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Medien Warum der britische und der deutsche Boulevard nicht zu vergleichen sind
Nachrichten Medien Warum der britische und der deutsche Boulevard nicht zu vergleichen sind
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09:00 13.07.2011
Von Imre Grimm
Das Ende der "News of the World" könnte auch das Ende für den britischen Boulevard­journalismus bedeuten. Quelle: dpa
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Der Mann steht vor einer Wand von Monitoren. „Wecken Sie den Präsidenten!“, brüllt er. „Sagen Sie ihm, wenn er die Kabelgebühren nicht senkt, dann senden wir das Video von ihm und dieser Cheerleaderin in dem Motel in ­Chicago.“ Sein Blick flackert irre. „Und wenn er unterschrieben hat, dann senden Sie das Band trotzdem!“

Der Mann ist Fiktion. Elliot Carver heißt dieser gefräßige, von sich selbst besessene, mächtige Medienzar, Psychopath und Oberschurke im James-Bond-Film „Der Morgen stirbt nie“. Niemand sagt solche Sätze im wahren Leben. Niemand? Elliot Carver ist eine Karikatur von Rupert Murdoch, natürlich. Dem Mann, der sinnbildlich steht für alles, was am Journalismus böse ist: Menschenjagd, Skrupellosigkeit, Witwenschütteln, Blutrausch, Erpressung, Machtgeilheit.

Rupert Murdoch, dieser 80-jährige Nichttrinker, Nichtraucher und Nichtsportler mit dem Äußeren eines südenglischen Unkrautzupfers, hat den britischen Boulevard nicht erfunden. Aber er hat ihn zu dem System ausgebaut, das in diesen Wochen heiß lief und implodierte. Seit Murdoch 1952 mit 21 Jahren von seinem Vater zwei Zeitungen erbte, kaufte er alles auf, was zu kaufen war. Jeden Freitag flog er in neu erworbene Redaktionen, um spontan Leute zu feuern, die er als „totes Holz“ bezeichnete. „Monopole sind schrecklich – es sei denn, Sie besitzen ­eines“, befand Murdoch einst.

Und jetzt das. Die tiefste Krise der ­britischen Pressegeschichte. Totaler Ansehensverlust. Das Aus für die 168 Jahre alte „News of the World“ (NOTW). Der Skandal wird Murdochs Imperium nicht nachhaltig ins Wanken bringen. Was aber England gerade erlebt, die Beschleunigung des ohnehin unaufhaltbaren Medienumbruchs, bedeutet wohl das Ende für den britischen Boulevard­journalismus in seiner jetzigen Form. Dessen Herz schlug in der Fleet Street, wo früher Reporter mit vollgekritzelten Blöcken in die Redaktionen stürmten. Kaum 500 Meter lang ist die Straße im Zentrum Londons, hier erstrahlten Sterne und verglühten wieder. Und hier, in den Kneipen und Bars, wurde das Ideal vom trickreichen Reporter gepflegt, der die Grenzüberschreitung kultiviert, um mit allen Mitteln an seine Story zu kommen. „Die einzigen Qualitäten, die es für Erfolg im Journalismus braucht, sind rattenähn­liche List, vernünftige Manieren und ein bisschen literarisches Können“, schrieb Kriegsreporter Nicholas Tomalin, der 1973 im Jom-Kippur-Krieg starb.

Murdoch machte seine Millionenblätter mit Populismus, Sex, Gewalt und Klatsch groß

Boulevard – das ist ein schwammiger Sammelbegriff. Er bedeutet in jedem Land etwas anderes. In Frankreich fassen die meisten Journalisten ihre Mächtigen mit Samthandschuhen an. Echte Boulevardblätter: Fehlanzeige. In England dagegen machte Murdoch mit Populismus, Sex, Gewalt und Klatsch seine Millionenblätter groß – und schickte sie in einen knallharten Konkurrenzkampf untereinander (das klingt dann so: „Onkel quält Babys mit heißer Gabel“, „Aussätziger vergewaltigt Jungfrau“, „Monster-Baby geboren“). Für Reporter dieses Schlages entspricht das Manipulieren eines Handys eines entführten Mädchens nur dem Durchwühlen einer Mülltonne mit anderen Mitteln.

Und in Deutschland? Sind „NOTW“ und „Bild“, die einzige überregionale deutsche Boulevardzeitung (2,9 Millionen Exemplare täglich), Schwesterblätter im Geiste? Fest steht: Auch „Bild“ dehnt das Presserecht bis kurz vor die Bruchstelle, um Fotos von Straftätern zu drucken, Politik zu betreiben, Meinung zu machen. „Bild“ stellt Menschen an den Pranger und ist immer mal großkotzig, apodiktisch, infantil, populistisch und platt. Fest steht aber auch: Gegen die britischen Krawallblätter ist „Bild“ eine rumpelige, aber harmlose Gazette. Im Gegensatz zur „News of the World“ umgibt die heutige „Bild“ kein schwefliger Pulverduft mehr.

In England herrsche „das Gefühl, dass eine knurrende, unkontrollierbare Presse besser wäre als eine zahme, die den Mächtigen die Hände leckt“, meint der Berliner BBC-Korrespondent Stephen Evans. In Deutschland befleißigt sich der Boulevard dagegen eher einer simulierten Härte. Man tut streng und kumpelt doch rum. In Wahrheit versteht sich „Bild“ als Konsensmaschine, als Blatt der Mitte. „Seid nett zu den Lesern“, forderte Axel Cäsar Springer schon 1952. Chefredakteur Kai Diekmann träumt gern öffentlich vom „Dorfbrunnen“, der sein Blatt sein soll. Konsequenzen aus der „NOTW“-Affäre? Nicht nötig. „Das deutsche Presserecht ist viel enger gefasst“, sagt Diekmann.

Ein großer Teil der britischen Boulevardleser versteht das Sensationsgeschrei seiner Massenblätter auch als Realsatire, als absurdes Gesellschaftsspiel, als ironische Plattform für dumpfe Ressentiments (deutsche Fußballer mit Pickelhauben) und Sexismus (die Busenmädchen von Seite 3). Das Schlagzeilengedröhn der Fleet Street hatte lange – bei aller Zerstörungskraft, bei allem Sarkasmus – immer auch etwas Spielerisches. Der Verlust dieser Leichtigkeit unter dem Druck der wachsenden Konkurrenz bedeutete das Todesurteil. Plötzlich zeigte sich, dass abgehörte Telefonate einer verzweifelten Soldatenmutter doch eine andere moralische Qualität haben als eine Klatschgeschichte über Beckhams Baby. Das ging schlicht zu weit. England nimmt übel, und das kann England gut.

Der „Bild“-Leser hingegen nimmt ernst. Man komme ihm bloß nicht mit Ironie (von vereinzelten Wortspielereien abgesehen). Die ist seine Sache nicht. Insofern sind die Boulevardmärkte nicht zu vergleichen, auch wenn Burdas „Bunte“ laut „stern“ einst Horst Seehofer, Oskar Lafontaine und Franz Müntefering von der Agentur CMK ausspähen ließ – Kinderkram nach den Maßstäben der Londoner Journaille. Die großen deutschen Nachkriegsblätter hatten unterm Strich doch eher Aufbau und Aufstieg im Sinn, nicht Spaltung und Zerstörung. Es hat etwas Tröstliches, dass man nicht einmal „Bild“ zutraut, das Handy eines zehnjährigen Mordopfers abzuhören, während dessen Mutter um sein Leben bangt.

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