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Nachrichten Medien Wer finanziert guten Journalismus?
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00:15 17.10.2015
Medien sind inzwischen mehr denn je auf ihre Leser angewiesen, darauf, von ihnen geschätzt zu werden. Quelle: Dave and Les Jacobs
Berlin

Woran liegt es, dass manche Menschen die Qualität zweier T-Shirts besser voneinander unterscheiden können als die zweier Zeitungen? Marlis Prinzing stellte diese Frage beim diesjährigen Herbstforum der „Initiative Qualität“, eines Netzwerkes mehrerer Medienorganisationen. Mit ihrer Frage richtete sich die Professorin der Kölner Macromedia-Hochschule nur scheinbar gegen die Leser.

Sie verstand sie vielmehr als Appell an die Medien, als Rat, ihren Nutzern die Kompetenz zu vermitteln, wie Journalismus überhaupt funktioniert. Nur so verbessert sich ihrer Ansicht nach sein Stellenwert, nur so würden seine Qualität und sein Wert geschätzt. Schließlich sollten die Verbraucher nicht nur bei Kleidungsstücken oder Lebensmitteln wissen wollen, woraus sie bestehen, von wem sie stammen und unter welchen Bedingungen sie hergestellt worden sind.

„Qualität hat ihren Preis“ lautete das Thema des Forums, bei dem es vor allem um die Frage ging, wie guter Journalismus zu finanzieren ist. Längst sind Rubrikenanzeigen und weite Teile der Werbung ins Internet abgewandert. Sie bringen dort für Verlage erheblich weniger Erlöse ein – wenn sie nicht gänzlich an neue Konkurrenten verloren sind. Dadurch sind Medien inzwischen mehr denn je auf ihre Leser angewiesen, darauf, von ihnen geschätzt zu werden.

Guter Journalismus ist nicht kostenlos

Tatsächlich mussten Nutzer in den vergangenen Jahren jedoch den Eindruck gewinnen, Informationen seien im Netz jederzeit gratis verfügbar. Erst langsam stellt sich bei ihnen das Bewusstsein ein, dass guter Journalismus nicht kostenlos zu haben ist. Gleichzeitig erkennen Verlage, dass Sparen allein keine Lösung ist, wenn sie mit werthaltigem Journalismus Geld verdienen wollen. Entsprechend haben sich in jüngster Zeit ganz unterschiedliche Medienanbieter auf die Suche nach neuen Finanzierungsmodellen gemacht.

Welche, erläuterten bei dem Forum die Macher etablierter wie ganz junger Angebote. Der „Tagesspiegel“ etwa, ein klassischer Verlag, hat sich seinen Sitz in Berlin zunutze gemacht, um spezielle Informationsangebote für die Hauptstadt zu entwickeln, von Kongressen bis hin zu kostenpflichtigen Newslettern und agenturähnlichen Dienstleistungen für Dritte.

Das Watchblog „topfvollgold“, das Unwahrheiten und Persönlichkeitsrechtsverletzungen in der Regenbogenpresse dokumentiert, setzt auf die Spendenbereitschaft von Lesern und betroffenen Prominenten und hat es geschafft, dank eigener Seminarangebote als gemeinnützig anerkannt worden zu sein. Inzwischen erhalten Spender eine Quittung und können das Geld beim Finanzamt absetzen. Das ebenfalls wegen seiner Seminare gemeinnützige Recherchebüro „Correctiv“ schließlich finanziert sich sowohl durch Spenden und Monatsbeiträge seiner Leser als auch durch Stiftungsgeld.

Kein sicheres Finanzierungsmodell

In seiner Existenz gesichert oder gar dauerhaft gewinnbringend ist keines dieser Modelle. Hoffnung, dass sich das ändert, machte die Veranstaltung der „Initiative Qualität“ nicht. Stiftungen, sagte Jens Rehländer von der Volkswagenstiftung, könnten nur Impulse geben, aber keine langfristige Finanzierung leisten. Und angesichts eines Spendenanteils von gerade einmal 0,1 Prozent am Bruttosozialprodukt hierzulande zweifle er, dass so etwas Abstraktes wie Journalismus auf diese Weise gesichert zu finanzieren sei, gab der Medienwissenschaftler Stephan Ruß-Mohl zu bedenken.

Die Teilnehmer waren sich einig: Die beste Aussicht, Journalismus zu finanzieren, scheint der aufgeklärte Leser zu bieten. Derjenige also, der einen seriösen, gegen Propaganda, verdeckte Werbung und Banalitäten gefeiten Journalismus sucht. Wo sich Journalismus als werthaltig erweise, gebe es Hoffnung auf Zahlungsbereitschaft: ob gedruckt oder online, im Abonnement oder am Kiosk, für einzelne Artikel oder das komplette Angebot.

Am Ende blieb also die Frage, wie der Rezipient erkennen könne, was in der Flut von Medien und überall erhältlichen Informationen guten von schlechtem Journalismus unterscheidet. Übereinstimmend fanden Ruß-Mohl und Prinzing: durch das Vermitteln von Medienkompetenz. In Schulen sowieso, aber auch durch Medienjournalismus, der erklärt, wie Redaktionen, Verlage, Sender funktionieren und nach welchen Kriterien sie arbeiten.

Von Ulrike Simon

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