakteur Julian Reichelt zum aggressiven, kulanzfreien und kampagnenfreudigen Menschenfischerblatt radikalisiert. Auf Emotionen setzen also beide.

Gerade erst ist ein neuer Printableger von Springer gescheitert

„,Bild Politik’ ist das Angebot an alle, die im Bauch Verunsicherung spüren, aber im Kopf Klarheit wollen“, sagt Nikolaus Blome (55), „Bild“-Politikchef und Vize von Reichelt. Er verantwortet das neue Magazin gemeinsam mit Selma Stern, der 32-jährigen Urheberin der Idee. Sie ist eigentlich Vorstandsreferentin News Media bei Axel Springer. Ihre journalistische Erfahrung ist übersichtlich: ein Praktikum bei der „Zeit“ in Hamburg, eines bei „Bild“ in Berlin. Aber sie hat Politik studiert und soll Vorstandschef Mathias Döpfner mit Details über ihre private Mediennutzung elektrisiert haben: Sie informiere sich ausschließlich aus dem britischen „Economist“ und der Seite Zwei der „Bild“ über Politik. Warum nicht beides verzahnen? Das Heft entsteht nun in der 40-köpfigen Politikredaktion von „Bild“.

Bedrucktes Papier? In einem Haus, das sich vor Jahren von den meisten seiner Printtitel trennte, um sich mit Haut und Haar der Digitalisierung zu verschreiben? Sie glaube, dass viele Menschen „weiterhin ein gedrucktes Heft in der Hand schätzen“, wenn es um die Einordnung des Wesentlichen gehe, sagt Stern. Aber auch sie weiß: Gerade ist Springer mit einem anderen Printprojekt schmerzhaft baden gegangen: Den hoffnungsfroh gestarteten Ableger „Fußball Bild“ hat der Verlag still beerdigt. Die Auflage lag zuletzt nach Brancheninformationen nur noch bei 22 000 Exemplaren. Doch im sechsstelligen Bereich müsste sich wohl auch die „Bild Politik“-Auflage einpendeln. Denn die geplanten Erlöse stammen fast komplett aus dem Vertrieb, also direkt vom Kioskkäufer. Werbung spielt eine untergeordnete Rolle.

Fakten und Gefühle versöhnen – das wird schwierig

Ohne einen gewissen Wagemut wird kein Verlag den Medienwandel überleben. Aber kann Springer wirklich das Segment der politischen Magazine aufmischen? Kann ein Printprodukt mit Boulevard-DNA Emotionalität und Wucht der sozialen Medien spiegeln, ohne zwangsläufig unausgewogen und lautsprecherisch zu werden – also zu spitz in der Zielgruppe? Die Verlockung, das diffuse Unwohlsein in Teilen der Gesellschaft in Umsatz umzumünzen, dürfte groß sein. „Bild Politik“ will nach Blomes Lesart aber Fakten und Gefühle versöhnen. In der sich verschärfenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung aber stehen sich beide unversöhnlich gegenüber, denn den Fakten sind Gefühle egal – und umgekehrt. Mehr noch: Fakten finden in der Hitze des Gefechts vielerorts nur noch dann Beachtung, wenn sie die eigene Gefühlslage stützen.

Der Markt für die Zielgruppe „besorgte Bürger“ ist hart umkämpft. Vor allem im konservativ bis rechten Spektrum spiegeln eine Reihe von Publikationen die Gefühlswelt deutscher Wutbürger wider – von der „Achse des Guten“ bis hin zu „Cicero“ oder „Compact“. Sie alle profitieren von der Loyalität einer Minderheit zorniger Merkelgegner, die sich dem vermeintlichen Mainstream widersetzt – und bereitwillig jeden verteidigt, der ihnen Bestätigung liefert. Parallel verlieren „Spiegel“ und „Focus“ – wie die meisten Zeitungen auch – konstant an Auflage. Nur die „Zeit“ stemmt sich mit ihrem Mix aus Wohlfühljournalismus und Gesellschaftskritik für „Manufactum“-Kunden gegen den Trend.

Springers alter Traum vom Politmagazin

Mit Neid hat man beim Springer Verlag lange auf den „Spiegel“ und in den Neunzigerjahren auch auf BurdasFocus“ geblickt: Ein eigenes politisches Magazin – das schien eine ideale Ergänzung zum Boulevard-Flaggschiff „Bild“ und der gemäßigteren „Welt“. 1973 musste Springers Monatsmagazin „Dialog“ nach Millionenverlusten aufgeben. 2010 stoppte der Verlag als Mitgesellschafter die Vorbereitungen für „Die Woche“, ein Projekt des ehemaligen „Spiegel“-Chefredakteurs Stefan Aust.

Wenn aber „Bild“ und „Bild am Sonntag“ mit ihrem streitlustigen Journalismus schon derart rasant an Zuspruch verlieren – wen genau will „Bild Politik“ dann mit seiner sanfteren Spielart der Politemotion erreichen? Gefühle und Fakten? Mit dem Grundsatz „Fakten, Fakten, Fakten – und immer an die Leser denken“ sind schon ganz andere gestartet. Und inzwischen tief in der publizistischen Irrelevanz versackt.

Von Imre Grimm

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